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Editorial 4/2014

Ich google mir ein Auto

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Elon Musk ist ein Verrückter. Verrückt im eigentlichen Sinne des Wortes, weil er Dinge tut, die man nicht tut. Er hat die kalifornische Elektroautofirma Tesla erfunden, über die die große etablierte Autoindustrie höhnte und lachte. Tesla tüftelte und baute weiter am nutzbaren E-Auto.

Inzwischen wird die Premiumsparte in Teilen der USA über Tesla definiert, nicht mehr über Mercedes, BMW oder Audi. David wird Goliath gefährlich. Und er treibt die Großen vor sich her. BMW, gerade sehr stolz auf seine i3- und i8-Elektroautos, war sehr irritiert, als Musk anbot, all seine Patente offenzu legen. Die Botschaft dahinter: Schneller, Jungs. Ran an die neue Autowelt.

Die andere Bedrohung für die normale Autoindustrie heißt Google. Kürzlich angelte sich der Internetkonzern den fast 70-jährigen Manager Alan Mulally, der gefeiert wurde für die Rettung der Detroiter Auto-Ikone Ford. Jetzt arbeitet der Automann im Rentenalter mit hunderten verrückten Ingenieuren am Google-Auto. Deren selbstfahrende Schmusekugel löste natürlich erneut Hohn und Spott der Goliaths aus. Aber auch hier lohnt der gewagte Blick in die nahe Zukunft. Man stelle sich vor, die selbstfahrenden Google-Autos stehen in Flotten in unseren Städten und Dörfern herum. Mit dem Smartphone kann ich jederzeit an jeden Ort eines bestellen. Mein Ziel gebe ich über Spracherkennung an, das Auto berechnet nach aktuellen Verkehrsdaten Fahrzeit und Preis.

Klar, es bleiben Versicherungs- und Haftungsfragen, die Konkurrenz zum herkömmlichen Auto, zum öffentlichen Verkehr und zum Taxigewerbe. Was die Unfallgefahr angeht, haben die Statistiker von Google gute Argumente: 95 Prozent aller Verkehrsunfälle passieren durch menschliches Versagen. Der Crash, weil der Fahrer gerade durch SMS-Tippen abgelenkt war, wäre mit Autopilot quasi abgeschafft. Man stelle sich außerdem vor, dass alle selbstfahrenden Autos mit einem Tempolimit von 20 km/h unterwegs wären. Gefähr­­­licher als heute wäre diese digitale Verkehrswelt wohl nicht. Aber zu Recht löst diese Fernsteuerung Fragen nach dem Verlust individueller Freiheit aus, und wir wissen seit Edward Snowden, dass Google & Co fiese Dinge mit unseren Daten anstellen. Da braut sich etwas ­zusammen, könnten Kritiker sagen. ­Andererseits, die Zahl der notwendigen Gemeinschaftsautos wäre ein Bruchteil der derzeit oft funktionslos herum­­­stehenden Privatautos. Es entstünden ­gigantische Freiräume in unseren
Städten.

Auch Daimler arbeitet mit einer Turnschuh-Abteilung an der neuen Welt. Nicht nur die Kleiderordnung ist dort anders. Die App „Moovel“ bereitet die multimodale Mobilität nutzerspezifisch auf. Zusammen mit dem firmeneigenen Carsharing-Unternehmen Car2Go ­machen die neuen Mobilitätsdienstleistungen bei Daimler schon 100 Millionen Euro Umsatz weltweit.

Es liegt Veränderung in der Luft. Ich bin sicher, dass die VCD Auto-Umwelt­-liste in 25 Jahren ganz anders aussehen wird als heute. Die Jubiläumsausgabe dieser bewährten Verbraucherinformation finden Sie in der Heftmitte, in neuem Layout und wie immer sehr ­solide recherchiert.

Michael Adler

fairkehr 2/2019