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Reise 6/2012

Endstation Arosa

Foto: Stefan SchwenkeEindrückliche Wintererlebnisse: Mit großen Schritten durch den tiefen Schnee stapfen.

Um die Sehnsucht nach dem perfekten Winter zu stillen, braucht man einfach nur Ruhe und ganz viel Schnee.

Jetzt Skier unter den Füßen haben und schwerelos fast tausend Höhenmeter hinunterschwingen ins Dorf! Tagelang hat es geschneit. Hier oben auf dem fast 2700 Meter hohen Gipfel des Weisshorns und an den Hängen rund um Arosa türmt sich meterhoch der Schnee. Als die Sonne am Mittag rauskommt, flirrt die Luft. Angefüllt mit Millionen winziger Eiskristalle glitzert sie in allen Farben des Lichts. Das Thermometer zeigt noch Minus 15 Grad.

Wer jetzt nicht Ski fährt, ist vielleicht wie wir in Wanderstiefeln mit der Weisshornbahn auf den Gipfel gefahren. Hier ist ein neues Bergrestaurant entstanden, das sich abheben will von der kitschigen Rustikalität, die ansonsten über der Baumgrenze beheimatet ist. Metertief verankert im Fels bildet eine Holzkonstruktion Wände und Dach, ein Schuppenkleid aus Aluminiumschindeln umhüllt die Form des Hauses. Innen viel helles Holz für Möbel, Wände und Decken. Aber der Schmuck des Innenraums ist die Außenwelt: Das auf 360 Grad zu genießende grandiose Alpenpanorama.

Seltene Wintermärchentage

Jetzt mit der Gondel wieder hinunter? Niemals! Solche Wintermärchentage sind selbst im schnee- und sonnenverwöhnten Graubünden selten. Gleich neben der Skipiste führt ein frisch gewalzter Wanderweg durch die klirrende Kälte bergab. Noch ohne Fußspuren schlängelt sich der Weg durch unberührtes Weiß. Unmittelbar umschließt die Wanderer eine außergewöhnliche Ruhe. Nichts ist zu hören als der knirschende Schnee unter den Füßen und der eigene, frostige Atem. Und das Klicken der Fotoapparate, die versuchen, das außerwöhnlich funkelnde Licht über den weißen Kuppen einzufangen.

Arosa hat ein ausgedehntes Netz an Winterwanderwegen, die nach jedem Schneefall neu gespurt werden. Mit 60 Kilometern sind das fast so viele wie Pistenkilometer für die Skifahrer. Das Besondere daran: In Arosa laufen die Fußgänger nicht isoliert im Tal, sondern auf gleicher Höhe mit den Skifahrern. Alle Einkehrhütten und Bergrestaurants können sie auf eigenen Wegen bequem erreichen. Manchmal kreuzen sie die Skipisten. Wandernde Familien können ihre Ski fahrenden Freunde oder Kinder treffen und sich am Mittag oder zum Aperitif auf einer Terrasse am Berg verabreden.

Fast zwei Stunden sind wir, dick vermummt gegen die eisige Luft, vom Weiss­horngipfel zu Fuß hinunter zur Tschuggenhütte unterwegs. Jeder in seinem Tempo. Man kann gemächlich den Serpentinen der Wege folgen, die Aussicht genießen, Abkürzungen durch den hüfthohen weichen Schnee spuren, schlittern, Schneebälle werfen, fotografieren oder einfach in aller Ruhe das eindrücklichste Wintererlebnis seit langem genießen.

Bahnfahrer bevorzugt

Bei der Tschuggenhütte macht der Weg auf der größten und angesagtesten Terrasse des Bergdorfs Zwischenstation. Heute sind die vielen Holzliegen wegen der frostigen Temperaturen leer geblieben. „Statt auf die Schönen und Reichen setzen wir auf Familien“, sagt Yvonne Wüthrich von Arosa Tourismus, die sich an einer heißen Tasse Tee wärmt. Wo sich in manchen Schweizer Wintersport-destinationen alles um den arabischen Jet-Set oder die Thronfolger der europäischen Königshäuser dreht, baut Arosa, anerkannter Schweizer Klimakurort seit über 100 Jahren, auf seine Stammgäste. Seit einigen Jahren bemüht sich der Ferienort um umweltbewusste Urlauber. „Wir verfolgen das Ziel ‘Nachhaltiges Arosa’“, sagt die Sprecherin des Tourismusverbandes. Ein Baustein ist die „klimaneutrale Winterferienpauschale“, die Gäste buchen können. Arosa Tourismus gleicht dabei den Energieverbrauch des Aufenthalts und der Anreise durch die Zahlung in einen eigenen Arosa-Ökofonds aus. Der Fonds finanziert die nachhaltige Entwicklung der Feriendestination Arosa. Diese für Gäste kostenlose CO2- Kompensation werde bisher noch zu wenig nachgefragt, klagt Tourismusfrau Wüthrich. Wahrscheinlich wissen die meisten Urlauber nicht, wie sie beim Klimschutz mitmachen können, denn auf der Homepage des Ortes ist der Hinweis darauf ziemlich gut versteckt.

Besonders wünschen sich die Touristiker in Arosa, dass die Gäste ihr Auto zuhause lassen und mit dem Zug anreisen. Wer sich für die Fahrt mit der Rhätischen Bahn entscheidet, erlebt auf der Strecke von Chur nach Arosa eine der spektakulärsten Bahntrassen der Schweiz. In einer Stunde schlängelt sich der rote Zug die Kurven durch das Tal nach Arosa hoch. Vorbei an Felswänden und Wasserfällen, über hohe Brücken und Viadukte. Endstation ist Arosa, dessen Kopfbahnhof und die abgeschiedene Lage am Ende des Tals den Ort vor Durchgangsverkehr und größerem Rummel bewahrt. Wer in diesem Winter seine Bahnfahrkarte im Tourismusbüro vorzeigt, erhält – kein Witz – zur Belohnung eine Eintrittskarte für das Arosa-Humor-Festival, das jedes Jahr seine Zelte für die Kleinkunst an der Tschuggen-Hütte aufstellt.

Eine Stunde Fußweg ist es von der Hütte weiter hinunter ins Dorf. Die letzten Sonnenstrahlen werfen lange Schatten und färben den Schnee in allen Farben blau. Wir schauen immer wieder zurück zum Weisshorngipfel. „Von dort ganz oben kommen wir, einfach zu Fuß“, sagt einer. Heute brauchten wir keine Skier, um glücklich zu sein.

Uta Linnert

Infos

Weitere Infos: www.myswitzerland.com, de.graubuenden.ch, www.arosa.ch
Anreise mit ICE oder EC über Basel und Zürich nach Chur: www.bahn.de
Infos zu Gepäcktransport und günstigen Bahn­­tickets: www.vertraeglich-reisen.de
Eine der schönsten Zugstrecken der Schweiz von Chur nach Arosa mit der Rhätischen Bahn: www.rhb.ch
Die meisten Arosa-Hotels bieten einen kostenlosen Abhol-Service vom Bahnhof an. Der Ortsbus in Arosa ist kostenlos.

fairkehr 5/2019