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Politik 2/2013

Mit Abfall fahren

Gas macht mobil: Inzwischen gibt es deutschlandweit rund 80 Tankstellen, an denen Autofahrer aufbereitetes Biogas pur bekommen.

Foto: Steven Jamroofer/Fotolia.comAus Kuhmist, Stroh und den meisten ­anderen organischen Abfällen kann Gas hergestellt werden.

Das gab es bisher nie: Ein erdgasbetriebenes Auto rangiert auf
Platz 1 der aktuellen VCD Auto-Umweltliste. Das VW-Modell eco up! überzeugt mit 79 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer. Damit unterbietet dieses Fahrzeug schon heute die von der EU-Kommission anvisierte Emissionsgrenze von 95 Gramm – von der renitente Auto-Lobbyisten wiederum sagen, dass sie viel zu ambitioniert sei.

Dabei würden die Emissionswerte des eco up! noch mal drastisch sinken, wenn man dessen Motor mit aufbereitetem Biogas betankte. Experten sprechen von nur noch zehn Gramm CO2, die dann umgerechnet pro Kilometer emittiert würden.

Weshalb Hartmut Hoffmann, Technologiesprecher bei VW, hoffnungsfroh glaubt, „dass der Einsatz von Biogas die Lösung für unsere gesamten CO2-Probleme wäre“. Auch Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des VCD, stellt fest: „Biogas ist zurzeit der Agrokraftstoff mit der besten Ökobilanz und hat seinen Anteil am Kraftstoffmarkt verdient.“ Allerdings vor allem dann, wenn das Biogas aus Abfall- und Reststoffen gewonnen werde, schränkt Lottsiepen ein. Er verweist auf die „heftige Teller-vor-Tank-Debatte“, die in den Reihen der Umweltverbände und Entwicklungsorganisationen zu Recht geführt werde.

Alltagstaugliche Technik

Diese Kontroverse ist auch bis zum Landwirt Horst Seide aus dem Wend­land, zudem frischgebackener ­Prä­sident des Fachverbands Biogas und ­Betreiber von drei Biogastankstellen, vorgedrungen. Das „Teller-vor-Tank“-Argument verfängt bei ihm jedoch nicht. Er setzt keine Abfälle ein, sondern erzeugt Gas aus den Energiepflanzen Mais, Topinambur, Hirse, Kleegras und Szarvasi-Gras. Um in Zukunft eine noch größere Vielfalt auf den Äckern zu kultivieren, experimentiert Seide auch mit Dauerkulturen wie Silphie, einer Energiepflanze aus Nordamerika.

Auf Gas aus Abfällen setzt Frank Riering. Er ist Geschäftsführer der Hamburger Mabagas Kraftstoff GmbH & Co. KG, die seit kurzem Biogas im großen Stil an die Tankstellen bringen will. Die Firma kümmert sich um die Erzeugung von Biogas in Abfallanlagen. Die Schwestergesellschaft OIL! bietet den grünen Kraftstoff an ihren Tankstellen an. „Unser Produkt benötigt keine Ackerflächen und ist praktisch CO2-neutral“, verspricht Riering. Momentan gibt es erst sechs OIL!-Tankstellen, an denen die Kunden das Gas aus Abfall tanken können. „Wir wollen, dass jährlich fünf bis zehn neue Tankstellen hinzukommen“, sagt Riering. Dabei seien auch Kooperationen mit anderen kleineren Tankstellenketten denkbar. 

Foto: cwalter/photocase.comBiogas kann in normalen Erdgasfahrzeugen als Treibstoff eingesetzt werden. Voraussetzung ist die Aufbereitung zu Erdgasqualität.

Derzeit bekommen die Halter der rund 90.000 in Deutschland gemeldeten erdgasbetriebenen Autos an etwa 900 Tankstellen in der Republik ihren Kraftstoff. „Zu wenig“, kritisiert VW-Mann Hartmut Hoffmann. Seiner Einschätzung nach bräuchte es 1500 bis 2000 Erdgas-Tankstellen, um die Nachfrage nach den entsprechenden Pkw-Modellen anzukurbeln.

Unter den bestehenden Tankstellen bieten bisher 80 zu Erdgasqualität aufbereitetes Biogas, Bio-Methan, an. Neben dieser Reinkraftstoff-Fraktion verkaufen weitere 230 Tankstellen Erdgas mit unterschiedlich hohen Beimischungsanteilen von Bio-Methan, wie Claudia Petersen vom Interessenverband „erdgas mobil“ erklärt. Sie geht davon aus, dass umgerechnet etwa zehn Prozent des Fahrzeugbestandes mit Bio-Erdgas betankt werden.

Der Fachverband Biogas rechnet vor, dass rund 1,5 Millionen Autos in Deutschland mit Gas aus Abfall- und Reststoffen angetrieben werden könnten. Geschäftsführer Claudius da Costa Gomez plädiert deshalb dafür, die Biokraftstoffquote von 6,25 auf 8,5 Prozent anzuheben, um den Einsatz von Biogas voranzubringen. Der VCD spricht sich gegen eine Erhöhung der Quote aus. „Vorher muss gesichert sein, dass die Kraftstoffe tatsächlich nachhaltig produziert werden“, sagt VCD-Sprecher Gerd Lottsiepen. „Wenn nicht genug nachhaltig produzierte Biomasse auf den Markt kommt, muss die Quote gesenkt werden.“

Wie auch immer sich die Politik in ihrer Mobilitätsstrategie am Ende entscheidet – der Gasantrieb hat viele Vorteile. Bei der Verbrennung entsteht verhältnismäßig wenig CO2 und der Kraftstoffpreis ist niedrig. Biogas profitiert von der Steuerbefreiung, die allerdings 2015 ausläuft. Erdgas ist bis 2018 mit gemindertem Steuersatz auf dem Markt. Wie es dann weitergeht, ist nicht sicher. Die elektromobile Konkurrenz fürchtet Mabagas-Geschäftsführer Frank Riering trotzdem nicht. Autos mit Gasmotoren verfügen schließlich längst über alltagstaugliche Technik und sind in der Anschaffung erschwinglich.

Dierk Jensen

fairkehr 2/2019