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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

Titel 4/2014

Kulturlandschaft erhalten

Mit welchen Maßnahmen der Raumordnung, der Stadt- und Verkehrspolitik kann eine weitere Zerstörung ökologisch wertvoller Flächen verhindert werden? Ein Interview mit Dieter Apel.

Foto: Volker LannertAuch Straßenbahnen müssen sich mal ausruhen und brauchen dafür Platz. Autoparkplätze brauchen jedoch ein Vielfaches an Fläche.

fairkehr: Es wird allgemein von „Zersiedelung“ gesprochen. Wie wirkt sie sich aus und welche ökologischen und gesellschaftlichen Belastungen ergeben sich?

Dieter Apel: Ein wesentliches Problem der Entwicklung unserer Städte ist ihre gestreute Ausbreitung in die Fläche. Zum hohen quantitativen Verlust an zumeist bäuerlicher Kulturlandschaft kommt hin­zu, dass die Streuung von Baugebieten und in der Folge auch neue Verbindungsstraßen die überkommene Kulturlandschaft durchschneiden und zerstückeln. Diese Siedlungsstruktur verursacht hohe Kosten für die gesamte technische Infrastruktur, etwa für den Bau von Straßen, Leitungsnetzen oder für die Anbindung mit Bahn und Bus. Sie verursacht ferner mehr Autoverkehr und somit mehr Luftschadstoffe und Lärm.

Wie könnte man das komplexe Thema Flächennutzung angehen?

Es braucht ein übergreifendes Herangehen. Eindimensionale Projekte und staatliche Förderung ohne Beachtung der Zusammenhänge können sich als nutzlos oder kontraproduktiv herausstellen.

Nehmen Sie das Beispiel eines Neubau-Wohngebietes am Rand der Großstadt, das aufgrund aufwändiger Wärmedämmung und Sonnenenergienutzung mit minimaler Zusatzenergie für den internen Verbrauch auskommen soll. Obwohl die Stadtregion über leistungsfähige Schienenverkehrsnetze verfügt, ist dieser neue Standort nicht direkt erschlossen. Es wird nur eine wenig attraktive Busverbindung dorthin geben. In der Folge werden Bewohner wie auch ihre Besucher überdurchschnittlich viel das Auto nutzen. Der höhere Energieverbrauch für Verkehr würde die Einsparung an Wärmeenergie zum großen Teil wieder aufheben.

Foto: VCD/Andreas LabesDieter Apel (77 Jahre) war mehr als zwei Jahrzehnte am Deutschen Institut für ­Urbanistik (Difu) in Berlin als Raum- und Verkehrswissenschaftler tätig. Er engagiert sich bei der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) und ist dem VCD wegen seiner ­langjährigen Mitgliedschaft im Wissenschaftlichen Beirat verbunden.

Was gehört zu einer übergeordneten Vernetzung und wer soll sie herstellen?

Wir beobachten eine neue Attraktivität der Stadt. Diesen Trend sollten die Kommunen aufgreifen, das heißt, Leben und Wohnen in der Stadt objektiv anziehender zu gestalten: Dazu gehört, die öffentlichen Räume – Plätze und Straßen – den Menschen als städtischen Lebensraum zurückzugeben. Dazu müssen die Städte die Dominanz des Autos beenden und den stadtverträglichen Verkehrsmitteln Vorrang einräumen.

Wer müsste denn außerhalb der Kommune aktiv werden?

Ideal wäre eine neue Gebietskörperschaft, wie sie zum Beispiel die Region Hannover geschaffen hat. Diese zweite kommunale Ebene müsste die übergeordnete Regionalplanung für das Gebiet der gesamten Stadtregion übernehmen. Sie müsste politisch legitimiert und mit Kompetenzen ausgestattet sein, die ihr erlauben, Flächennutzung nach übergeordneten Gesichtspunkten zu organisieren, – das heißt die Einheit von Baugebiets- und Verkehrsentwicklung steuern, Vorrang für die Innenentwicklung der Städte einräumen, Natur- und Kulturlandschaften schützen und Energiestandorte und -versorgung sichern.

Welche Wirkung hat die Politik in Bund und Ländern auf die Flächennutzung?

Es ist dringend erforderlich, dass Bund und Länder ihre Wirtschafts-, Verkehrs- und Steuerpolitik mit den Zielen der Raumordnung abstimmen. Es bestehen noch etliche staatliche Förderungen und steuerliche Regelungen, die Anreize zu weiterer Zersiedelung liefern, anstatt die Entwicklung innerhalb der Städte zu fördern. Dazu gehört die Grunderwerbsteuer. Ich bin dafür, dass sie komplett abgeschafft und stattdessen eine Flächenverbrauchsteuer für Bauland auf der grünen Wiese eingeführt wird. Im Außenbereich der Stadtregion sind die Grundstückspreise relativ niedrig und bieten damit einen Anreiz zur Zersiedelung. Es sollte an einen festen Steuerbetrag pro Quadratmeter Grundstücksfläche gedacht werden, der so hoch liegt, dass er Wirksamkeit entfalten und das bisherige Steueraufkommen kompensieren kann.

Hält der Trend zur weiteren Zersiedelung an?

Eine andere Entwicklung ist möglich, das verpflichtet uns. Wird das Leben und Wohnen in der Stadt anziehender, wachsen die Chancen, weitere Inanspruchnahme von freier Landschaft erheblich reduzieren zu können.

Interview: Uta Linnert

Buchtipp

„Vom richtigen Umgang mit begrenzten Flächen“ lautet der Untertitel des im oekom-verlag 2012 erschienenen Buches „Landschaft und Landnutzung“. Damit ist schon treffend beschrieben, worum es geht: Autor Dieter Apel beschreibt kenntnisreich, wie weitere Verluste durch Bebauung, industrialisierte Landwirtschaft und Straßenbau begrenzt werden können, damit gewachsene europäische Kulturlandschaften erhalten bleiben.

Dieter Apel: Landschaft und Landnutzung. Oekom Verlag 2012, 176 Seiten, 19,95 Euro.

fairkehr 2/2022

Cover der fairkehr 2/2022 zum Thema "Parkraum"