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Editorial 5/2013

Lebendige Straßen

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Daimlerhalle auf der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA in Frankfurt. Menschenmengen drängen sich eine Rampe hoch zur Empore. In der Hallenmitte läuft mit durchdringender Sound-Unterstützung eine Show, die darin besteht, dass eine Handvoll silberner Mercedes-Limousinen theatralisch einfahren. Das Ganze wird auf einer riesigen Bildwand begleitet. Ich befinde mich zweifellos auf der „automobilsten Show der Welt“. So lautet der Claim der diesjährigen IAA in Frankfurt. Die Branche kreiselt um sich selbst wie selten. Im Superlativ wird das Automobil zum inszenierten Show-Objekt. Man spürt den Aufwand, die Anstrengung, die in der Inszenierung steckt. Aber auch die Leere, die Hilflosigkeit hinter dem bombastischen Auftritt.

Gleichzeitig mit der IAA fand in München die Walk 21 statt, die Weltfußgängerkonferenz. Zufußgehen ist die Verkehrsart mit dem geringsten Show-Effekt. Fußgängerinnen und Fußgänger sind einfach da, sie suchen sich ihre Wege durch die Stadt. In den Jahrzehnten der Automobilisierung wurden sie als Hindernis behandelt, ausgesperrt, in rechte Winkel gezwungen und immer mehr an den Rand gedrängt. Während der Autoverkehr fließen soll, muss der zu Fuß gehende Mensch in kurzen Grünphasen über vierspurige Straßen hetzen, in dunklen Höhlen Fahrbahnen unterqueren oder in Reservaten, Fußgängerzonen genannt, vor allem konsumieren.

Es gibt auch kein Produkt für Fußgänger, das man auf ein Podest stellen könnte oder mit Begriffen wie Leitindustrie oder Arbeitsplatzbeschaffer identifiziert würde. Oder hat man je von der IAS, der Internationalen Schuh­ausstellung, gehört?
Dennoch kamen mehr als 500 Menschen aus 40 Ländern zur Walk 21 nach München. Und was wurde dort diskutiert? Etwa wie man richtig geht? So unkte jedenfalls die CSU-Fraktion im Münchener Rat. Keineswegs. Es ging um Menschen. Darum, wie Wege und Plätze gestaltet sein müssen, damit Menschen sich dort wohl fühlen. Was Bürgerinnen und Bürger der Stadt bringen, wenn sie der natürlichsten Art der Fortbewegung nachgehen.

Jim Walker, einer der Erfinder der Walk-21-Konferenzen, macht lebenswerte Städte anhand von zwei Fragen aus: „Wollen Sie als Familie mit Kindern dorthin ziehen, und kommen Sie auch als älterer Mensch in der Stadt gut zurecht?“ Wenn beide Antworten zugunsten einer Stadt ausfallen, dann haben die offensichtlich etwas richtig gemacht.

Wie bei Jim Walker fällt auch bei ­anderen Rednern und Teilnehmern die soziale Dimension auf, die alle mit den Fußgängern verbinden. Anne Faure etwa, eine französische Stadtplanerin, arbeitet in einem Vorort von Brest. Eine Gruppe von 20 kriminellen Jugendlichen tyrannisierte die Einwohner mit Drogenhandel und Gewalt. Faures Therapie: fußgängerfreundlicher Umbau des Viertels mit intensiver Bürgerbeteiligung. Jack Skiddle von der Fußgängerorganisation „Living Streets“ belebt in neun Londoner Vierteln Straßen und Plätze mit Festen, Tanz- und Tai-Chi-Veranstaltungen. Der Effekt: weniger Kriminalität, mehr Sicherheit, mehr Nachbarschaftskontakte. Ein Verein namens „Asphalt Piraten“ bespielt die Plätze und Straßen der Wiener Josefstadt mit all­-wöchentlichen Essenstafeln und Opernkonzerten.

„Geht doch!“ will man seinen Mitbürgern zurufen. Lernt eure Nachbarn wieder kennen, entdeckt eure Städte und Dörfer neu. Öffnet die Haustür. Bringt Leben in die Straßen. 

Michael Adler

fairkehr 2/2019