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Editorial 3/2014

Die höhere Stufe der Zivilisation

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Ob eine Stadt zivilisiert ist, hängt nicht von der Zahl ihrer Schnellstraßen ab, sondern davon, ob ein Kind auf einem Rad überall unbeschwert hinkommt.“ Diese Definition stammt vom ehemaligen Bürgermeister der ­kolumbianischen Stadt Bogotá, Enrique Peñalosa. Prüfen Sie selbst den Zivilisa­-tionsgrad Ihres Gemeinwesens, in dem Sie leben.

Mitte Mai organisierte der VCD im Rahmen seines europäischen Clean-AirProjektes ein Expertengespräch zum Thema „Luftschadstoffe und Umweltzonen“. Die sehr lebendige Fachdiskussion ging auch der Frage nach, ob man politisch dafür bestraft wird, wenn man zugunsten der Gesundheit aller ein Fahrverbot für alte Autos in besonders belasteten Bereichen durchsetzt. Wolfram Birmili, Experte des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung, berichtete von seinen Messungen in Leipzig und einer kleinen Umfrage seiner Mitarbeiter dort. Die Kenntnisse über die Ursachen der Umweltzone waren bei der überwiegenden Mehrheit der Leipziger Bevölkerung sehr hoch. „Die Menschen finden die Maßnahme richtig“, berichtete Birmili, „sie wollen Umweltzonen, weil die saubere Luft zum Atmen ein menschliches Grundbedürfnis ist“, sagte er.

Weitere Beispiele der modernen sozialen Stadt finden Sie in unseren Titelgeschichten. Im rheinischen Andernach pflanzt die Stadt Obst und Gemüse auf ehemals langweiligen Grünanlagen und Blumenrabatten. Die Kritiker prophezeiten Vandalismus und Habgier. Es entsteht genau das Gegenteil: Achtsamkeit und soziales Leben. Der dortige Projektleiter Lutz Kosack konstatiert einen archaischen Respekt vor Lebensmitteln.

Aus Korea berichtet Konrad Otto-Zimmermann von seinem EcoMobility-Projekt. Hier wurde ein Viertel der Stadt Suwon einen Monat lang vom Auto ­befreit. Zimmermann wurde von den Effekten überrascht. Was als Verkehrsprojekt gestartet war, entpuppte sich als Sozialprojekt. Die Bewohner nannten als Hauptnutzen, dass Nachbarn nach Jahren des Aneinander-vorbei-Lebens wieder miteinander sprachen, dass sogar innerhalb der Familien wieder mehr ­gesprochen wurde.

In Dhaka in Bangladesch fahren ein paar junge Intellektuelle Fahrrad, weil sie den Wahnsinn des explodierenden Autoverkehrs nicht mehr ertragen. Es sind schon 38000 und sie werden immer mehr. Sie finden nicht nur eine andere Art der Fortbewegung, sie finden Freunde. Die Gruppe der Bangladeshi Cyclists wurde buchstäblich zu einer sozialen Bewegung.

Was hindert uns im Autoland Deutschland, voranzugehen, auch in der Mobilität? Was ich feststelle, ist eine irrationale Hysterisierung der Debatte, wenn jemand offen die Allgegenwart des Autos beschneiden will. Mit Vernunft hat das wenig zu tun, wie dann ­debattiert wird. Es ist schon ein Kulturkampf. Die Vertreter des „Weiter so“ spüren, dass sie die kulturelle Vorherrschaft verlieren. Umso lauter polemisieren sie gegen neue Bürgertrends.

Die Menschen wollen mehrheitlich eine sozialere, sicherere, ruhigere Stadt. Arbeiten Sie mit an der neuen Stufe der Zivilisation. Sie werden gewiss neue Menschen dabei kennenlernen.

Michael Adler

fairkehr 3/2019