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Titel 4/2012

Training fürs Leben

Bewegung macht Kinder schlau und selbstbewusst. Jede Bewegung im Alltag ist psychomotorisches Training fürs Leben.

Foto: Marcus GlogerBalancieren auf der Slackline: Kinder, die sich viel bewegen, sind selbstbewusster, sozialer, psychisch stabiler und körperlich gesünder.

Wie schön war es, nach Schule, Mittagessen und Hausaufgaben endlich raus zu dürfen: Ball spielen auf der Straße, Seil springen auf dem Bürgersteig, Hütten bauen im Wald, buddeln im Matsch oder, im Winter, Schlitten fahren auf den Hügeln am Ortsrand. Vor 30 Jahren verlief so ein ganz normaler Kindertag. Kinder bewegten sich ganz viel, und zwar nebenbei und völlig selbstverständlich. 

Das ist heute nicht mehr so: Die Wege zu Schlittenhügeln und in die Wälder sind wegen des Verkehrs gefährlicher geworden, Autos parken die Bürgersteige zu, Spielen soll und kann hier niemand mehr. Kinder erleben ihre Welt heute überwiegend eingesperrt auf dem Autorücksitz oder drinnen vorm Fernseher und an Spielekonsolen. Bewegung Fehlanzeige.

Das Hirn ist dynamisch

Aktives Erleben, selbständiges Gestalten und Bewegung sind Grundvoraussetzungen für die gesunde Entwicklung von Kindern. Forscher haben festgestellt, dass Bewegung nicht nur fit, sondern auch schlau macht.

Durch motorische Anforderungen schüttet der Körper Hormone aus, die die Vernetzung von ­Gehirnzellen anregen. Je mehr sich die Gehirnzellen vernetzen, desto besser können Kinder auch kognitive Anforderungen bewältigen. Sie können sich besser konzentrieren, sie lernen schneller und es fällt ihnen leichter, komplexe Aufgaben zu lösen.

„Das Gehirn ist kein statisches Organ, sondern ein dynamisches – es wird leistungsfähiger, wenn es gefordert wird, und es verändert sich sogar sichtbar“, sagt Achim Schmidt, Wissenschaftler an der Sporthochschule Köln. Auch im Erwachsenenalter, selbst bei Senioren, entstehen im Gehirn noch neue Verknüpfungen. „Bewegung macht körperlich und geistig fit – egal in welchem Alter“, sagt Schmidt.

Besonders schnell verändert sich das Gehirn in jungen Jahren. Hirnforscher haben herausgefunden, dass bei Jugendlichen heute das Areal im Gehirn, das den Daumen steuert, deutlich vergrößert ist. Beim Benutzen von Handys setzen sie die Daumen überproportional oft ein, deshalb können sie auch so schnell Nachrichten an ihre Freunde tippen.

Schickt die Kinder in den Wald

Führende Neurologen kommen zu dem Ergebnis, dass Kinder, die gut balancieren können, auch gut in Mathe sind, während es weniger Erfolg bringt, still zu sitzen und das Rechnen ausschließlich theoretisch zu üben. „Schickt die Kinder in den Wald und lasst sie auf Bäumen balancieren“, fordert deshalb Thomas Lindner, Psychologe bei der Evangelischen Beratungsstelle für Eltern und Kinder in Bonn.

Kinder brauchten Zeit zum Spielen und ­Gelegenheit, nicht zielorientierte Dinge zu tun. Das fördere ihre Fantasie und alle Sinne, erklärt der Psychologe. „Wer draußen spielt und sich bewegt, der muss ständig auf unvorhersehbare Dinge reagieren, also flexibel sein. Das hilft ungemein, sich in dieser immer unübersichtlicher werdenden Welt zurechtzufinden“, sagt Lindner. 

Eine Stunde Bewegung pro Tag

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für Kinder und Jugendliche mindestens eine Stunde Bewegung am Tag. Was vor 30 Jahren noch keiner Überprüfung bedurfte, das trifft heute nur noch auf 15 Prozent der 4- bis17-jährigen Deutschen zu. Das zeigen die Ergebnisse einer Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die das Robert-Koch-Institut durchgeführt hat. Vor dem Fernseher sitzen dagegen alle Kinder täglich, im Schnitt eineinhalb Stunden. Und mindestens noch mal so lange vor Computern oder Spielekonsolen. Insgesamt sitzen Kinder überhaupt zu viel: in der Schule, im Auto, vorm Bildschirm – bis zu zehn Stunden täglich.

Foto: Marcus GlogerFür die gesunde Entwicklung von Kindern ist Klettern und Spielen wichtig – und hilft auch beim Mathelernen.

Das hat fatale Folgen: Die Kleinen haben Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, können wesentlich weniger weit springen und keine Purzelbäume mehr schlagen. Kinderärzte beklagen, dass in den letzten zehn Jahren immer mehr Kinder mit motorischen Defiziten, Übergewicht, Rückenschmerzen und Haltungsschäden in die Praxen kommen. Als Hauptgründe nennen die Ärzte ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und intensive Mediennutzung.

Es gibt Hinweise darauf, dass Landkinder körperlich ähnlich fit sind wie in früheren Jahren, während bei den jungen Stadtbewohnern die motorischen Auffälligkeiten zunehmen. Es kommt auch auf die soziale Herkunft an, aber vor allem auf die Eltern. Die haben eine enorme Vorbildfunktion – Kinder aktiver Eltern sind selbst aktiv. Kinder von Stubenhockern oder notorischen Autofahrern werden eher träge.

Überbehütet und überfördert

Zudem gibt es mittlerweile immer öfter das Phänomen der Überbehütung und Überförderung. Psychologe Lindner hält deshalb regelmäßig Elternabende ab, um zu klären „Wie viel Förderung braucht mein Kind?“ Er ermuntert Eltern dabei stets zur Gelassenheit und dazu, die Kinder auch mal allein losziehen zu lassen. „Kinder und Jugendliche brauchen elternfreie Zeit und Orte, an denen sie sich ungestört ausprobieren können. Das darf sich natürlich nicht in Verwahrlosung umkehren. Aber zu wenig Freiraum und zu viele Verbote fördern Aggressionen“, sagt der Bonner Psychologe. 

Der Mensch lernt am besten mit allen Sinnen: sehen, riechen, hören, schmecken, anfassen. Und selbst machen. Werden Kinder viel mit dem Auto kutschiert, verwehrt man ihnen nicht nur die Bewegung, sondern auch das sinnliche Erleben. Dadurch verschlechtert sich nicht nur die körperliche Gesundheit der nachfolgenden Generation. Auch psychische Probleme wie Ängste und Niedergeschlagenheit, aggressives Verhalten oder Kontaktschwierigkeiten unter Gleichaltrigen nehmen zu. 

Mehr Bewegung, bessere Konzentration 

„Indem Kinder Dinge buchstäblich in die Hand nehmen, lernen sie durch Ausprobieren, durch Fehler und durch erneute Versuche. So finden sie ihre eigenen Lösungswege, erleben ihre Handlungskompetenz und entwickeln ein gesundes Selbstwertgefühl – die Basis für jedes weitere Wachstum“, sagt Reittherapeutin Astrid Katzberg. Zu ihren Stunden „Psychomotorisches Training mit Pferden“ kommen neben kranken Kindern auch solche, die verhaltensauffällig sind.

Bei einem Mädchen mit Konzentrationsschwierigkeiten fiel der Therapeutin auf, dass das Kind vermied, in die Hocke zu gehen. Dazu fehlte ihm die nötige Körperkoordination. Also ermunterte die Reittherapeutin das Mädchen, die Hufe des Pferdes zum Auskratzen anzuheben, einen Käfer auf der Koppel von Nahem zu beobachten, über Baumstämme zu balancieren oder das Pferd über holprige Wege zu führen. Mit der Zeit verbesserte sich die Beweglichkeit des Mädchens. Wie die Mutter berichtete, hätte sich mit der Zeit auch die Konzentrationsfähigkeit ihres Kindes in der Schule verbessert. 

Jedes Kind hat Talente

Das ist kein Zaubertrick, sondern das Prinzip der Psychomotorik. Bewegen, wahrnehmen, erleben, handeln und dabei soziale Erfahrungen machen – Psychomotorik beschreibt die Zusammenhänge von Emotionen und Bewegung. Gegründet wurde sie in Deutschland Mitte der 1950er Jahre durch Ernst J. Kiphard. Die ganzheitliche Förderung der Persönlichkeit des Kindes steht im Vordergrund. 

Bewegung bedeutet nicht gleich sportliche Leistung: Nicht jedes Kind kann schnell rennen, Ballett tanzen oder Fußball spielen. Auch Singen ist eine komplexe körperliche Bewegungsabfolge. Genauso können auch alltägliche Dinge wie kochen, backen, malen oder matschen die körperliche Reife voranbringen.

Jeder Weg zu Fuß oder mit dem Rad ist eine Förderung der Persönlichkeit. Man sieht Sonne oder Regen, spürt die Wärme oder die Tropfen auf der Haut, friert oder schwitzt. Überall riecht es anders, man kann trödeln oder sich beeilen, auch mal anhalten oder sich die Taschen voll mit Kastanien stopfen.

Jedes Kind bringt Stärken und Talente mit. Stellt man in den Vordergrund, was Kinder können, trauen sie sich selbst mehr zu, haben Erfolgserlebnisse und probieren noch mehr aus. Eltern sind oft verunsichert. Sie haben Angst vor Stürzen, vor Scherben, aufgeschürften Knien, Brüchen, Verkehrsunfällen. Wer die Angst überwindet und den Impuls unterdrückt, zu helfen und den Kleinen vermeintlich schwierige Aufgaben abzunehmen, der merkt schnell: Kinder können eine ganze Menge.

Valeska Zepp

Mehr Matsch

„Lasst die Kinder wieder auf Bäume klettern!“, fordert Philosoph und Biologe Andreas Weber in seinem Buch. Es ist ein Plädoyer für wilde Kinder, die im Freien herumstrolchen und die Umgebung erkunden. Mitreißend beschreibt der Autor, warum Kinder die Natur brauchen wie die Luft zum Atmen. Und er ermuntert ­Eltern, ihre Ängste über Bord zu werfen und ihre Kinder wieder mehr nach draußen zu lassen. Der Autor überzeugt mit Zahlen, wissenschaft­­­lichen Erkenntnissen, Denkanstößen, konkreten Tipps und einer wunderschönen Sprache.

Andreas Weber: Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur. Ullstein Taschenbuch 2012, 256 Seiten, 9,99 Euro 

fairkehr 3/2019