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Titel 4/2012

Schluss mit Sonntagsreden

Eine klare Strategie mit allen Betroffenen umsetzen und sie öffentlich kommunizieren – das ist das Rezept für sicherere Straßen in Kommunen, sagt Verkehrssicherheitsexperte Theo Jansen. 

Foto: Marcus GlogerGemeinsam mit dem Bus zur Schule: Nach einigen Übungsfahrten mit den Eltern sind Kinder gerne allein unterwegs und stolz, dass die Eltern ihnen das zutrauen.

fairkehr: Herr Jansen, kein Kind, kein Mensch überhaupt, sollte im Straßenverkehr sterben, das ist das Ziel des Leitbilds „Vision Zero“, das auch der VCD vertritt. Tun Kommunen dafür genug?
Theo Jansen: Es gibt gute Ansätze in etlichen Kommunen. Doch die meisten versäumen es, das gesamte Potenzial für eine erfolgreiche Verkehrssicherheitsarbeit auszuschöpfen.

Wie meinen Sie das?
Zunächst einmal: Was heißt überhaupt Verkehrssicherheit? Muss ich als Kommune erst für mehr Sicherheit sorgen, wenn Unfälle passiert sind, oder ist es nicht besser, wenn ich gute Präventivarbeit betreibe und die eigenständige Mobilität von Kindern fördere, sodass Unfälle gar nicht erst vorkommen. In dieser Hinsicht könnte in vielen Kommunen noch mehr passieren.

Was müsste passieren?
Das A und O ist es, ein klares Ziel der ­Sicherheitsarbeit zu formulieren und ­darauf aufbauend eine einheitliche Strategie umzusetzen. Dafür sollten alle ­betroffenen Bereiche in der Kommunalverwaltung zusammenarbeiten: Verkehrsplaner, Stadtplaner, ÖV-Strategen, Ordnungsamt, Schulamt, Sozialbereich. Außerdem gehören externe Partner mit ins Boot: Verkehrsunternehmen, Polizei, Schulen und Verbände. Das Stichwort heißt Mobilitätsmanagement, es geht um ein kommunales Mobilitätskonzept. Doch es ist natürlich leicht, die Städte und Gemeinden zu kritisieren. Viel wichtiger ist die Unterstützung der Kommunen. Daher fördert Nordrhein-Westfalen in allen Regierungsbezirken Netzwerke, die sichere und eigenständige Mobilität voranbringen.

Es lohnt sich für Kommunen immer, in Verkehrssicherheit zu investieren?
Ja, sichere Mobilität ist Lebensqualität und ein Grund, weshalb Familien in eine Stadt oder ein bestimmtes Viertel ziehen. Wenn Städte oder Kreise als Aufgabenträger des ÖPNV beispielsweise durch die Einrichtung von Buslinien vorbei an Supermärkten, Schulen oder Sport- und Freizeiteinrichtungen und durch einen angemessenen Taktverkehr dazu beitragen, dass Eltern ihre Kinder weniger holen und bringen müssen, dann ist in Familien ein besseres Zeitmanagement möglich. Dies gilt auch für ein zusammenhängendes attraktives Rad- und Fußgängernetz. Damit können Kommunen als Standortfaktor werben – auch für andere Zielgruppen, beispielsweise Senioren. Alles, was ich als Kommune tue, um die Mobilität von Kindern sicherer zu machen, kommt auch älteren Menschen zugute. Und es ist am Ende auch Wirtschaftsförderung.

Welche Kommunen aus Ihrem Netzwerk „Verkehrssichere Städte und Gemeinden im Rheinland“ arbeiten bereits vorbildlich?
Viele Kommunen haben sich auf den Weg gemacht, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Zielgruppen. Unter anderem aktuell die Stadt Kerpen. Sie überprüft die Stadtteile auf Gefahrenschwerpunkte. Dabei bezieht sie Grundschüler ein, lässt sie ihre Schul- und Freizeitwege beschreiben und baut ihre Erfahrungen in spezielle Kinderstadtpläne ein. Aachen hat einen Katalog mit den wesentlichen Kriterien für einen kinder- und familienfreundlichen Städtebau zusammengestellt. Planer haben damit die Möglichkeit, Bauprojekte nach einheitlichen Gesichtspunkten zu prüfen und zu bewerten. 

Was gibt es über NRW hinaus?
In verschiedenen Kommunen haben sich Kinderunfallkommissionen gebildet. Nicht nur in NRW, sondern bundesweit. Einige dieser Kommissionen gehen genauso vor, wie ich es eben als optimal beschrieben habe: Es wird ein Ziel formuliert, Mitarbeiter aus den Bereichen Verkehrsplanung, Verkehrserziehung und Sicherheitsberatung, Verkehrsüberwachung und Öffentlichkeitsarbeit setzen sich zusammen und planen, was jeder Bereich dazu beitragen kann, die abgestimmte Strategie erfolgreich umzusetzen. Seit 2005 organisieren wir jährlich ein bundesweites Treffen der Kinderunfallkommissionen. Man kann nur von­ein­-ander lernen. Wobei man die Bezeichnung Kinderunfallkommission überdenken sollte, sie suggeriert, es sei extrem gefährlich für Kinder, sich eigenständig im Verkehr zu bewegen.

Kommunen sollten Kinder in die Planung sicherer Wege einbeziehen.
Ja, Beteiligungsprojekte, in denen sich die Kommunalverwaltung mit der Zielgruppe auseinandersetzt, sind sehr wichtig, für beide Seiten. Kommunalverwaltung und Politik nähern sich ihren Bürgern und potenziellen Wählern an und die fühlen sich und ihre Belange ernst genommen. Wir, die Koordinierungsstelle des Netzwerks, haben als Beteiligungsinstrumente die „Schulweg-Detektive“ für Grundschüler und für weiterführende Schulen die „Radweg-Detektive“ entwickelt. 

Foto: VRSTheo Jansen (54) leitet die Koordinierungsstelle Mobilitätsmanagement beim Verkehrsverbund Rhein-Sieg. Die Koordinierungsstelle betreut unter anderem das Netzwerk „Verkehrssichere Städte und ­Gemeinden im Rheinland“, dem zurzeit 49 Kommunen und acht Kreise angehören. Sie berät, unterstützt und qualifiziert Kommunen, Verkehrsunternehmen und andere Mobilitätsdienstleister unter anderem in den Bereichen Verkehrssicherheit, Mobilitätserziehung und Mobilitätssicherung für Senioren.

Wie beziehen Sie da die Kinder ein?
Die Kinder überprüfen, ausgerüstet als Detektive, wie sicher die Wege zur Schule sind. Die Detektiv-Koffer enthalten unter anderem Maßbänder, um Gehwegbreiten zu messen, Stoppuhren, um Grünphasen an Ampeln zu erfassen, Detektiv-Westen und -Ausweise. Die Kommunen können die Ergebnisse in unterschiedlicher Form aufgreifen. Die Schulen und Netzwerk-Kommunen, die das Projekt umgesetzt haben, haben damit sehr positive Erfahrungen gemacht. 

Und die Kommunen greifen die Ergebnisse dann auch auf? 
Dass die Vorschläge ernst genommen werden, ist extrem wichtig. Kommunalverwaltungen sollten Beteiligungsformen tunlichst nur einsetzen, wenn sie bereit sind, mit den Kindern zu kommunizieren. Die Kinder leben in diesen Momenten demokratische Partizipation, da wäre es teuflisch, wenn es keine Rückmeldung gäbe. 

Welchen Service bietet Ihre Koordinierungsstelle noch an in puncto sicherer Wege für Kinder?
Ein wesentlicher Baustein der Netzwerkarbeit auf kommunaler Ebene ist die dauerhafte Kooperation mit den Schulen im Bereich der Mobilitätserziehung. In dem Bereich stellen wir den Schulen neben den Detektiv-Koffern viele weitere Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, beispielsweise Fahrradparcours-Kisten. Außerdem geben wir Handbücher heraus, beispielsweise die „Mobilitätsfibel“ zusammen mit dem VCD Nordrhein-Westfalen. Am Ende des vierten Schuljahres sollen Schüler in NRW gemäß Sachkunde-Lehrplan Bus und Bahn nutzen können. Der Grundschullehrer und VCD-Verkehrssicherheitsexperte Philipp Spitta hat für uns deshalb das Unterrichtsmaterial „Bus- & Bahn-Detektive“ erstellt. 

Sollten all die guten Beispiele nicht viel ­bekannter sein?
Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit haben die Kommunen großen Nachholbedarf. Es bräuchte eigentlich viel mehr Kommunikationskampagnen für Verkehrssicherheit und für die Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel. 

Und es fehlt, wie so oft, das Geld? 
Ja, für Öffentlichkeitsarbeit ist kaum Geld da. Wir versuchen, mit unseren Projekten vor Ort Aufmerksamkeit zu schaffen und eine Lobby aufzubauen für die Interessen der Kinder und Senioren. Auch indem wir den Kollegen und Kolleginnen aus den Kommunalverwaltungen mit unserer Informationsarbeit Instrumente in die Hand geben und ihnen gegenüber der Politik den Rücken stärken mit Hilfe von Erfahrungsaustausch, Wissenstransfer und konkreten Angeboten. Denn es passiert häufig, dass die Fachabteilung Maßnahmen gern umsetzen würde, diese jedoch dann aufgrund der Priorisierung anderer kommunaler Politikfelder nicht realisiert werden. In Sonntagsreden geht es oft um die Interessen von Senioren und Kindern, doch wenn es zum Schwur kommt, stehen sie hinten an. Die Frage ist, wem die Stadt, die Straßen und Plätze gehören. Ich finde, den Menschen, die dort leben.

Interview: Kirsten Lange 

Die tun was:  Gute Beispiele aus Kommunen

Im Rahmen des Projekts „Mit Kindern ­unterwegs – ökologisch und entspannt“ hat der VCD familienfreundliche Mobilitätsangebote zum Nachahmen zusammengetragen.

Mit dem Rad: Im Frankfurter Westen wird zurzeit ein Verleihsystem mit Elektrofahrzeugen aufgebaut, der erste Schritt sind Elektro-Transporträder. Im großen Holzkorb der niederländischen „Backfiets“ mit gepolsterten Klappbänken und Gurten finden sowohl die Wocheneinkäufe als auch die Kinder Platz.

Zu Fuß: Spielleitplanung nennt sich ein Instrument der Stadtplanung für mehr Kinder-, Jugend- und Familienfreundlichkeit. Der Berliner Bezirk Pankow ­befragte in Zusammenarbeit mit Freizeiteinrichtungen und Schulen Kinder und Jugendliche zu ihrem Schulweg, schönen und weniger schönen Spielorten und gefährlichen Verkehrssituationen. Die jungen Leute gingen auf Fotostreifzug, begleitet von Stadtplanern. Das Ergebnis ist Spielleitplan, ein Katalog mit etwa 70 Maßnahmen in den Bereichen Spielorte, Grünflächen, Verkehr und Miteinander im Kiez, die nach und nach umgesetzt werden.

In Bus und Bahn: Der Familienbus Erlensee im Main-Kinzig-Kreis erschließt zu einem niedrigen Tarif Wohngebiete, die vorher vom öffentlichen Verkehr abgehängt waren. Der barrierefreie Minibus mit zwölf Sitzplätzen hält nach einem ­festen Fahrplan in der Nähe von Schulen, Kindertagesstätten, Seniorenwohnungen oder Supermärkten. Er lässt seine Kunden außerdem zwischen den Haltestellen ein- und aussteigen. 

fairkehr 2/2019