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Kolumne 4/2013

Foto: iStockphoto.de/matejmmBeim häufigen Kuppeln in Ljubljana bleibt viel Zeit zum Nachtzug-Denken.

Richtungswechsel

Das Meer türkis. Kleine Inseln vor der Küste. Eine Yacht am Horizont. Der Wind fährt sanft durchs Haupthaar. Im Strandcafé läuft Reggae und Fahrräder brausen vorbei. Die istrische Küste bei Rovinj war schon immer dufte, aber jetzt ist sie noch dufter – als Teil meiner Heimat, der europäischen Union. Ich bin heuer extra nach Kroatien gereist, um den Beitritt zu ­feiern. Und um natürlich ein bisschen Zeit zum Denken zu haben. Am Meer denkt es sich besser, wegen der Weite.

In Sachen Reichweite führt das beispielsweise zu einem Richtungswechsel: Ich lag in meiner letzten Kolumne knapp daneben, als ich meinte, ein mit gutem Biogas betriebener Wagen sei im Moment vielleicht attraktiver als eine Elektrokiste. Jetzt schaue ich kurz entspannt aufs Meer und weiß, das war Quatsch. Ich habe zurecht einige erstaunte Reaktionen von wohlmeinenden Elektroliebhabern erhalten. Ob ich übergeschnappt sei? Komplett bescheuert? Ob ich die ganze Propaganda glauben würde, etwa wegen Problemen mit Batterien, ­Seltenen Erden und Netzstabilität? Vielleicht hatte ich einen schwachen Moment und war der deprimierenden Presseschau in Sachen Energie- und Elektrowende erlegen. Diese Mies­machertruppe in den Medien: „Geht nicht, wollen wir nicht, viel zu teuer!“ Diese konzertierten Zukunftsverweigerer, die glauben, wir könnten auch weiterhin autotechnisch im Zeitalter von Windows 95 leben. Nein, ich sage es laut und deutlich: Der Verbrennungsmotor ist auch mit Biogas eine Heizung auf vier Rädern, die Glühbirne unter den Antrieben. Ich widerrufe also. Das nächste Pendlerauto in meinem Haushalt ist eines, das mit gutem Ökostrom aus eigenem Anbau betrieben wird. Mit dem kann man zwar nicht nach Rovinj fahren, aber dafür gibt es Nachtzüge.

Das ist übrigens mein Sommer der Nachtzüge. Erst vor ­Wochen Köln–Warschau, jetzt München–Rijeka. Nachtzüge sind wie Cafés mit Meerblick. Im Nachtzug hat man viel Zeit zum Nachdenken, und heftige Richtungswechsel gibt es auch. Beispielsweise in Ljubljana, Slowenien, morgens um 6 Uhr. Da wurde ich wach, weil unser Kurswagen viermal kurz aus dem Bahnhof rausfuhr, um dann wieder reinzufahren wegen einer weiteren Kupplung. Da wird sehr, sehr viel verkuppelt. Was mich zu der Erkenntnis führt, dass Nachtzüge auch ein bisschen wie Verbrennungsmotoren sind. Aber noch nicht ganz Win-dows, sondern ­Commodore und Atari. Im Zeitalter der Hochgeschwindigkeit ist es schon ultracool, wenn der Zug mal kurz eine halbe Stunde irgendwo rumsteht. Oder mit Postkutschengeschwindigkeit zuckelt. In Rijeka hatten wir am Ende eine Stunde Verspätung. Die wurde nicht mal angesagt. Überhaupt wurde gar nix angesagt. Wer irgendwo aussteigen muss, guckt aus dem Fenster und schaut nach den Schildern am Bahnhof. Auch das ist Urlaub pur. Das gemeinsame Anstehen morgens vor der Toilette verbindet Spannung und Vorfreude. Die zweite war defekt und niemand regte sich auf. Gut, die meisten in der Kloschlange waren junge Interrailer ohne ­Blasenschwäche.

Deshalb stelle ich mir schon mal vor, wie Nachtzüge sein könnten im Jahre 2015, die auch seniorengerecht sind. Da könnte es gratis Wi-Fi geben, und dann könnte ich auf dem iPad sehen, welche der vielen Duschen und Toiletten gerade frei wären. Das mit dem Gekuppel wäre irgendwie anders ­gelöst und die obere Liege ohne Bergführer zu erklettern. Der Zug führe direkt von Aachen nach Rijeka in zwölf Stunden. Und der preisliche Abstand zum Billigflieger wäre auch nicht ganz so schmerzhaft.

Das wäre ein Nachtzug, der im Diesseits angekommen wäre. Nur mit dem Denken wäre es wieder schwieriger. Aber dafür bliebe mir ja das beste Strandcafé der Welt in Rovinj, in dem ich ganz gelöst diese Zeilen aufschreibe. Hier gibt es übrigens kein Wi-Fi. Weshalb ich diesen Text mit der Postkutsche nach Deutschland schicken werde. Mit dem Elektroauto geht es nicht wegen der Reichweite. Und ein Verbrennungsmotor kommt wie gesagt nicht in Frage.

Martin Unfried

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