fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

Weiherstraße 38 | 53111 Bonn | Telefon (0228) 9 85 85-85 | www.fairkehr-magazin.de

Die neue Anderswo ist da - unser nachhaltiges Reisemagazin für den Urlaub mit hohem Erlebniswert und ohne Jetlag. Anderswo 2019 bestellen

Politik 2/2013

„Infrastruktur verbessern“

Mathias Seidler, Vorstandsvorsitzender von Derby Cycle, ­fordert, dass Fahrradfahren in Städten sicherer wird und ­Radfahrer schneller vorankommen.

Foto: Derby CycleMathias Seidler (49 Jahre) ist Vorstands­vorsitzender von Derby Cycle, einem der führenden Fahrradhersteller Europas.

fairkehr: Laut dem neuen Nationalen Radverkehrsplan soll der Fahrradverkehr bis 2020 von derzeit 9 auf 15 Prozent anwachsen, in den Städten von 11 auf 16 Prozent. Was sagen Sie dazu, reicht das?
Mathias Seidler: Das ist ja schon mal eine große Steigerung und angesichts der Tatsache, dass Fahrradfahren für viele Menschen in Deutschland ein saisonales Thema ist, ein ehrgeiziges Ziel. Aber es reicht nie. Wir hätten gerne, dass das Fahrrad das entscheidende und wichtigste Verkehrsmittel in den Städten wird. Wenn man bedenkt, dass heute über 50 Prozent aller Autofahrten unter fünf Kilometer sind, so bietet sich gerade hier ein großes Potenzial für die Radnutzung.

Die Stimmung fürs Radfahren ist gut. Angefangen bei den Krankenkassen bis zur Werbung für Mode setzen Unternehmen das Fahrrad in den Blickpunkt. Schlägt sich das in den Verkaufszahlen nieder?
In Stückzahlen haben wir über die letzten zehn Jahre nicht mehr Fahrräder verkauft. Aber wir haben im deutschen Markt eine massive qualitative Steigerung. Das heißt: Noch 2000 wurden mehr als 50 Prozent der Räder im Nicht-Fachhandel, etwa im Lebensmitteleinzelhandel oder über ähnliche Vertriebswege, verkauft. Das waren relativ billige Produkte. Heute hat sich dieser Anteil auf 20 Prozent reduziert. Aktuell liegt der Durchschnittsverkaufspreis eines Rades – Elektrofahrräder inbegriffen – bei 513 Euro. Das ist schon eine große Steigerung und zeigt, wie sehr sich die Nutzung und die Wertschätzung des Fahrrads geändert hat.

Betrifft das auch die Räder für den Alltagsverkehr?
Gerade im Alltagsverkehr haben die Verbraucher festgestellt, dass billig nicht gut ist. Wer einmal mit einem nicht funktionierenden Billigrad schlechte Erfahrungen gemacht hat, geht ab dann in den Fachhandel, wird dort gut beraten und bekommt das passende Rad. Mit dem richtigen Produkt ist man mobiler, Radfahren macht dann einfach mehr Spaß. Je hochwertiger das Rad, umso mehr Kilometer werden zurückgelegt. Das ist der positive Trend, den wir über die letzten zehn Jahre beobachet haben.

Die absoluten Verkaufszahlen sind also tatsächlich rückläufig?
Schwierig ist, dass wir nicht mehr Verbraucher für neue Fahrräder begeistern können. Es wachsen nicht genügend Verbraucher nach, die dem Fahrrad den gleichen Stellenwert einräumen, wie es die jetzigen Verbraucher tun.

Heißt das, junge Leute legen keinen Wert auf Fahrräder?
Weniger Wert. Es ist ein Problem der Erziehung. Für Eltern ist der Straßenverkehr die größte Bedrohung für ihre Kinder. Mehr und mehr Kinder werden deshalb mit dem Auto zur Schule gebracht, statt dort mit dem Fahrrad hinzufahren.

Wir erkennen den Trend, dass sich Jugendliche zunehmend vom Auto abwenden und multimodal unterwegs sind. Nutzen junge Leute dann nicht stärker das Fahrrad?
Das ist der Fall, aber das ist kein Gegensatz. Das Thema abnehmender Führerscheinerwerb bei den 18- bis 20-Jährigen trifft zu, gleichzeitig gibt es aber immer bessere öffentliche Verkehrsmöglichkeiten in großen Städten. Zum Beispiel auch Fahrradverleihsysteme. Allerdings glauben wir nicht, dass Verleihsysteme eine negative Wirkung auf den Absatz von Fahrrädern haben. Im Gegenteil: Wenn Fahrräder über ein Verleihsystem in eine Stadt gebracht werden, hat die Kommune ein Interesse daran, die Fahrradinfrastruktur zu verbessern. Das führt dazu, dass insgesamt mehr Fahrrad gefahren wird.

Was fordern Sie als Rahmenbedingungen für einen besseren Fahrradverkehr?
Infrastruktur, Infrastruktur, Infrastruktur. Die größten Befürchtungen von Men­schen, die Fahrrad fahren, sind erstens Diebstahl, zweitens Vandalismus und drittens Sicherheit. Wenn Sie ein E-Bike fahren, stellen Sie es nicht an irgendeiner Ecke ab. Sie möchten schließlich nicht, dass es geklaut wird. Sie haben also ein Riesenproblem, mit dem E-Bike in die Innenstadt zum Einkaufen zu fahren. Die Städte müssen sichere Abstellanlagen schaffen, auch videoüberwachte Anlagen helfen. Weiter fordern wir die Umwandlung von Autoparkplätzen in Fahrradabstellflächen, über die Stadt verteilt. Auf einem Parkplatz können Sie hervorragend acht bis zehn Fahrradbügel aufstellen. Das bringt für Fahrradfahrer wesentlich flexiblere Möglichkeiten, ihr Rad sicher zu parken.

Und was sollen die Städte Ihrer Meinung nach für die Sicherheit der Radfahrer tun?
Das Fahrrad muss tendenziell auf die Straße, runter vom Bürgersteig. Ich habe im letzten Jahr eine für mich persönlich einschneidende Erfahrung gemacht: Während der olympischen Spiele bin ich in London drei Tage lang Fahrrad gefahren und war begeistert, wie sich diese Stadt gewandelt hat. Die Londoner ha­ben sogenannte Cycle Superhighways durch die Stadt gelegt. In einer Stadt, in der man ansonsten nur sehr langsam vorankommt, ist man dort mit dem Fahrrad sehr schnell. Die Radwege liegen auf Straßenhöhe, abgetrennt von der Fahrbahn und lassen Radfahren in beide Richtungen zu. So hat man nicht auf der linken und rechten Straßenseite jeweils einen schlechten Radweg, sondern einen breiten Radweg mit Gegenverkehr, auf dem man schnell vorankommt. Eindeutige Markierungen auf der Straße sind ein weiteres Thema. Die Holländer, aber auch die Dänen machen vorbildlich vor, wie man damit die Sicherheit von Radfahrern erhöhen kann.

Tut die Politik nicht genug für den Radverkehr ?
Wir werden in puncto Fahrradinfrastruktur in Europa links und rechts überholt. Es ist Aufgabe der Politik, in den Städten und Kommunen die Infrastruktur zu verbessern, dass man schneller rein und raus kommt, sicher fahren und abstellen kann und das Fahrrad überhaupt als eine Alternative sieht. Die Budgets dafür müssen vor allem die Städte bereitstellen.

Was tut Ihr Unternehmen, um den Radverkehr voranzubringen?
Wir sind in den letzten Jahren wesentlich stärker politisch aktiv geworden. Als größ­tes Unternehmen der Branche sehen wir es als unsere Aufgabe an, für das Fahrrad öffentlich einzutreten, haben schon große Schritte getan und engagieren uns weiter.

Interview: Uta Linnert

fairkehr 3/2019