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Reise 3/2013

Unterwegs mit zwei PS

Bernd Mäueler fährt mit seinem Planwagen durch Frankreich.

Foto: Sepp SpieglWer allein mit dem Planwagen unterwegs ist, muss sich auf die Tiere in jeder Situation verlassen können.

Fünf Monate haben Melody und Fiona ihren Kutscher übers Land gezogen. Bis zu 30 Kilometer am Tag, einmal durch Frankreich und zurück. Dabei waren die beiden zehn und acht Jahre alten Norikerstuten zunächst keine Freundinnen. An den gemeinsamen Dienst im Geschirr mussten sie sich erst gewöhnen. Auch Bernd Mäueler brauchte für die Arbeit mit den Pferden Geduld und musste Erfahrung sammeln. Es dauerte seine Zeit, bis das Vertrauen auf allen Seiten wuchs und aus dem Gespann ein Team wurde.

„Ich habe mir mit der Planwagenfahrt einen Traum erfüllt“, sagt der Bonner Agraringenieur. Seit seiner frühesten Jugend auf dem Bauernhof der Großeltern verfolgt ihn die Idee. Als das Ende seiner Berufstätigkeit abzusehen ist, fasst er den Entschluss. Er kauft sich zwei Kaltblüter. Es sind Noriker, eine Rasse, die als besonders kräftig, ausdauernd und trittsicher gilt. Um die Stuten besser kennenzulernen, lässt er sich zwei Jahre Zeit, pachtet Land vor der Stadt, trainiert die Pferde und übt das Ausfahren – zuerst mit einer kleinen Kutsche.

Am 1. Mai 2012, dem ersten Tag seiner Pensionszeit, fährt der 64-Jährige direkt von der heimischen Weide im Rheinland los, immer nach Westen, Richtung Frankreich. „Ich suchte die Herausforderung, einmal ohne meine große Familie in die Welt aufzubrechen und mich fremden Menschen auszusetzen“, sagt der ehemalige Landwirtschaftslehrer. Besonders freut er sich auf die Erfahrung mit den Tieren und das Leben in der Natur. Seine Tour wird ihn über die Berge von Eifel und Ardennen führen, durch die Champagne bis in die Normandie und ostwärts durch Burgund, Lothringen, die Vogesen, das Elsass und den Pfälzer Wald zurück an den Rhein, insgesamt 2500 Kilometer weit.

Die guten Ratschläge, dass man für die Bedienung seines Gespannes eigentlich vier Hände brauchte, ignoriert er. Er will es allein schaffen. „Es war nicht immer leicht, besonders am Anfang nicht. Ich musste die Tiere manchmal eingespannt stehen lassen und darauf vertrauen, dass sie nicht durchgehen“, sagt er. Auch im Agrarland Frankreich haben in den Dörfern viele Bars geschlossen, gibt es oft keine Boulangerie mehr und keinen Metzger, so wie früher. Zum Einkaufen muss er nicht selten Supermärkte ansteuern und die Pferde mit festgestellter Wagenbremse auf dem Autoparkplatz abstellen. „Zum Glück konnte ich mich auf meine beiden Mädchen immer verlassen“, sagt Mäueler, „sie haben mich in keine einzige gefährliche Situation gebracht.“

Ortsfeste und Autofähren

Trotzdem berichtet er von der Anspannung unterwegs, die Tiere im Griff zu behalten, den Weg zu finden, wenn das GPS mal wieder in die Irre führte. „Eine Karte kann ich während der Fahrt nicht lesen, weil ich auf dem Kutschbock immer die Leinen und die Peitsche in der Hand haben muss.“ Er kommt durch quirlige Ortsfeste mit herumspringenden Gästen und lauter Musik, gerät auf mehrspurige Straßen mit Lastwagenverkehr, muss steil bergauf fahren, über schmale Brücken und einmal mit einer vollgestopften Autofähre über die Seine übersetzen. „Das kann man zuhause nicht üben, da brauche ich das volle Vertrauen meiner Pferde. Sie haben sich auf mich verlassen und mich mit ihrer Kraft bereitwillig durch dick und dünn gezogen“, sagt Mäueler stolz.

Und die große Einsamkeit, vor der seine Freunde ihn gewarnt hatten? Sie packte ihn nicht. „Ich war viel zu beschäftigt. Mein Tagesablauf war absolut ausgefüllt: Pferde füttern, tränken, anspannen, ausspannen, Weideplatz sichern. Alle zehn Tage müssen die Pferde zum Schmied, die Hufe neu beschlagen lassen.“ Einen Platz für die Nacht zu finden, sei nie ein Problem gewesen. „Meistens haben mich die Menschen unterwegs von der Straße geholt, mir angeboten, bei ihnen zu rasten, mir eine Weide für die Pferde gezeigt, mich zum Essen eingeladen.“ In den Orten, durch die sie fahren, sind Melody, Fiona und Bernd eine Attraktion. Die Leute bedrängen ihn mit Fragen, wollen wissen, woher er kommt, was er noch vorhat. „Mir sind so viele Menschen begegnet, die begeistert waren, fröhlich, gastfreundlich, äußerst hilfsbereit. Alle Begegnungen waren offener, als ich es erwartet hatte. Das war eine der schönsten Erfahrungen.“

Freundliche Helfer

Übernachtet hat Mäueler auf dem Planwagen. Den hat er sich von einem Schlosser in Süddeutschland nach eigenen Vorstellungen bauen lassen. Es ist ein Stromgenerator an Bord für die Beleuchtung des Gespanns, für den Laptop und das Mobiltelefon. Unterm Wagen hängt ein Wassertank für die Pferde, zwei Säcke mit Kraftfutter haben Platz und es gibt Stauraum für Werkzeug, Proviant und sein persönliches Gepäck.

Durch die vielen Gespäche mit der Bevölkerung wird sein Französich besser. Das braucht er auch. Es passieren keine Katastrophen, aber es gibt Hindernisse. „Einmal lag ein Baumstamm quer über dem Weg, da ging es dann nicht mehr weiter.“ Mäueler muss die Pferde zurücklassen, denn an Wenden ist mit dem Gespann auf dem engen, abschüssigen Waldweg nicht zu denken. Er muss im 20 Kilometer entfernten Ort Hilfe holen, einen Autofahrer auf der nahen Straße anhalten, der ihn hin­­bringt, dort jemanden finden, der eine Motorsäge besitzt und mit ihm zurückfährt, um den Weg frei zu machen. „Die große Erfahrung meiner Tour ist, dass es überall Helfer gibt. Die Franzosen waren einfach nett.“

Im Oktober ist das Gespann nach Bonn zurückgekehrt. Die Teilnehmer haben die Expedition gesund überstanden. Die Tiere sind durchtrainiert und um 150 Kilo leichter. Bernd Mäueler hat sein Lebensprojekt abgearbeitet. Mit der Kutsche ist er seitdem nicht mehr gefahren. „Es kam der Winter und es gab anderes zu tun“, sagt er. Gerade bricht der promovierte Agrarwissenschaftler als Senior Expert nach Togo auf. Er soll dort Landwirte beraten. Auch am Golf von Guinea sprechen die Menschen französisch.

Uta Linnert

fairkehr 3/2019