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Editorial 2/2013

Was kostet ein Kubikmeter Luft?

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Der Begriff „Allmende“ stammt aus dem Mittelalter und bezeichnet das Gemein-Eigentum. In überschaubaren dörflichen Zusammenhängen waren Flächen zur allgemeinen Nutzung freigegeben. Jeder durfte dort nach festgelegten Regeln Wasser nutzen, Holz schlagen, Sand und Torf abbauen oder fischen. Im Alpenraum und in Teilen Süddeutschlands existieren ­Allmendweiden bis heute.

Mit wachsender Bevölkerung und industrieller Ausbeutung der natürlichen Ressourcen funktionierte die alte Balance allerdings immer weniger. Die Übernutzung von „freien Gütern“ wie Wasser, Boden oder Luft durch zu viele „Eigner“ und ohne beschränkende Nutzungsregeln führt zum Kollaps von Ökosystemen.

Die Globalisierung unserer Güterproduktion geht einher mit der Ausbeutung „freier Güter“. Wasser, Boden und Luft werden knapp. Die Allmende von heute sind Weltmeere, Flüsse, fruchtbare Ackerböden und die Luft zum Atmen. Und noch immer zahlt niemand dafür.

Wie viele Milliarden Dollar ist der vom Energiekonzern BP verseuchte Golf von Mexiko wert – oder das Nigerdelta, das in einer Ölpest erstickt? Was kostet der Boden in Kanada, wo aus Ölschiefer und Ölsanden der begehrte schwarze Saft gewonnen wird? Was kostet die Vergiftung von Böden und Trinkwasser bei der sogenannten Fracking-Methode zur Produktion von Erdgas?

Trinkwasser und Boden als Eigentum haben immerhin einen Preis. Doch Luft gilt als das „freie Gut“ schlechthin. Was sollte auch ein Kubikmeter zum Atmen kosten? Wer hätte das Recht, die Luft einem anderen buchstäblich vor der Nase wegzukaufen? Eine monströse Vorstellung, dass nur noch die Reichen sich Atemluft leisten können?

Ja, monströs, aber bereits Realität. In unserer Titelgeschichte zeigen wir die Kosten unserer immer noch sorg­­­losen Luftverschmutzung auf. 60.000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr vorzeitig an den Folgen von Rußpartikeln und Stickoxiden in unserer Atemluft. Kinder leiden unter Asthma, Allergien und Husten. Keiner stellt diese Kosten in Rechnung.

Ein erheblicher Anteil dieser Schadstoffe stammt trotz aller Filter aus den Auspuffen unserer Verkehrsmittel. Viele bewerten ihr individuelles Recht, mit dem Auto überall in der Stadt hinfahren zu dürfen, höher als das Recht von ­Kindern, unbeschwert zu atmen. Nur so lässt sich das laute Geschrei gegen ­Umweltzonen erklären.

Zusammen mit acht weiteren europäischen Umweltverbänden setzt sich der VCD nun drei Jahre lang im Auftrag der EU für Ihre Luft zum Atmen ein. Im „Clean Air“-Projekt geht es um die Durchsetzung härterer Grenzwerte für Kraftfahrzeuge, den Umstieg aufs Fahrrad und einen saubereren öffentlichen Verkehr. Helfen Sie mit, die Kosten unserer Mobilität zu reduzieren – die an der Zapfsäule und die ungedeckten Kosten der Luftverschmutzung. Fahren Sie einfach weniger Auto.

Michael Adler

fairkehr 3/2019