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Titel 3/2014

Schweben über La Paz

In Bolivien nimmt das größte städtische Seilbahnprojekt der Welt Fahrt auf.

Foto: Gitti MüllerDer Blick von oben auf La Paz: Fahrgäste staunen über das Häusermeer und die verwinkelten Straßen, die sich die Hänge hinaufziehen.

Wer in diesen Tagen die neue Seilbahnstation von La Paz sucht, muss sich nur an den langen Menschenschlangen orientieren: Sie erstrecken sich über mehrere Häuserblöcke der bolivianischen Großstadt und enden im ehemaligen Bahnhof. Hinter dessen historischer Fassade verbirgt sich nun der zentrale Einstieg zum Teléferico, dem größten städtischen Seilbahnprojekt der Welt.

Geduldig hintereinander aufgereiht warten Bauern in ihren traditionellen Ponchos, Anwälte in Anzügen, Hausfrauen mit großen Sonnenbrillen und hochhackigen Schuhen neben den indigenen „Cholitas“, den traditionell gekleideten Frauen mit ihren mehreren Lagen bauschiger Röcke und dem typischen Melonenhut. Ich reihe mich geduldig ein in die bunte Schlange unter der brennenden Sonne aus tiefblauem Andenhimmel. An rund vierzig Probetagen durften die Einwohner von La Paz und El Alto, der Stadt auf der Hochebene, die sich nahtlos an  La Paz anschließt, gratis mit der Seilbahn fahren. Sie sollen auf das neue Verkehrsmittel vorbereitet werden.

Begleitet wird die Aktion von einer massiven Kampagne in Presse, Fernsehen und auf Facebook. Über eine Million Passagiere haben die Bahn inzwischen ausprobiert. Allein an diesem Betriebstag werden zwischen 5 Uhr morgens und 23 Uhr nachts 30000 Menschen transportiert. Der Teleférico ist Stadtgespräch. Ende Mai wird die Bahn dann offiziell eröffnet.

Foto: Gitti MüllerNeben der roten Linie, die gerade in Betrieb genommen wurde, soll es bald noch mindestens zwei weitere Seilbahnlinien geben.

Ein alter, gehbehinderter Mann mit Poncho hat sich hinter mir angestellt. Er kommt vom Land und wollte ein paar Sachen in El Alto einkaufen. Da hat er von der Seilbahn gehört und will sie unbedingt ausprobieren. „Haben Sie keine Angst?“, frage ich ihn auf Aymara, der Sprache der Ureinwohner. Er lacht: „Warum soll ich Angst haben“, sagt er und zeigt auf die schneebedeckten Gipfel der Anden, „siehst du die Tatas nicht, die Götter, die auf den Bergen wohnen? Die werden mich beschützen.“ Nicht nur die Götter stehen dem alten Mann bei, auch ein Polizist nimmt sich seiner an. „Kommen Sie mit mir, ich bringe Sie gleich zum Gondeleinstieg“, sagt er und der Alte zwinkert mir zu. Selbst wenn die Götter da nachgeholfen haben sollten, die Facebookkampagne wirbt damit: Alte, Schwangere, Frauen mit kleinen Kindern und Behinderte müssen nicht warten. Sie dürfen die Aufzüge benutzen und haben direkten Zugang zu den Gondeln.

Ein modernes Verkehrsmittel

Die neue Seilbahn ist ein modernes Verkehrsmittel und transportiert zudem eine Philosophie. „Uniendo nuestras vidas“ lautet der Slogan. Soll heißen: unsere Welten verbindend. Der Teleférico verbindet die „obere“ Stadt El Alto mit der „unteren“ Stadt La Paz. In beiden Städten des Ballungsraums leben je rund eine Million Menschen. Dazwischen liegen nicht nur 1200 Höhenmeter, sondern auch Welten: die der Armen und der Reichen, die der Arbeiter und der Unternehmer, die der Indigenen und der Weißen. El Alto liegt auf einer kargen Hochebene 4000 Meter über dem Meeresspiegel. Mehr als 90 Prozent der Einwohner sind Aymara und Quechua, also indianischer Herkunft. Die reichere, weil klimatisch begünstigtere Stadt La Paz mit Regierungssitz, kommerziellem Zentrum und den Wohnvierteln der Mittel-und Oberschicht befindet sich darunter liegend in einem zerklüfteten Kessel mit schwindelerregenden Schluchten und zahlreichen Nebentälern. Eine Topografie, die den Bau von Straßenbahnen oder einer Metro praktisch unmöglich macht. Aber wie prädestiniert ist für ein Seilbahnsystem. Evo Morales, Präsident von Bolivien und selbst Aymara aus einfachsten Verhältnissen, will diese Welten zusammenfügen. Mit einem Seilbahnsystem, das er zur Chefsache erklärt hat und mit dem er bei der Bevölkerung punkten kann.

Inzwischen bin ich in die eigentliche Station vorgedrungen. Sie ist ultramodern und in der Farbe Rot gehalten. Denn diese Seilbahn ist eine von drei Linien: die rote Linie. Daneben wird es eine gelbe und eine grüne Linie geben. Aber die sind noch nicht fertig. Die Zugänge und Aufzüge hier in der Station sind behindertengerecht. Auch die Gondeln sind für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen leicht zugänglich. Personal weist die Passagiere ein: „Bitte Rucksäcke und anderes Gepäck nach vorn nehmen. Bitte durchrücken und zügig einsteigen.“ Die Seilschleife läuft immer mit der gleichen Geschwindigkeit. Damit das Ein- und Aussteigen auch für Ungeübte problemlos gelingt, werden die einzelnen Gondeln in der Station ausgekuppelt. So verlangsamen sie ihr Tempo auf 0,2 m/sec.

Ausgelassene Stimmung

Endlich ist es so weit: Zusammen mit sieben anderen Passagieren besteige ich die Gondel. Für eine Skifahrerin ist das nichts Neues, aber alle anderen Mitreisenden besteigen zum ersten Mal in ihrem Leben eine Seilbahn. Francis, eine Cholita, hat ihren traditionellen bunten Awayu, ein gewebtes Tuch, mit dem die Aymarafrauen Lasten auf dem Rücken tragen, auf dem Schoß deponiert und klammert sich an ihn.

Foto: Gitti MüllerHier gehts nicht zum Skifahren, sondern in die Nachbarstadt: Seilbahnprojekt Teleférico.

Die Gondel schwebt aus der Station und unter uns tut sich ein Meer an Häusern und verwinkelten Straßen auf. Francis ruft noch schnell die Götter an und bittet um ihren Schutz. Als die Gondel dann ruhig und gleichmäßig mit 18 km/h dem Himmel entgegenschwebt, entspannen sich ihre Gesichtszüge. Ungläubiges Staunen und Begeisterung liegt in den Gesichtern der Passagiere. Miriam, eine junge Aymarafrau, muss fast täglich von El Alto in die Stadt La Paz fahren, wo sie Getränke und Süßigkeiten verkauft. Wird sie künftig mit dem Teleférico fahren? „Ja, wenn ich in Eile bin“, antwortet sie lachend. Die Verkehrsverbindung über die Straße ist etwa 15 Kilometer weit. Der Minibus braucht je nach Verkehr vierzig Minuten bis eine Stunde. Unsere Gondel macht die Strecke in zwei Minuten. Noch ist nicht klar, wie teuer die Fahrt sein wird. Der Minibus kostet zwei bis drei Bolivianos, das sind etwa 20 Eurocent. Ein bolivianisches Gesetz besagt, dass Verkehrsmittel kompetitiv sein müssen, das heißt, eines darf nicht wesentlich teurer oder billiger als ein anderes sein. Meine Mitfahrer schätzen, dass die Fahrt um die vier Bolivianos, das sind ungefähr 40 Eurocents, kosten wird.

Inzwischen ist die Stimmung in der Gondel ausgelassen. Fotos werden gemacht, die Namen der überschwebten Stadtviertel aufgezählt, Straßennamen geraten. Auch ich erkenne einige Viertel aus früheren Besuchen wieder. Öfter habe ich mich in den neunziger Jahren zu Fuß auf den Alto hochgequält, wenn die Chauffeure der Kleinbusse und Taxen wieder mal streikten. Fast drei Stunden dauert der Weg bergauf. Jetzt liegen die steilen Straßen, die ich damals keuchend erklommen habe, unter uns. Stoßstange an Stoßstange reihen sich rußende Kleinbusse und schrottreife Kollektivtaxen, die noch nie einen TÜV und schon lange keine Werkstatt mehr gesehen haben. Alle sind in privaten Händen. Öffentlicher Nahverkehr: Fehlanzeige.

Die ersten Buslinien mit festen Abfahrzeiten und Haltestellen hat die Regierung erst kürzlich eingeführt. Die Linie Puma Katari war der Startschuss für den öffentlichen Nahverkehr. Aber die Buslinien sind nicht das Mittel der Wahl. Die Regierung von Evo Morales setzt für La Paz auf alternative Verkehrsmittel, eben auf die Seilbahn. Drei Linien mit insgesamt elf Haltestellen und 443 Gondeln sollen bis Ende 2014 in Betrieb sein. Und, so munkelt man, weitere Linien könnten im Laufe der nächsten Jahre hinzukommen. Ein ganzes Seilbahnnetz, das modernste der Welt.

Technik aus Österreich

Boliviens Präsident Morales hat die Seilbahn in der Stadt im Hauruck-Verfahren durchgezogen. Mit einer für südamerikanische Verhältnisse ungewöhnlichen Entschlossenheit und Konsequenz. Dabei setzt er voll auf die neuen Technologien: interaktive Karten, bargeldlose Zahlungsmittel und sogenannte Multimodule an allen Seilbahnstationen. Multimodule heißt: Es wird Parkplätze, Buszubringer und Fahrradstationen an den Haltestellen der Seilbahn geben. In El Alto, wo das Fahrradfahren auf der andinen Hochebene schon heute beliebt, aber wegen des chaotischen Verkehrs ziemlich gefährlich ist, soll demnächst ein Fahrradweg von der Seilbahnstation zur Universität eingerichtet werden, verspricht der Bürgermeister von El Alto.

Die Seilbahn als Verkehrsmittel soll Evo Morales in Caracas entdeckt haben. Vielleicht war es auch das gute Verhältnis zum österreichischen Präsidenten Fischer, das das Vorhaben beschleunigt hat, meint Torsten Bäuerlen. Er ist Koordinator des Megaprojektes und Mitarbeiter der Firma Doppelmayr. Die Seilbahnfirma aus Österreich hat nicht nur sämtliche Technik, Stützen und Gondeln geliefert, sie ist auch das Generalunternehmen für den Seilbahnbau in La Paz. Das heißt: Die fast 40 Doppelmayr-Leute vor Ort bauen, nehmen in Betrieb, sind für die Ticketbüros, die Haltestationen und sogar für die Eröffnungsfeierlichkeiten zuständig.

Unsere Gondel läuft auf der Mittelstation, dem Friedhof, ein. Die Tür öffnet sich, aber niemand will aussteigen. Eine Mitarbeiterin fragt freundlich, ob alles in Ordnung sei, ob niemand Herzprobleme habe oder keinem schwindelig sei. In jeder Station gibt es eine Notfallversorgung mit Arzt und Sauerstoff. Gut zu wissen für Touristen, die oft Schwierigkeiten mit der dünnen Höhenluft haben. Aber hier in der Gondel sind alle wohlauf und die Fahrt geht weiter.

Nur leise dringt das Konzert von Hupen und Motoren zu uns hoch. Grandios ist der Ausblick auf das gigantische Häusermeer vor dem schneebedeckten Illimani, dem mit fast 6500 Metern zweithöchsten Berg der Anden in Bolivien. Dieses Schweben über dem Verkehrschaos ist eine Auszeit. Auch meine Mitfahrerin Francis ist inzwischen ganz entspannt. Sie lacht und scherzt, wie lange die Seile wohl halten werden und wie es wohl wäre, wenn man bei Stromausfall genau über dem Friedhof anhalte und dort übernachten müsse. Ob dann wohl die Seelen der Verstorbenen nicht auch in der Seilbahn Platz nehmen wollten?

Das mit den Seelen kann ihr niemand beantworten. Aber für den Fall des Stromausfalls haben sich die Konstrukteure gewappnet. Ein System von Dieselgeneratoren könne die Seilbahn unabhängig zweieinhalb Stunden lang mit Strom versorgen, hatte Torsten Bäuerlen erklärt. Zeit genug also, die Passagiere sicher zur Station zu bringen. Als Francis das hört, ist sie endgültig beruhigt, und als unsere Gondel nach zehn Minuten Fahrt wohlbehalten in die Station „El Alto“ einfährt lacht sie und sagt: „Das war toll, das will ich öfter machen, danke Evo!“    

Gitti Müller

fairkehr 5/2019