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Titel 4/2012

Gegen das Einsperren

Was Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit unternehmen und wie sie ihre Wege zurücklegen, bestimmen die Erwachsenen. Das muss sich wieder ändern.

Foto: Marcus Gloger

Wir haben die Kinder von der Straße gedrängt: auf die Rückbank von Mamas Auto, auf Spielplätze, in Turnhallen oder in ihre Zimmer. Wer sich wundert, dass kaum noch Kinder draußen spielen, muss nur einen Blick in die deutsche Straßenverkehrsordnung werfen. Mit einer Novelle hat der Gesetzgeber 1997 das Spielen und den Aufenthalt im Straßenraum endgültig verboten und damit festgeschrieben, was ohnehin schon Realität geworden war. 

Früher diente die Straße Kindern und Jugendlichen als Spiel-, Erlebnis- und Bewegungsraum. Diese vielseitige Nutzung stand jedoch in Konkurrenz zu einem ständig steigenden Verkehrsaufkommen mit großem Parkdruck. Ausnahmen fürs Spielen gelten heute nur noch für verkehrsberuhigte Bereiche und Fußgängerzonen.

Leben in extra geschaffenen Räumen

Dies ist ein Grund dafür, dass das Leben von Kindern heute fast ausschließlich in extra für sie geschaffenen Räumen stattfindet. Soziologen sprechen von Prozessen der „Verhäuslichung“ und „Verinselung“. Spielen und Freunde treffen können Kinder nicht mehr draußen auf der Straße, sondern hauptsächlich in geschlossenen Räumen oder in institutionalisierten Strukturen wie Kindertagesstätten, Schulen oder Sportvereinen. 

Für eine gesunde soziale, kognitive und physische Entwicklung von Kindern kommt dem Spiel auf der Straße und dem selbstständigen Entdecken des Straßenraumes jedoch eine große Bedeutung zu. Straßenspiele fördern die Kreativität, weil sie im Gegensatz zum Spielen auf dem Spielplatz keine Themen vorgeben. Kinder, die selbständig unterwegs sind, können sich besser orientieren, sie identifizieren sich stärker mit ihrem Wohnumfeld und bauen festere soziale Bindungen zu Freunden und Nachbarn auf als Kinder, die von den Eltern oder Großeltern auf den Spielplatz begleitet werden. 

Die Freizeit von Kindern und Jugend­lichen ist heute stark organisiert: Sportverein, Musikschule, Nachhilfe – all diese Aktivitäten führen dazu, dass die Orte, an denen sich Kinder aufhalten, weit auseinander liegen. Die Wege dorthin können oder dürfen Kinder oft nicht selbständig zurücklegen. Die Angst der Eltern vor Verkehrsunfällen und die weiten Distanzen sorgen dafür, dass Kinder meistens von Erwachsenen begleitet werden.

Selbst 17-Jährige werden von Eltern begleitet

Besonders deutlich wird diese Veränderung, wenn man sich die Schulwege anschaut: Die Altersgruppe der 5- bis 9-Jährigen wird deutlich weniger alleine auf die Straße gelassen, als dies früher der Fall war. Gingen 1970 noch 91 Prozent der Erstklässler ohne Begleitung zur Schule, waren es im Jahr 2000 nur noch 17 Prozent. Selbst 17-Jährige legen noch fast ein Viertel ihrer Wege in Begleitung eines Elternteils zurück.

Zu Fuß zur Schule gehen inzwischen nur noch etwa 44 Prozent der Kinder, Mitte der 1970er Jahre waren es noch fast 70 Prozent. Wenn Kinder unter neun Jahren von ihren Eltern zur Schule begleitet werden, machen das sechs von zehn ­Vätern oder Müttern mit dem Auto. Bei den 10- bis 13-Jährigen werden sogar 80 Prozent der begleiteten Schulwege mit dem Auto zurückgelegt.

Anja Hänel

Foto: Andreas Labes

Anja Hänel (46) ist Referentin für Verkehrs­sicherheit und Mobilitätserziehung beim VCD.

fairkehr 3/2019