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Titel 3/2014

Die essbare Stadt

Andernach am Rhein verwandelt städtische Grünanlagen und Blumenbeete in Gemüsegärten.

Foto: Stadtverwaltung AndernachIn Andernach können Bürger gratis Obst und Gemüse ernten. Es wächst auf öffentlichen Flächen.

Sogar aus Texas, Rotterdam und Russland kamen schon Delegationen angereist. Die „Essbare Stadt“, das größte „Urban Gardening“-Projekt Deutschlands im rheinland-pfälzischen Andernach, ist eine Attraktion. Mit dem weltgrößten Kaltwassergeysir, der sein Wasser 60 Meter hoch spuckt, stehen sie im Guinness-Buch der Rekorde. Aber die Welt nimmt von der kleinen Stadt am Rhein erst Notiz, seit sie Gemüse pflanzt. Die Tatsache, dass die Stadt einen erheblichen Teil ihrer Grünanlagen in nutzbare Obst- und Gemüsegärten verwandelt, liegt im Trend der Zeit und ist doch etwas Besonderes.

„Wir sind die Einzigen, die das Modethema „Urban Gardening“ von der Stadt aus, also top down betreiben“, erklärt Lutz Kosack den Unterschied zu den zahlreichen Gemeinschaftsgärten, die vor allem in Großstädten aus dem Boden sprießen. Der Andernacher Landschaftsökologe hat das Konzept entwickelt und mithilfe einer offenen, innovativen Stadtverwaltung umgesetzt. Auf vielen Grünflächen mitten in der Stadt pflanzt die Stadt heute Tomaten, Kohlköpfe und Stangenbohnen an. Und obwohl das Projekt aus den Amtsstuben heraus organisiert wird, kommt es erfreulich unbürokratisch daher. Ausdrücklich ist „Pflücken erlaubt“ statt „Betreten verboten“. Passanten können auf dem Nachhauseweg mal eben einen Salatkopf ernten, die Erdbeeren für den Nachtisch pflücken oder der Liebsten einen bunten Blumenstrauß mitbringen. Alles kostenlos. Die Stadt holt das Grün in ihre Mauern zurück, der Dualismus zwischen Stadt und Land bröckelt angesichts bunter Blumenwiesen am alten Stadtgraben, eines artgerechten Hühnerhofs und Stangenbohnen, Stachelbeeren und Kiwi.

Kosack ist es wichtig zu betonen, dass die komplette Grünraumpflanzung in Andernach inzwischen ökologisch ausgerichtet sei. Doch dabei bleibt die „Essbare Stadt“ nicht stehen. Es ist nicht nur ein grüner Blütentraum. Das Projekt rechnet sich ökonomisch, verschönert ästhetisch den Stadtraum und macht Andernach sozialer. Das zeigt sich nicht nur an den sechs in der gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft „Perspektive“ angestellten Langzeitarbeitslosen. „Die Essbare Stadt hat einen Gefühlspunkt berührt“, sagt Kosack, „es gibt ein großes Bedürfnis, Natur zu begreifen, auch in der Stadt“. Und die 100 verschiedenen Sorten Tomaten, die sie vor zwei Jahren in die Stadt pflanzten, das war begreifbare Biodiversität. Natürliche Vielfalt zum Reinbeißen.

Im Rhythmus der Jahreszeiten

Im Vorfeld waren sich die Kritiker sicher, dass die Felder durch Vandalismus verwüstet würden, dass einzelne raffgierig die ganze Ernte bei Nacht und Nebel nach Hause tragen würden. Nichts davon ist passiert. „Es gibt so etwas wie einen archaischen Respekt vor Lebensmitteln“, glaubt Kosack. In einem Wortspiel ergänzt er schmunzelnd: „Andernach ist jetzt ein Lebensmittelpunkt.“

Und ja, die städtischen Gärten von Andernach haben etwas mit Mobilität zu tun. Räume der Entschleunigung seien das, sagt Kossak. „Ziehen Sie mal an einem Blatt, das wächst dadurch nicht schneller.“ Die Menschen erlebten wieder sichtbar den Rhythmus der Jahreszeiten, werden buchstäblich geerdet. Es entstehen Flächen mitten in der Stadt mit hoher Aufenthaltsqualität.

Eine Völkerwanderung vom Land zurück in die Stadt ist allerdings noch nicht festzustellen, allenfalls in Einzelfällen. „Von einer Frau weiß ich“, sagt Lutz Kosack, „die überlegte, sich irgendwo anders am Mittelrhein niederzulassen. Die hat sich dann für uns entschieden. Weil eine Stadt, die solche Gärten anlegt, auch sonst einen weiten Horizont haben müsse.“ Und noch andere Menschen kommen in die Stadt. Im Gegensatz zum Kaltwassergeysir vor den Toren der Stadt verlangen die Andernacher für ihre Gärten keinen Eintritt. Dennoch werden Kohlbeete, Blumenwiesen und Geysir jetzt oft im Paket gebucht und bescheren auch der Innenstadt Touristen.

Trotz des Erfolges tritt Kossak beim Ausbau der Essbaren Stadt auf die Bremse. 5000 Quadratmeter hat die Stadt bisher bepflanzt, und jedes Jahr werden es nur ein paar hundert mehr. Das Ganze soll organisch wachsen, die Bürger machen Vorschläge und die Stadt prüft, wo ein Ausbau wirklich sinnvoll ist.

Foto: Stadtverwaltung AndernachDer Hühnerhof in der Burgruine gehört mit zum Konzept.

Am Stadtrand wurden parallel 14 Hektar Landwirtschaft in sogenannter Permakultur angelegt. Das ist regional angepasste Biokultur. Hier gibt es auch galoppierende Schweine und Rinder, einen Mandala-Garten und die Saatgutreserve für den Innenstadtanbau. 500 Andernacher Kinder sind jedes Jahr auf diesem Gut und lernen, dass Kartoffeln nicht in Frittenform wachsen und Zucchini nicht auf Bäumen. Ein Traktoranhänger mit einer eingebauten Plexiglasscheibe zur Beobachtung des Bodens und der Wurzelentwicklung rollt über die Schulhöfe der Stadt und bringt den Kindern den Ackerbau nahe.

Dass die Stadt das Projekt in Frage stellen könnte, hält Kosack für sehr unwahrscheinlich. „Es ist einfach für jeden etwas drin, auch politisch. Die FDP betont den freiheitlichen Charakter des Ganzen, jeder könne einfach so ernten, perfekt. Die Grünen loben natürlich den ökologischen Wert der Gärten. Die SPD begrüßt die Beschäftigung der Langzeitarbeitlosen und die weiteren sozialen Effekte und die CDU findet ihre konservativen Werte bestätigt.“

An den Kosten wird es wohl auch nicht scheitern. Kosack rechnet vor: Die klassische Grünanlage mit Wechselbepflanzung kostet die Stadt 60–70 Euro pro Quadratmeter. Der städtische Geoökologe hat diesen Preis mit einer bunten Trockenstaudenmischung bei deutlich höherer Vielfalt auf 10 Euro reduziert. Was hier gespart wird, kann dann in die Kultivierung der Nutzgärten investiert werden. In der Summe bliebt das Ganze kostenneutral, bei wenigen Zehntausend Euro. Wenn man nur die Böden und Pflanzen betrachtet. Aber der Image­gewinn für Andernach ist enorm. Die Stadt wird mit Preisen überhäuft: Land der Ideen, ZeitWissen Preis, „Lebenswerte Stadt“ und, und, und. Und Kosack verweist auf einen Stapel Zeitschriften. „Der Werbewert allein der Artikel und der Fernseh- und Radiosendungen, die über uns berichten, geht in die Millionen.“

Im nächsten Jahr will Lutz Kosack Schafe in einem Gehege am Rhein halten und möglicherweise auch Schweine. So viel ist sicher: Eine Schweinewiese in der Stadt, das wäre das nächste Bild, das von der kleinen Stadt am Rhein um die Welt gehen würde.    

Michael Adler

fairkehr 5/2019