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Kolumne 6/2012

Foto: www.olivea.inIn Indien bereits am Start: Der Luxus-Überlandbus könnte auch hierzulande das Verkehrsmittel der ­Zukunft sein.

Bussi-Bussi-Gesellschaft

Bustüren auf und kleiner Spaß zum Einstieg. Ich habe einen Lieblingsfeiertag, und das ist der Bus- und Bettag, der ja bekanntlich dem heiligen Omnibus gewidmet ist. Doing. Der Witz wird merkwürdigerweise von meinen Kindern immer müde belächelt, ist doch aber ein toller Einstieg in eine Bus-Kolumne. Ich liebe nämlich die eckigen fahrenden Kisten, die im Design oft an die Eleganz von Schuhschachteln und rollenden Containern anknüpfen.

Heute geht es um Busse. Und zwar um Busse, die ganz, ganz weite Reisen möglich machen. Fernbusse. Das sind die wilden Brüder vom Stadtbus, der ja leider an der Stadtgrenze umdrehen muss. Dabei interessiert mich nicht so der organisierte Reisebus, da, wo der Schorsch immer so charmant ins Mikrofon hineinsäuselt und die Ü-70 direkt vors Hotelzimmer fährt. Auch okay, aber natürlich nichts gegen den abenteuerversprechenden Überlandbus, der ganz anarchisch ohne Reiseleitung unbändige Freiheit und Weite verspricht. Könnte er auch in Deutschland das Fernverkehrsmittel für alle sein? Von Aalen nach Ahlen ohne viel Bezahlen? Von Bochum bis Bad Tölz ins Gehölz? Das fragen wir uns im Schatten des aufbrechenden Monopols der Deutschen Bahn.

Einen Überlanddienst kennen andere Bus-Völker natürlich schon lange. Jeder Hollywoodkenner weiß, dass es in den USA den grauen Hund gibt, der immer dann irgendwo um die Ecke braust, wenn ein schlimmer Abschied ansteht. Auch in Europa gibt es in zivilisierten Ländern längst Fernverbindungen. Mein Bekannter Wolfgang protzte neulich, er fahre zwischen Estland und seinem Lieblingsland Litauen mit Luxuslinern. Angeblich erste Sahne, mit gratis Internet, Beinfreiheit und allem Pipapo. So etwas will ich auch. Ich sehe mich nämlich schon im ultrabequemen Liegesitz zwischen Aachen und Berlin mit Kaffeeservice, Cocktailbar, Beinfreiheit, Nacken- und Gesichtsmassage. Alles natürlich komplett wireless und für einen Schnäppchenpreis. Das wäre endlich eine Alternative zum teuren Kaffeevergnügen im ICE.

Empörend finde ich beispielsweise, dass in der Bahn das Menschrecht auf gratis Internetzugang mit den Füßen getreten wird. Deshalb bin ich unbedingt dafür, dass ein Konkurrent auftaucht, der sich bei mir, dem Fahrgast, durch unzählige Gratifikationen einschleimt. Und jetzt kommt’s: So ein Fernbus ist ja angeblich sogar ökologischer als der ICE, weil er nicht so schnell brezelt und darum pro Kopf weniger Sprit verbraucht. Auch das wäre eine ­angenehme Nebenerscheinung.
Zugegeben, das müsste dann ein völlig neues Zeitalter sein.

Ich erinnere mich, dass eine lange Busreise früher nicht unbedingt ein Zuckerschlecken war. Ich busste mal in den Neunzigerjahren in einem Ruck von Karsruhe nach Madrid. Ich wollte damals nämlich beweisen, dass man im europäischen Fernverkehr auf das Fliegen verzichten könne, ohne vergnügungstechnisch ­Abstriche zu machen. Kurz zusammengefasst: Das Experiment scheiterte kläglich. Aus heutiger Sicht war die Fernbusreise eine Klimakatastrophe. Ich transpirierte unglaublich wegen schlechter Lüftung und Todesangst. Die Busfahrer damals pflegten nämlich oft noch einen recht unkonventionellen Fahrstil. Heute unvorstellbar: Damals wurde an Bord noch ­geraucht! Von Bein- geschweige denn Meinungs­freiheit war noch nicht die Rede. Es galt das Recht der Busfahrer und die zeigten uns heitere spanische Filmkömodien, die noch in voller Lautstärke gezeigt wurden. Ach, wir waren jung und hatten später was zu erzählen.

Aber das ist Busgeschichte. Die Zukunft gehört dem Luxus auf sechs Rädern. Mit großer Hoffnung erwarte ich die ersten Nachtliner, die mich in großzügigen Komfortsesseln durch Europa schaukeln. Und am Ende der Reise verabschiedet mich eine liebliche Stewardess natürlich mit einem Lächeln und einem Bussi.

Martin Unfried

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fairkehr 3/2019