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Reise 3/2013

Sich treiben lassen

Eine vierköpfige Familie macht eine Floßfahrt auf der ­Mecklenburger Seenplatte.

Foto: Marianne SteinerTante Polly liegt am Steg und die Familie ist ausgeflogen: erholsame Entschleunigung auf den Mecklenburger Seen.

Tante Polly schwankt sanft hin und her. Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen und färbt Himmel und See rosa. Das Floß mit dem Namen von Tom Sawyers Tante liegt vertäut an einem Bootssteg irgendwo auf der Mecklenburgischen Seenplatte. Kein anderes Boot weit und breit. Am Abend zuvor hatte Familie Steiner dort angelegt, im Dorf am Ufer zu Abend gegessen und noch ein Runde Karten gespielt, bevor sich alle in der Kajüte zusammenrollten.

Jetzt wacht einer nach dem anderen auf. Wenn der Letzte aus dem Bett gekrabbelt ist, helfen alle mit, das Matratzenlager zu verstauen und die Koje in eine Kombüse zu verwandeln. Denn wo zuvor alle schliefen, wird gleich das Frühstück eingenommen. Das Zusammenleben auf dem etwa 20 Quadratmeter großen Floß mit nur einem überdachten Raum bringt Nähe und Gemeinsamkeit, braucht aber auch gemeinschaftliche Organisation. Und es fordert die Familie ganz neu als Team.

Marie und Andreas Steiner verbringen mit den Töchtern Lisa und Anna eine Woche Sommerferien auf dem Floß. „Eine Woche auf so engem Raum zu viert rund um die Uhr zusammen zu sein – das ist ein Experiment“, sagt Marie Steiner.

Stau an der Schleuse

Das Floß hat einen kleinen Motor als Antrieb, sonst käme man auf den Seen nicht voran. Tante Polly tuckert also mit fünf PS gemächlich über die Mecklenburger Seenplatte – heute hier, morgen dort. So viel Zeit und Ruhe hatten die vier schon lange nicht mehr gemeinsam. „Mir gefällt auch dieses Immer-unterwegs-Sein, jeden Tag etwas Neues zu sehen und gerade dort, wo es uns gefällt, anhalten zu können“, sagt Marie Steiner. Tochter Anna liegt am liebsten mit ihren Büchern oben auf dem Dach der Kabine, „Ein genialer Platz zum Le­sen und Sonnen“, sagt die 14-Jährige. Ihre jüngere Schwester liebt hingegen das Wasser. Sie sitzt mit roter Schwimmweste am Floßrand und lässt die Beine im Wasser baumeln. Schwimmen war sie bisher jeden Tag. Damit auch die Schwimm­muffel etwas Bewegung bekommen, haben die Steiners ein Kajak mit an Bord geholt und paddeln ab und zu. Oder sie ankern und gehen am Ufer spazieren.

Kapitän ist meist Papa Andreas. Einen Bootsführerschein braucht er dafür nicht. Floßfahren kann nach einer kurzen Einführung und einer Probefahrt jeder. Etwas knifflig sind nur die Schleusen. Erst muss man zwischen all den Hausbooten und Kanus warten – am Wochenende mitunter Stunden. Und dann muss alles ganz schnell gehen. Jeder hat seine Aufgabe, damit das Floß gut durchkommt. Danach nehmen alle schnell wieder ihre Lieblingsplätze ein und faulenzen weiter.

Die grenzenlose Natur und das Leben draußen machen den begrenzten Platz auf dem Floß wett. Die Stechmücken nerven abends, doch man muss sich eh lange Hosen und langärmelige Pullis anziehen, weil es auf dem Wasser schnell kühl wird. Nur mit einer Sache will sich niemand anfreunden: mit dem Plumpsklo mit Tüte an der Außenwand der Kajüte. Wenn einer mal muss, legen die Steiners lieber eine Pause ein und steuern auf das nächste Café einens der vielen Campingplätze am Ufer zu.    

Valeska Zepp


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fairkehr 3/2019