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Kolumne 5/2012

Foto: Volker LannertAls Jugendlicher fuhr fairkehr-Autor Martin Unfried Vespa – und hat damit auf dem Land überlebt.

Gefährliche Landjugend

Neuwagen? Niemals über 79 Gramm CO2 pro Kilometer! Alles andere ist technologische Steinzeit. Das ist kurz zusammengefasst, was ich von der VCD Auto-Umweltliste gelernt habe. Die war wieder dufte. Ich ziehe mich nach Erscheinen immer für ein Wochenende zurück und studiere sie von vorn bis hinten. Am Ende kenne ich jedes Sternchen. Wow! Der Lärm hat also dem ansonsten klimasympathischen Toyota Yaris ­Hy­brid das Genick gebrochen. Merke, den Lärm sollten wir vor lauter Zeohzwei nicht unterschätzen!

Mit meinem Wissen teste ich beim Frühstück die Kinder und frage, welcher Fünfsitzer wohl außer unserem großen Sofa der umweltfreundlichste sei? Und weil sie es nicht wissen, lege ich mit einem langwierigen Kurzreferat los und begründe, warum ich den erstplazierten VW Up (Erdgas) im Leben nicht kaufen würde. Sachliche Gründe sprächen dagegen: „Up“ ist ein bescheuerter Name und VW ist sowieso ein doofer Konzern. Die Kinder zucken mit den Schultern. Das ist das Problem dieser Generation. Interessiert sich null für Autolisten und CO2-Werte! Was haben wir uns jahrelang über die Konzerne aufgeregt! Über die unverschämte Übermotorisierung! Die klimatechnische Ignoranz! Den PS-Wahn? Ich habe sogar ein Kartenquartett mit den sparsamsten Autos von 1999, das ich heute noch gern spielen würde, wenn sich zuhause jemand ­erbarmte. Nein, da haben die Auto-Ignoranten keine Lust und gucken lieber Youtube. Wenn ich Automanager wäre, würde mir das Desinteresse der Stadtkinder am Autoquartett zu denken geben.

Wobei ich andererseits nicht an den Mythos glaube, die Generation Smartphone habe komplett ihre Auto-Emotionen verloren. Man denke nur an die automophile Landjugend!

Blöderweise gibt es noch keine App, die einen vom Dorf am Samstagabend in den Club beamt. Also nehme ich an, die Landjugend wird angesichts des kargen ländlichen ÖPNVs noch lange Brummbrumm lieben. Und vom Land verstehe ich was. Ich bin selber ein Dorfnapf und wollte mit 16 unbedingt motorisiert sein. Ich fuhr Vespa und die anderen ­Enduros. Das machte mich zum Außenseiter. Und später bekam ich kein Auto zum Achtzehnten, was auch gemein war. Überhaupt schluckte ich zu wenig Bier. Vielleicht ein Grund, warum ich die Landjugend überlebt habe. Was nicht selbstverständlich war. Mit 16 Jahren stand ich am Grab eines Gleichaltrigen, der mit dem Moped in einer Partynacht verunglückt war. Nicht lange danach am Grab eines 18-Jährigen, der im Wald mit dem Opel die Kurve nicht gekriegt hatte. Das war alles andere als witzig.

Ich kenne die neueren Unfallstatistiken nicht. Doch ich vermute, die Landjugend lebt immer noch brandgefährlich. Da bin ich froh, dass meine Kinder mit dem Rad überall hinkommen. Wenn nämlich eines Tages so ein tätowierter 18-jähriger Führerscheinneuling mit seinem aufgemotzten Motorrad vor der Tür steht und meine Tochter abholen will, ist Schluss mit meiner entspannten, postautoritären Gelassenheit. „Nur über meine Leiche fährst du da mit!“ Das wird ganz schön ­spießig.

Mein Sohn hat sich übrigens doch noch für ein Fahrzeug der VCD Auto-Umweltliste interessiert: für den elektrischen Renault Twizy – ein vierrädriges Leichtmobil, das auch für Sechzehnjährige mit einer Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h angeboten wird. Für die fahrradfreundliche Stadt uninteressant, aber eine schöne Moped-Alternative für die Landjugend. Klingt in jedem Fall weniger tödlich als Enduro.

Martin Unfried

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fairkehr 3/2019