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Editorial 2/2014

Sprit kommt aus der Zapfsäule

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Strom kommt aus der Steckdose. Wie der Strom dort hineinkommt, blenden wir aus. Es funktioniert ja irgendwie. Was passiert, wenn diese in den letzten zwei Generationen gewachsene Gewissheit nicht mehr stimmt? Das Buch „Blackout“ von Marc Elsberg spielt dieses Szenario durch. Terroristen hacken sich in die europäischen Stromnetze und schalten den Strom ab. Innerhalb weniger Tage entwickelt sich eine Katastrophe. Der öffentliche Verkehr steht sofort. Der Autoverkehr treibt noch einige Tage Panikblüten. Keine Ampel funktioniert mehr, keine Tankstelle, keine Heizung. Kernkraftwerke stellen auf Notkühlung mit Dieselaggregaten um. Die Kommunikation fällt aus. Telefon, Internet, Handy, Fernsehen hängen am Draht. Damit bricht die Disposition unserer Wirtschaft zusammen. Nach wenigen Tagen werden Supermärkte und Bauernhöfe geplündert. Nach einer Woche herrscht das Faustrecht. Es ist erschütternd, wie dünn die Decke unserer Zivilisation ist, wenn einer den Stecker zieht.

Wissenschaftler attestieren den hochtechnisierten Industriegesellschaften mangelnde „Resilienz“, auf deutsch Widerstandsfähigkeit. Ein zentral gesteuertes System, das mit wenigen großtechnischen Anlagen operiert, ist leicht angreifbar.

Sprit kommt aus der Zapfsäule. Auch das war in den vergangenen 50 Jahren so. Mobilität hängt an einem Stoff. Zu 95 Prozent wird Bewegung derzeit mit fossilen Brennstoffen angetrieben. Und es herrschen einseitige Abhängigkeiten. 35 Prozent des Erdöls bezieht Deutschland aus Russland. Wenn der Nachschub stockt, geht nichts mehr. Noch ist dieses Szenario nicht in einem Thriller verarbeitet. Aber die Effekte sähen bestimmt ähnlich aus wie bei „Blackout“.

Wie kommen wir aus diesen Abhängigkeiten heraus? Die Antwort ist un­­­populär: Wir müssen uns ändern. Wir müssen weniger verbrauchen, die Energiequellen diversifizieren und erneuerbar gestalten. Und wir müssen Wirtschaft in regionalen Räumen denken. Für manche gilt das als naiv, weil die ­Zeichen auf globale Vernetzung und Wachstum gestellt sind. Der nächste Globalisierungsschritt wird gerade geplant mit dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA. Das Gegenteil von Resilienz.

Was hat das Ganze mit unserem ­aktuellen Heft zu tun? Unser Titelthema ist das Fahrrad. Weil muskelbetriebene Mobilität ein Baustein für eine widerstandsfähige und verbrauchsarme ­Mobilität darstellt. Und weil bei diesem Thema aktuell sehr viel passiert: Das Autoland Baden-Württemberg baut an einer Vision multimodaler Mobilität mit starkem Fahrradanteil. Die Niederländer fangen einfach an mit 700 Kilometern Radschnellwegen, und Lastenräder werden in vielen Großstädten zum Kultvehikel der Stadtlogistik. Die Energiewende braucht auch die Verkehrswende. Fangen Sie einfach damit an. Direkt vor Ihrer Haustür liegen Resilienz und Unabhängigkeit.

Michael Adler

fairkehr 4/2019