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Editorial 6/2012

Bürger trifft Alphamännchen

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ stimmte letzte Woche den Abgesang auf den „weißen Mann“ an. Aufhänger war die Präsidentenwahl in den USA. Hätten dort nur Männer mit weißer Hautfarbe gewählt, wäre Barack Obama mit Pauken und Trompeten aus dem Weißen Haus vertrieben worden. Keine 30 der über 500 Wahlmänner hätte Obama gewonnen.

Als Kronzeuge diente der „Zeit“ der Hollywood-Veteran Clint Eastwood, der auch Wahlkampf für den republikanischen Kandidaten Mitt Romney gemacht hatte. Eastwood steht für den harten Mann, der in seinen Filmen die gerechte Sache notfalls auch mit Waffengewalt durchsetzt. Kein Weichei, das lange fackelt.

Die Mehrheit der weißen Männer reichte Romney bekanntlich nicht zum Sieg. Obama gewann deutlich mit den Stimmen der amerikanischen Frauen, der Schwarzen, der Hispanics und wohl auch der weißen Männer, die einem ­anderen Ideal folgen als Clint Eastwood.

Out ist das Alphamännchen-Gehabe, wie Brusttrommeln und Rechthaberei. Wenn sogar James Bond weinen darf, dann ist der Basta-Politiker, der einsame Entscheidungen als Führungsstärke verkauft, mega-out. Ein Trend, den auch die SPD derzeit zu spüren bekommt. Am Beispiel ihres Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Der ist auch schon 65 und wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Steinbrück wurde von der Parteispitze erkoren, weil er gerne deftig formuliert und schon mal die Kavallerie in die Schweiz einreiten lassen will. Man dachte offenbar, die betont kaltschnäuzige Rhetorik Steinbrücks käme beim Volk an. Nach bisherigen Umfragewerten war dies ein Irrtum. Mag sein, dass der wirtschaftskompetente und führungswillige Steinbrück auch deshalb beim Volk verliert, weil er zu hohe ­Honorare für seine kernigen Vorträge genommen hat.

Die Grünen wurden zunächst für die Urwahl ihres Spitzenduos für die Bundestagswahl belächelt. Wo kommen wir denn da hin, wenn Politik basisdemokratisch von Hinz und Kunz entschieden wird? Seit diese Basis eine überraschende, aber aus Sicht vieler Kommentatoren sinnhafte Wahl getroffen hat, wird auch in Parteien anders über Demokratie diskutiert.

In unserer aktuellen Titelgeschichte befassen wir uns mit dem Für und Wider von Bürgerbeteiligung bei verkehrlichen Großprojekten. Das wäre das Ende allen Fortschritts in Deutschland, meinen ­politische Alphamännchen, die es über Jahrzehnte gewohnt waren, dass sie, einmal gewählt, auch Milliardenprojekte einfach durchsetzen konnten. Mit kurzen Einspruchsfristen für die Bürger, aber total legal. Spätestens seit den Kontroversen um Stuttgart 21 nehmen auch Basta-Politiker widerwillig zur Kenntnis, dass der mündige Bürger und die Bürgerin mitreden will und es auch auf hohem Niveau kann. Zivilgesellschaftliches Engagement wird eigentlich andauernd gefordert. Bei den scheinbar wichtigen Großprojekten bleibt man dann jedoch lieber unter sich und denunziert die engagierten Bürgerinnen und Bürger als Wutbürger.

Professor Klaus Selle fordert im fairkehr-Interview, Bürger über das „Ob“ und das „Wie“ von Planungen abstimmen zu lassen. Dadurch gewinne man Perspektivenvielfalt. Das Ergebnis sei dann oft ein anderes, als es die Politik vorher beschlossen hatte, aber keineswegs ein schlechteres.

Eine frohe Adventszeit wünscht Ihnen

Michael Adler

fairkehr 4/2019