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Politik 6/2014

Ins Grüne fahren

Die Naturparke im Schwarzwald gewinnen den „Fahrtziel Natur-Award 2014”.

Foto: Achim Mende/STGFahrt zum Schluchsee: Die Anreise mit der Bahn gehört zum Schwarzwaldurlaub wie Kuckucksuhr und Bollenhut.

In der Natur die Ruhe genießen, mal einen Tag lang kein Auto sehen oder hören – das wäre zu schön. Doch wenn man im Wald, im Gebirge oder am See ankommt, ist die Blechlawine oft schon da. Den Parkplätzen, den Autos, die entlang der Wege parken, und dem Motorradlärm können Ausflügler auch in den Naturparken nicht entkommen. Hase, Dachs und Wildkatze sind vor dem Trubel bereits tiefer in den Wald geflohen.

Doch es geht auch anders. Ins Grüne fahren, ohne dabei die Natur zu schädigen – das ist das Konzept von „Fahrtziel Natur“, einer Kooperation der Deutschen Bahn (DB) mit den Umweltverbänden NABU, BUND und VCD. Einzigartige Landschaften, die mit dem Zug erreicht werden können, sind die Ziele. Diese unterstützt das Programm auch dabei, umweltfreundliche Mobilität vor Ort anzubieten.

Die Naturparke im Schwarzwald setzen das besonders gut um. Fast 40 Prozent der Touristen reisen mit der Bahn an. Mit der KONUS-Gästekarte können sie seit 2006 Busse und Bahnen in neun Verkehrsverbünden der Region kostenlos nutzen. Das schützt nicht nur die Natur vor Ort, sondern bietet den Besuchern eine klimaschonende, komfortable Alternative zum Urlaub mit dem Auto.

Auf der Wander- und Trekkingmesse TourNatur in Düsseldorf hat Bahnvorstand Ulrich Homburg den Schwarzwälder Naturparken dafür den „Fahrtziel Natur-Award 2014“ überreicht. „Mit der Auszeichnung würdigt die Jury vor allem, dass der Schwarzwald auch andere Regionen bei der Einführung öffentlicher Mobilitätskonzepte beraten hat“, verriet Dr. Kathrin Bürglen, Jurymitglied und Leiterin des Projektes bei der Deutschen Bahn.

Das Netzwerk

2001 gründeten die Umweltverbände gemeinsam mit der DB das Netzwerk „Fahrtziel Natur“. Heute sind 28 Nationalparke, Naturparke und Biosphärenreservate in Deutschland, Österreich und der Schweiz in 21 Fahrtziel Natur-Gebieten zusammengefasst. Seit 2009 werden die besten Konzepte jährlich prämiert.

„Unser Ziel ist eine Verlagerung von Urlaubsverkehr auf die Schiene. Wir wollen Initiatoren von nachhaltiger Mobilität Rückendeckung geben und sie bei der Kommunikation ihrer Angebote unterstützen“, sagte Kathrin Bürglen im Rahmen der Preisverleihung.

Für seinen Beitrag zum nachhaltigen Tourismus wurde „Fahrtziel Natur“ unlängst selbst prämiert. Der ökologische Verkehrsclub Österreich ehrte das Programm mit dem VCÖ-Mobilitätspreis 2014 in der Kategorie internationale Projekte.

Auf dem Treppchen

Mit dem zweiten Platz zeichneten die Preisrichter die Sächsisch-Böhmische Schweiz mit dem Nationalparkbahnhof Bad Schandau aus. Der weltweit einzige Nationalpark, in dem Straßenbahnen fahren, ist über den Bahnhof an den DB-Fernverkehr angeschlossen und auch mit der tschechischen Bahn gut zu erreichen. Den Sachsen spielte in die Karten, dass der „Fahrtziel Natur-Award” ein Mobilitätspreis und keine Auszeichnung für den modernsten Bahnhof ist: Klaus Brähmig, Vorsitzender des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz und Bundestagsabgeordneter der Region, merkte in seiner Präsentation an, dass der Bahnhof das letzte Mal zum Besuch des nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung gestrichen worden sei. Der seit langem Verblichene besuchte den Ort noch zu DDR-Zeiten.

Mit dem dritten Platz hat die Jury das saarländische Biosphärenreservat Bliesgau ausgezeichnet. Hier bringt ein „Biosphärenbus“ die Besucher ans Ziel. Er fährt auf einer 54 Kilometer langen Strecke stündlich durch das Schutzgebiet. Der Bus hält an drei Bahnhöfen, an denen Touristen zusteigen können.

Verträglich Reisen

„Um das Klima zu schützen, sind nachhaltige Tourismus- und Freizeitangebote unentbehrlich. Dazu gehören gerade die umweltverträglichen Mobilitätskonzepte“, erklärte der VCD-Vorsitzende Michael Ziesak in seinem Vortrag auf der Fahrtziel Natur-Veranstaltung. „Ein Drittel aller CO2-Emissionen in Europa verursacht der Verkehr. In Deutschland ist der Anteil der Wege für Freizeitaktivitäten und Urlaub in etwa doppelt so hoch wie der von Pendlern“, so Ziesak weiter. Mit der Bahn in den Urlaub zu fahren, stelle für Reisende eine klimaschonende Alternative dar.

Die Deutsche Bahn selbst stellte in Düsseldorf vor allem ihr Umweltengagement in den Vordergrund. „Heute werden bereits 75 Prozent aller Fahrten im Fernverkehr der Bahn mit regenerativer Energie bewältigt. Damit sind wir meilenweit vorn, was den CO2-Ausstoß pro Personenkilometer angeht“, sagte Ulrich Homburg bei der Preisverleihung.

Während die DB sich als „Umwelt-Vorreiter“ positioniert, werfen ihr Kritiker überzogene Marketingaussagen vor. Dominik Seebach vom Öko-Institut kritisiert, dass die Bahn fast ausschließlich Ökostrom zukaufe, der sowieso in die Netze eingespeist werde. Auf mittelfristige Sicht entsprächen die Zielvorgaben für die Anteile an Strom aus regenerativen Quellen dem Maß, das im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) als Zielvorgabe für den gesamtdeutschen Strommix festgelegt sei. Der Anteil von Strom aus regenerativen Quellen falle im Nah- und Güterverkehr deutlich geringer aus als die von der Bahn viel beschworenen 75 Prozent im Fernverkehr. Der Gesamtanteil lag 2013 lediglich bei 35 Prozent. Um sich als Vorreiter der Energiewende zu präsentieren, reiche das nicht, so Seebach. Der Wissenschaftler ist der Auffassung, dass die Bahn selbst in die Produktion von Ökostrom investieren oder durch ihre Bezugsverträge solche neuen Investitionen zumindest aktiv fördern müsse, um ihrem Anspruch gerecht zu werden.

Unabhängig von der Kritik gilt: Wer sich ein Wiedersehen mit Hase, Dachs und Wildkatze wünscht, fährt in Zukunft besser mit Bus und Bahn in die Natur.

Benjamin Kühne

fairkehr 2/2019