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Titel 3/2014

Testlauf: ökomobile Stadt

Konrad Otto-Zimmermann ist der Erfinder des Ecomobility ­Festivals, bei dem Menschen einen Monat lang ausprobieren können, wie ihr Stadtviertel ohne Autos funktioniert.

fairkehr: Was ist ein Ecomobility Festival?

Konrad Otto-Zimmermann inszeniert Zukunft. Der ehemalige Generalsekretär bei ICLEI ist jetzt Creativ Direktor von Ecomobility Festivals.

Konrad Otto-Zimmermann: Es ist die Möglichkeit für ein Stadtquartier, einmal eine andere, vielleicht zukunftsweisende Nutzung des Straßenraums auszuprobieren. Heute ist die Straße zu einem Blechkistenlager verkommen. Autos stehen in den Städten zu 95 Prozent still. Für das Ecomobility Festival befreien wir das Viertel von den Autos und parken sie außerhalb. Kitas, Schulen, Läden, Restaurants oder Cafés können dann diesen Raum für sich nutzen. Der Sammelparkplatz befindet sich in fußläufiger Reichweite. Jeder kann sein Auto also weiternutzen.

Wie lernen die Menschen umweltfreundliche Fortbewegung kennen?

Wir stellen im Viertel die gesamte Palette an ökologischer Mobilität kostenlos zur Verfügung: alle möglichen Fahrräder von Tandems bis zu dreirädrigen Lastenrädern mit und ohne elektrischen Hilfsantrieb. Wir möchten, dass die Menschen vier Wochen lang ausprobieren können, was außer dem Auto noch an Mobilitätsformen möglich ist. Zu Fuß gehen, Rad fahren, kleine E-Mobile für ein oder zwei Personen nutzen oder eben elektrische Autos in Form von Carsharing.

Warum dauert das Festival einen Monat?

Damit die Menschen die ökomobilen Alternativen auch unter den Bedingungen des alltäglichen Lebens erfahren. Autofreie Sonntage sind keine Kunst. Die zeigen nicht, wie die Stadt tatsächlich ohne Auto funktionieren könnte. Sie sind immer ein Ausnahmezustand. Sonntags muss man nicht einkaufen, zum Zahnarzt, zur Schule oder zum Job. Wir wollen aber die Normalität ökomobil ausprobieren.
Im südkoreanischen Suwon hat letztes Jahr im September das erste Festival stattgefunden. Was ist das Ergebnis?

Ich hatte das Ecomobility Festival dort als Verkehrsprojekt initiiert. Nach den vier Wochen stellte sich aber heraus, dass es viel mehr ein Sozialprojekt war. Die Bewohner nannten als Hauptnutzen das gemeinschaftsbildende Element, dass Nachbarn nach fünfzig Jahren des Anein-ander-vorbei-Lebens wieder miteinander sprachen. Und dass auch innerhalb der Familien wieder mehr gesprochen wurde.

Was war der Auslöser?

Jeder hat sich die Frage gestellt „Einen Monat ohne Auto – geht das?“ Darüber wurde kontrovers diskutiert. Zu mehr Mit­einander führte natürlich auch der freie Straßenraum. Die Menschen gingen in den vier Wochen einfach auf die Straße und trafen sich. Es gab natürlich auch Skeptiker. Ich habe richtige Streitgespräche geführt. Aber wenn die Menschen dann verstanden hatten, dass es um Umweltschutz und bessere Raumnutzung geht, waren die meisten doch dafür. Teilweise sind anfängliche Skeptiker zu den größten Befürwortern geworden und ha­ben sogar Teilveranstaltungen mitorganisiert. Natürlich gab es auch bis zum Schluss einen kleinen harten Kern von Leu­ten, die dem nichts abgewinnen konnten.

Und nach vier Woche war alles vorbei?

Ja. Danach wurde der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt und das war es. Es ist Teil des Konzeptes, dass wir die Zukunft nur für einen Monat in den Kiez holen. Danach kann jeder für sich werten und sagen „Gott sei Dank ist der Spuk vorbei“ oder „Hilfe, jetzt kommen die Autos wieder zurück.“ Was daraus folgt, liegt dann ganz bei den Bürgern.

Was ist in Suwon dem Festival gefolgt?

Die Stadt hat zwei Round-Table-Gespräche veranstaltet. Das erste war für die Leu­te aus dem Viertel. Die haben sich mehrheitlich gewünscht, dass im Kiez eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 20 km/h eingeführt wird. Sie möchten außerdem die zwei Hauptstraßen parkplatzfrei gestalten und je­den Monat ein autofreies Wochenende durchführen. Und die Stadt soll wildes Parken überwachen. Knöllchen werden in Suwon bisher nicht verteilt. Der zweite Runde Tisch war für alle Stadtbewohner. Bei einer Live-Meinungsumfrage sprachen sich die meisten dafür aus, dass die Stadt ihre Ver­kehrsplanung ökologischer gestalten soll.     

Interview: Valeska Zepp

fairkehr 5/2019