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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Service 4/2013

Schreck, lass nach

Die Stiftung Warentest bezeichnet die in ihrem Test durchgefallenen E-Räder als lebensgefährlich. Überzogen und unberechtigt, kommentiert der VCD. Panikmache, urteilt die Fahrradbranche.

Foto: Marcus GlogerKomforträder mit tiefem Einstieg hat die Stiftung Warentest einem Dauertest ­unterzogen. Diese Rahmenform verkauft sich zurzeit am besten.

Im Juni hat die in Berlin ansässige Stiftung Warentest ihren großen E-Rad-Test veröffentlicht. Mit niederschmetterndem Ergebnis: Rund die Hälfte der getesteten Komforträder mit tiefem Einstieg fiel mit „mangelhaft“ durch. Neben Diskount­rädern waren auch hochpreisige Pedelecs renommierter Hersteller darunter. Seitdem passiert es, dass gute Freunde und wohlmeinende Radlerkollegen warnen: „Du weißt schon, dass Pedelecs gefährlich sind, dass Lenker und Rahmen reihenweise brechen und Bremsen versagen?“

Schließlich konnte und kann man es überall lesen und auf allen Kanälen se­hen und hören: Pedelecs taugen nichts. Das ist es, was von der Berichterstattung in den Köpfen hängen blieb. Es stimmt, der Schreck war groß: Neun von 16 Rädern fielen im Test durch, zwei hatten Rahmenbruch, bei drei der getesteten Räder knickte der Lenker ein, dreimal versagten die Bremsen, besonders bei schwerer Zuladung. Jedes vierte Rad sandte angeblich über die Elektronik der Akkus Funkstörungen aus und irritierte damit die Polizei.

Dass die Räder den Polizeifunk stören, geht natürlich nicht. Diese hat zwar mittlerweise meistens von Analog- auf Digitalfunk umgestellt und ist deshalb weniger angreifbar. Trotzdem steht au­ßer Zweifel, dass elektromagnetische Strah­lung nicht sein darf ­– und die Ordnungshüter ihre Arbeit ungestört tun können müssen. Schließlich stellen sie nicht nur Radfahrer, die falschherum durch Einbahnstraßen fahren oder rote Ampeln missachten, sondern helfen Menschen in Not und jagen Verbrecher. Die Stiftung Warentest fordert deshalb, dass solche Räder nicht verkauft werden dürfen.

Wenn alles stimmt, was die Tester herausgefunden haben, dann lebt der Geschäftsführer der Firma Flyer in einem Funkloch. „Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren, in denen mehrere 10000 Exemplare der getesteten Serie verkauft wurden, nicht ein einziges Mal Kenntnis von einem Fall, dass der Rahmen am Ausfallende bricht. Wenn unseren Kunden das ständig passiert wäre, hätten wir es doch mitbekommen müssen“, sagt Biketec-Geschäftsführer Kurt Schär, Hersteller der rennomierten Schweizer Marke Flyer. Zudem seien seit über acht Jahren Tausende Flyer der getesteten C-Serie im touristischen Verleih im Einsatz – ebenfalls ohne Rahmenbruch, wie ihn die Stiftung Warentest im simulierten Dauertest nachgewiesen hat. Auch Wolfram Hartmann, Vorstand des Verbundes Feine Räder e.V., stellt fest: Unsere Händler verkaufen das getestete Flyer-Rad in hoher Stückzahl seit vielen Jahren, einen Rahmenbruch hat es noch nie gegeben.“ Erstaunlich sei außerdem, dass das gleiche Modell im März 2013 den Dauertest von Ökotest, ebenfalls über 20000 Kilometer, ohne Schaden überstanden habe.

ADAC mit im Boot

Jetzt möchte natürlich niemand die Stiftung Warentest in die Nähe der Automobilindustrie rücken oder ihr Fahrradfeindlichkeit unterstellen. Auch wenn ausgerechnet der ADAC beim Testen mit im Boot war. Die Stiftung Warentest gilt bislang als seriöse Institution, die unter anderem aus Mitteln der Bundesregierung finanziert wird. Ihre Testergebnisse der Konsumgüter unserer Zeit werden allgemein geschätzt und anerkannt.

Wie ist es also zu dem Ergebnis gekommen? Das fragt sich vor allem die Fahrradindustrie. „Trotz sofortiger Nachfrage hat uns Stiftung Warentest die Testkriterien zunächst nicht zugänglich gemacht“, beschwert sich Flyer-Chef Schär. Dann habe man nach Berlin reisen müssen, dort aber nicht den Original-Testaufbau zu sehen bekommen, sondern lediglich Fotos davon. Diese ließen den Schwei­zern nach eigenen Aussagen „das Blut in den Adern gefrieren“. Kein Test­rad sei je auf der Straße gewesen. Die Räder seien komplett auseinandergebaut und ihre Rahmen seperat fest eingespannt worden. Dann habe man die ermittelten Fahrwerte eines anderen Rades per Datensatz auf den Testaufbau übertragen und damit den Dauertest simuliert. „Ich habe in meinem Leben noch nie so etwas Unglaubliches erlebt“, verleiht Kurt Schär seiner Fassungslosigkeit Ausdruck. Wegen ihrer großen Zweifel am Testaufbau und weil die Kunden mittlerweile stark verunsichert sind, schickte die Firma Biketec umgehend zehn Rahmen zur Untersuchung in zwei unabhängige deutsche Prüflabors. Das Ergebnis: Kein einziger Rahmen brach am Ausfallende, auch nicht bei Belastungen, die weit über die Normwerte hinausgingen. Auch andere Hersteller wie beispielsweise die Firma Winora haben ihre Produkte nachträglich überprüfen lassen und kamen zum Ergebnis, dass Brüche wie beim Test der Stiftung Warentest nicht auftreten.

Foto: Marcus GlogerDas Rad mit Namen i:SY des Schweizer Herstellers Biketec unterzieht die fairkehr derzeit einem Dauertest – bisher ohne ­Beanstandungen.

Im Test bis 25 km/h

Unbestritten sind Pedelec-Fahrerinnen und -Fahrer manchmal flotter unterwegs als Radler ohne Elektroverstärkung. Auch müssen sie angesichts voller Straßen und Radwege manch zügige Fahrt herunterbremsen. Andererseits hat die Stiftung Warentest nur Komforträder in die Testreihe aufgenommen, die mit E-Motor nicht über 25 km/h beschleunigen. Dieses Tempo erreicht ein durchschnittlich sportlicher Radler auch ohne Hilfsmotor, erst recht bergab.

Hier setzt die Kritik des VSF an. „Panikmache statt Verbraucherinformation“ nennt der unabhängige Branchenverband die reißerische Berichterstattung der Stiftung Warentest anlässlich ihres Pedelec-Tests. Nun habe diese Panikmache leider auch Einzug in die Fernsehberichterstattung gehalten: In verschiedenen Medienberichten der öffentlich-rechtlichen Sender wurde die Sicherheit von Pedelecs pauschal als mangelhaft dargestellt. Unter anderem kritisiert der VSF die Fakten unterschlagende Berichterstattung der ARD-Sendung „plusminus“. Diese habe im Juli unter dem Motto „Pedelecs sind gefährlich“ von einem tragischen Unfall eines 78-jährigen Mannes berichtet, der durch das Aufschaukeln eines Pedelecs bergab bei einer Geschwin­digkeit von ca. 40 km/h verursacht worden sei. Nicht erwähnt worden seien jedoch wesentliche Informationen: Das Tiefeinsteiger-Pedelec, welches das Unfallopfer fuhr, unterstützt lediglich bis 25 km/h und riegelt dann den Motor ab. Das heißt, zum Zeitpunkt des Unfalles war der Antrieb selbst gar nicht mehr im Spiel.

Pauschale Verurteilung

„Das Flattern bzw. Aufschwingen eines Fahrrades ist weder ein neues noch ein allein Pedelecs vorbehaltenes Problem“, sagt Albert Herresthal, Vorsitzender des VSF. Das Phänomen könne unter bestimmten Umständen, z.B. bei Überladung des Rades mit schwerem Fahrer, zu viel Gepäck oder falscher Gewichtsverteilung, auch bei unmotorisierten Fahrrädern auftreten. „Weil die Sender die dringend nötige Sorgfalt nicht walten lassen, diffamieren sie auf diese Weise pauschal Fahrräder mit Elektroantrieb“, ärgert sich Herrestal. Der Branche sei schon jetzt ein Millionenschaden entstanden, dem positiven Aufschwung des umweltfreund­lichen Verkehrsmittels Fahrrad ein Bären­dienst erwiesen worden.“

Was ist also abschließend von dem Test zu halten? Muss man die E-Bikes aus Sicherheitsgründen auf den Schrott werfen? Das fragen sich viele verunsicherte Elektroradliebhaberinnen und solche, die es werden wollen. Wasilis von Rauch, E-Rad-Experte beim VCD und Initiator des Internetportals „Besser-E-Radkaufen“ hält das für völlig überzogen: „Der Test zeigt zunächst einmal, dass bei sehr großen Belastungen und 20000 Kilometern simulierter Fahrt nicht alles so stabil ist, wie es sein sollte. Die Branche muss sich das zu Herzen nehmen und Bauteile wie Lenker oder Rahmen auch für extreme Belastungen auslegen, im Zweifel also mehr Sicherheit einplanen. Das gilt aber für alle Räder gleichermaßen, nicht nur für Elektroräder.” Um ihr Leben fürchten müssten E-Rad-Piloten aber keinesfalls.

Inspektion beim Fachhändler

Sicher ist: Das E-Rad muss häufiger zur Inspektion. Mindestens einmal im Jahr, empfiehlt die Fachwerkstatt. „Bei E-Rädern ist die Beanspruchung der Teile höher“, sagt Jörg Röhrig, der in seinem Bonner Laden seit sechs Jahren Elektrofahrräder verkauft und viel Erfahrung hat. Probleme mit gebrochenen Rahmen oder Lenkern sind ihm noch keine untergekommen. „Generell ist die Kette schnel­ler durch als bei einem Fahrrad ohne Elektrounterstützung“, erklärt er, „bei Rä­dern mit Mittelmotor wirken wesentlich stärkere Antriebskräfte auf die Kette als bei normalen Fahrrädern.“ Auch die Bremsen seien bei höheren Geschwindigkeiten schneller abgefahren und müssten häufiger erneuert werden. „Meinem Gefühl nach sind die Leute mit einem Elektrofahrrad auch viel mehr unterwegs. Sie fahren öfter und weitere Strecken, normal, dass das Rad bei hoher Fahrleistung öfter zum Check kommen muss.“

Diese Einschätzung des Fahrradhändlers können wir voll teilen. Das Testpedelec der fairkehr ist seit über zwei Jahren im Dauereinsatz. Meistens mit einer 60-Kilo-Fahrerin, die es auf dem Weg zur Arbeit eilig hat. Zwischendurch fliegt ein 17-jähriges Federgewicht damit zur Schule, abends und am Wochenende strampelt ein 90-Kilo-Mann manchmal auf dem Rad am Rhein entlang. Einen Kinderanhänger zog das Flyer i:SY bisher ohne Ausfälle. Zweimal brauchte es seitdem eine neue Kette, hat die Inspektionen aber ansonsten ohne Beanstandung hinter sich gebracht. In dem Test der Stiftung Warentest war das Rad wegen seiner aus der Reihe fallenden Rahmenform nicht enthalten. Wünschen wir ihm weiterhin unfallfreie Fahrt.

Uta Linnert

Die VCD E-Rad-Kaufberatung

Zwischen Hunderten E-Rädern das richtige zu finden, ist keine einfache Aufgabe. VCD-Typentest, Preisübersicht, Kaufcheckliste und Testvergleiche geben wertvolle Hilfestellung. Die derzeit umfangreichste Online-Datenbank für Elektroräder enthält 1560 Modelle und gibt Auskunft über Preis, Motor, Einsatzgebiet oder Gewicht. Mit seinem Projekt „Besser E-Radkaufen“ möchte der VCD dazu beitragen, dass noch mehr Menschen auf kurzen Strecken vom Auto auf das Elektrofahrrad umsteigen.
www.e-radkaufen.de

fairkehr 3/2022

Cover der fairkehr 3/2022 zum Thema Klima: Alarmstufe Rot!