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Reise 3/2013

Immer langsam voran

Zwei Erwachsene, zwei Kinder und ein Esel – eine Familie wandert von Unterkunft zu Unterkunft.

Foto: Michaela MohrhardtDer Esel gibt das Tempo vor und trägt das Gepäck – meistens kennt er auch den Weg besser als die Wanderer.

Kein Jammern, kein Maulen, keine Diskussionen. Der Esel gibt das Tempo vor und alle halten sich daran. Beim Eselwandern schalten Erwachsene einen Gang runter und die Kinder vergessen, dass sie zu Fuß unterwegs sind. Unter Umständen sieben Stun­den lang bis zur nächsten Unterkunft.

Eine Woche wanderten Michaela Mohrhardt, Daniel Hetzer und ihre beiden Töchter Ida und Lilo in der hügeligen Mittelgebirgslandschaft der oberen Ardèche in Frankreich. Zusammen mit Bamboo. Der Esel mit den großen spitzen Ohren trug das Gepäck der Familie und bestimmte den Rhythmus. „Es ist ein ganz besonderes Wandern“, sagt Michaela Mohrhardt, „Man kann keinen festen Plan abreißen, sondern lässt sich einfach so durch den Tag treiben.“

Am Anfang war die Skepsis groß. Die beiden Töchter wollten lieber zum Schwimmen ans Meer, die Erwachsenen waren unsicher, ob sich die Familie mit dem Esel anfreundet, wie die vorher gebuchten Privatunterkünfte aussehen und ob man sie täglich erreicht. Wie man einen Anbindeknoten mit einem Strick knüpft, Striegel und Hufkratzer richtig benutzt und den Esel am geschicktesten mit den Packtaschen belädt, erfuhr die Familie vor der Tour in einem Schnellkurs.
Gleich die erste Unterkunft hielt eine Überraschung bereit: einen riesigen Pool im Garten hinter dem Haus – mit Blick über Wiesen und Wälder. Der Programmpunkt Schwimmen erfüllte sich also unverhofft.

Bamboo kennt den Weg

Das Wandern in den nächsten Tagen beschreiben alle unisono als „einfach nur schön“. Esel schaffen zwei bis drei Kilometer in der Stunde. Sie dürfen maximal 40 Kilogramm Gepäck tragen und brauchen regelmäßige Pausen, in denen sie ohne Last grasen können. „Die Tage waren erfüllt von Landschaft, abwechslungsreichen Wegen, kleinen Dörfern und davon, den Esel vom saftigen Gras am Wegesrand wegzulocken oder ihn zum Laufen zu motivieren“, beschreibt Michaela Mohrhardt das Leben unterwegs. Für die Pausen galt es, schöne Plätze zu finden. Beim Essen der sensationellen Picknickpakete, die die Gastgeber der jeweils letzten Unterkuft als Tagesverpflegung mitgegeben hatten, spekulierten Ida, Lilo und ihre Eltern darüber, wo sie wohl die nächste Nacht verbringen würden.

Täglich entdeckten die Vier einen noch idyllischeren Picknickplatz und eine noch bessere Methode, um Bamboo zu motivieren. Und wenn der Esel partout einen anderen Weg nehmen wollte, lag das möglicherweise daran, dass er die Strecke besser kannte, als die Menschen die Wanderkarte lesen konnten. Gestritten haben sich die Mädchen höchstens einmal darüber, wer dem Esel abends die Hufe auskratzen darf. Die Eltern konnten getrost jegliche Gedanken über Tagesplanung und Abendprogramm beiseiteschieben. „Im Gegensatz zu Urlauben, bei denen wir jeden Tag versucht haben, möglichst viel zu unternehmen und zu erleben, war das die ganz große Erholung“, sagt Michaela Mohrhardt.

Am Ende der Woche kamen glückliche Kinder und entspannte Eltern zurück zu der Unterkunft mit Pool. Noch ein letztes Mal den Esel abladen, bürsten und füttern. Als sie Bamboo Adieu sagten, flossen Abschiedstränen.

Valeska Zepp

Tipps zum Eselwandern

Ein Urlaub mit den vierbeinigen Reisebegleitern erfordert keine Erfahrung und ein durchschnittliches Maß an Fitness. Die Lastentiere geben ein gemüt­­liches Wandertempo vor.

  • In beinahe jeder Region Frankreichs ist Eselwandern möglich. Alle Anbieter auf einen Blick: www.bourricot.com
  • „Urlaub & Natur“ veranstaltet Schnuppertouren im Saarland, im Harz und im Donautal – außerdem Gruppentouren und individuelle Reisen mit Eseln im Schwarzwald und in der Uckermark, in Frankreich, Österreich, Italien, Spanien, Portugal, Irland und Rumänien, www.eselwandern.de 
  • Das Biohotel Grün organisiert einen Wochenendausflug mit Esel in den Kellerwald: zwei Übernachtungen, Frühstück, vegetarisches Abendessen und dreistündige Eselwanderung ab 199 Euro pro Person. Bahnhofstraße 57, 34630 Gilserberg, Tel. +49 (0)6696 911691
  • Renatour bietet Eselwandern in den französischen Seealpen und in den Abruzzen an.

fairkehr 2/2019