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Titel 4/2012

Allein zur Schule? Na klar!

Schulwege sind Straßen zum Erwachsenwerden. 

Foto: Valeska ZeppSchön, wenn man Freunde und Freundinnen hat, die einen morgens auf dem Weg zur Schule abholen.

Wenn Jan, acht Jahre, morgens seine Schule betritt, dann hat er schon Vögel und Schmetterlinge gesehen, ist über Asphalt, Schotter, Sand und Gras gelaufen, hat ein paar Mal „Guten Morgen“ oder „Hallo“ gesagt und dabei jemandem in die Augen geschaut, wurde angelächelt, hat sich konzentriert beim Überqueren von Straßen. Mit seinen Händen hat er Blätter, Äste, Ampelknöpfe und Mauerwerk berührt und mit seinen Freunden gelacht. Er hat geplant, wie lange er braucht, um sein Schreibheft vor den Ferien noch zu füllen, und ist schon 3000 Schritte gegangen. Jetzt hat er noch fünf Minuten Zeit zum Fangenspielen auf dem Schulhof, bevor der Gong ertönt und seine Lehrerin die Klasse abholt.

Kinder, die zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule kommen, haben viele Vorteile: Sie sind wacher und können sich besser konzentrieren. Da Bewegung Stress abbaut, verhalten sie sich im Unterricht ruhiger, und wenn sie nach der Schule nach Hause gehen, entscheiden sie selbst: rennen oder trödeln. „Zu Fuß zur Schule gehen fördert die Selbständigkeit der Kinder. Sie können sich mit Freunden austauschen, ohne dass die Eltern zuhören, üben Orientierung und bauen eine innere Landkarte auf“, sagt Michaela Mohrhardt, die über viele Jahre die VCD-Kinder- und Jugendkampagnen verantwortlich durchgeführt hat.

7.20 Uhr, Jan sitzt zu Hause auf dem Sessel und schaut aus dem Fenster. Die Schultasche ist gepackt, seine Schuhe sind geschnürt, er hat gefrühstückt, das Pausenbrot eingesteckt und wartet auf seine Freunde. Die holen ihn jeden Morgen ab. Gemeinsam gehen sie dann zur Schule. „Da kommen sie“, ruft der Achtjährige und springt aus dem Sessel. Seine Mutter reicht ihm eine warme Jacke. Jan schaut noch mal aus dem Fenster und sagt: „Die haben alle nur ’nen Fleecepulli an – dann reicht mir das auch!“ Kurze Diskussion, die Fleecejacke gewinnt. Schulranzen schultern, Tür auf, alle reden durcheinander „Guten Morgen“, „Komm jetzt“, „Tschüß, Mama“ – und los geht’s.

Foto: Valeska ZeppDer VCD rät Eltern, den Schulweg mit ihren Kindern zu üben. Empfehlenswert ist es, nicht den kürzesten Weg zu wählen, sondern den sichersten. Den können die Kinder bald allein gehen.

Das erste Mal ist Jan zusammen mit seiner drei Jahre älteren Schwester Anna und ihren Freundinnen zur Schule gegangen. „Ich fand den Schulweg schön, weil man direkt auf den Wald gucken konnte“, erzählt der Junge. Ein bisschen aufgeregt war er auch, gibt er zu. Aber da die Schwester und Freunde dabei waren, verflog das Gefühl schnell.

Angst ist ein schlechter Berater

Immer weniger Kinder legen ihren Schulweg selbständig zurück. „Natürlich ist der Straßenverkehr gefährlich. Aber viele Fertigkeiten, die wir im Straßenverkehr brauchen, basieren auf Erfahrung. Wer nicht übt, ist viel unfallgefährdeter“, sagt Michaela Mohrhardt, die im VCD-Projekt RADschlag in Seminaren und mit Unterrichtseinheiten Pädagoginnen und Pädagogen in ihrem Engagement bei der Fahrradförderung von Kindern und Jugendlichen unterstützt hat.

Denn Angst ist ein schlechter Berater. Wenn die Kinder „alt genug“ sind für den Straßenverkehr, kennen sie zwar die Regeln und die Bedeutung der Schilder. Sich im Straßenverkehr zurechtfinden und Entfernungen abschätzen können sie deshalb nicht automatisch. Wo und wann man am sichersten die Straße überquert, das lässt sich nicht theoretisch lernen.

Jan und seine Freunde, zwei Erstklässler und ein Mädchen aus seiner zweiten Klasse, überqueren insgesamt sechs Straßen auf dem Schulweg. Eine große mit Ampel und fünf ruhige Nebenstraßen. Ganz selbstverständlich halten die Kinder an der Ampel, drücken den Knopf und warten, bis das Ampelmännchen auf Grün springt. An den kleinen Straßen ist kaum Verkehr.

Aus Erfahrung lernen

Auf dem Bürgersteig können nur zwei Kinder nebeneinander gehen – aber die Mädchen ge­hen eh gerade langsamer. Die tuscheln und kichern und haben sich viel zu erzählen. Die beiden Jungs schauen links, rechts, links. Kein Auto in Sicht. Als die Mädchen die Straße überqueren wollen, taucht ganz am Ende der Straße ein Auto auf. Es ist bestimmt noch 200 Meter entfernt und fährt langsam. Eigentlich ist noch jede Menge Zeit, sicher über die Straße zu kommen. Doch die Mädchen entscheiden sich zu warten.

„Das ist ganz typisch für Grundschulkinder“, sagt Anja Hänel, Referentin für Mobilitätserziehung beim VCD. „Kinder bis etwa zu 12 Jahren können Entfernungen und Geschwindigkeit noch nicht so genau abschätzen. Das Gehirn erhält nur sehr wenige verlässliche Informationen, mit denen es die Entscheidung »gehen oder stehen bleiben« treffen kann“, sagt sie. Das lerne man nur aus Erfahrung. Zudem sei das räumliche Sehen erst mit etwa neun Jahren ausgereift. Erst dann könne ein Kind zum Beispiel sehen, ob verschieden große Autos gleich weit entfernt sind.

Der VCD empfiehlt allen Eltern, nicht den kürzesten Weg zur Schule zu wählen, sondern den sichersten, und den Schulweg mit den Kindern zu üben.

Selbstbewusst und stark

Ungefähr 15 bis 20 Minuten ist Jan unterwegs. Er läuft jeden Tag einen guten Kilometer hin und zurück. Der Junge streckt seine Hand aus und lässt sie im Vorbeigehen über die Blätter und Äste einer Hecke streifen. Sein Freund kickt ihm einen Kieselstein zu. Ein paar Meter begleitet der Stein die beiden. 

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Kinder auf dem Schulweg nicht nur ihren Bewegungsapparat trainieren, sondern auch ihre Sinne. Sie entwickeln ein stärkeres räumliches Vorstellungsvermögen und verbessern ihre Wahrnehmung von Geschwindigkeit, Zeit und Entfernung. Dadurch verringert sich letztendlich auch das Unfallrisiko: Denn Kinder, die sich im Straßenverkehr selbst sicher fühlen, handeln auch sicherer und umsichtiger. 

Freie Schulwahl und der Wegfall von Kiez- und Dorfschulen machen es heute schwerer, sich spontan mit Nachbarskindern und Freunden für den Schulweg zu treffen. Eine gute Alternative ist der Laufbus – ein Schulbus auf Füßen. Am Anfang braucht er ein bisschen Organisation. Haltestellen, Treffpunkte, Streckenplan und Begleitung müssen erarbeitet werden. In einer Laufgemeinschaft gehen mehrere Grundschulkinder solange den Weg zur Schule in Begleitung von ein oder zwei Erwachsenen, bis sie sicher genug sind, um als Gruppe allein zu laufen. Die Eltern können sich abwechseln und sparen Zeit. Die Kinder lernen, sich selbständig im Verkehr zu bewegen und haben durch die Gruppe eine größere Aufmerksamkeit.

„Der Laufbus sorgt für weniger Autos und verhindert Verkehrschaos vor den Schulen. Je mehr Kinder zu Fuß zur Schule kommen, desto sicherer ist der Schulweg. Und die Umwelt wird auch entlastet”, sagt VCD-Verkehrseferentin Hänel.

Schulweg ohne Eltern ist ein Stück Freiheit

Jans Schwester Anna kann nach dem Schulwechsel von der Grundschule zum Gymnasium nicht mehr zu Fuß zur Schule gehen – der Weg ist zu weit. In den Ferien hat ihre Mutter mit ihr den Schulweg auf dem Rad geübt und auch an den ersten Tagen wurden Anna und ihre Freundinnen begleitet. „Dann hatten wir’s kapiert“, sagt Anna und grinst. Jetzt entscheidet sie jeden Morgen, ob sie mit dem Rad fährt oder lieber den Bus nimmt. „Wenn schönes Wetter ist und ich nicht so müde bin, fahre ich lieber mit dem Rad. Aber wenn es nass und kalt ist, dann nehme ich lieber den Bus“, sagt Anna.

Das entscheidet sie aber nicht allein, sondern gemeinsam mit zwei Freundinnen. Die eine holt Anna ab. Sie fahren durch den Ort und überqueren die Hauptstraße. Dann geht’s über die Hölle. So nennen die Kinder den Hügel zum nächsten Ort, wo sie das dritte Mädchen einsammeln. Über kleine Straßen und Radwege, vorbei an einer Pferdekoppel und über eine Brücke radeln sie bis zur Schule. Mit dem Rad sind die Freundinnen 20 Minuten unterwegs.

Je öfter, desto sicherer

Als einzige gefährliche Stelle empfindet Anna die unübersichtliche Kreuzung kurz vor der Schule. „Da ist auch eine Tiefgarage, aus der andauernd Autos rauskommen “, sagt die Fünftklässlerin, „Wir müssen manchmal mitten auf der Straße anhalten. Es gibt auch keine Ampel – die Autos fahren einfach drauflos.“ Ihre Freundin ist einmal fast mit einem Auto zusammengestoßen. „Zum Glück ist nichts passiert. Aber erschrocken haben wir uns alle drei“, sagt Anna. 

Foto: Valeska ZeppAuch wenn die Kinder den Weg zur Schule perfekt kennen: Langweilig wird es nie. Es gibt immer etwas zu entdecken.

An sieben von zehn Fahrradunfällen in Deutschland ist ein Auto beteiligt. Die meisten Unfälle entstehen beim Abbiegen, weil die Auto- und Lastwagenfahrer die Radfahrerinnen und Radfahrer zu spät oder gar nicht sehen.

Der VCD empfiehlt Eltern, die Wege zur Schule, zu Freunden, zum Sport- oder Musikunterricht öfter gemeinsam mit den Kindern zu fahren. Dabei sollten sie mit den Kindern auch über mögliche Gefahren sprechen. Gegen die Fahrtrichtung zu fahren, wenn es – wie in manchen Einbahnstraßen – nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist nicht nur verboten, sondern erhöht das Unfallrisiko um den Faktor fünf.

Fürs sichere Radfahren gilt genau wie fürs Zufußgehen: Je mehr und öfter man fährt, desto sicherer ist man unterwegs. 

Am liebsten Skilift zur Schule

Marek ist zwölf und wohnt auf dem Land. Seine Schule liegt zehn Kilometer entfernt auf einem kleinen Berg – zu weit zum Radeln. Der Bus fährt um 7.05 Uhr, die Bushaltestelle ist nicht weit vom Haus entfernt. Auf der Busfahrt sitzen die Kinder meist auf denselben Plätzen. „Meistens unterhalten wir uns, manchmal machen wir auch noch Hausaufgaben“, sagt der Zwölfjährige.

Nach 20 Minuten Fahrtzeit erreichen sie die Endhaltestelle. Von hier aus laufen alle Schüler hinauf zur Schule. Das dauert noch mal zehn Minuten. „Es ist lustig zu sehen, wie sich die ganzen Schüler den Berg raufschlängeln. Wenn ich zusammen mit Freunden gehe und wir dabei quatschen, lenkt das von der Steigung ab“, sagt Marek.

Ganz am Anfang, in der fünften Klasse, fand er seinen Schulweg anstrengend. Er hat sich zwar schnell daran gewöhnt. Aber wenn er etwas ändern könnte, dann hätte er gern eine Art Skilift, der die Kinder zur Schule hochzieht.

Mit jedem Meter ein Gefühl verknüpft

Die meisten Schulwege sind unspektakulär, dauern eine überschaubare Zeit und werden schnell zur Routine. Man kennt jede Straße, jede Ampel, jeden Stein. Langweilig wird es trotzdem nicht. Ein Schulweg ohne Eltern bedeutet schließlich ein Stück Freiheit.

Die Journalistin Katrin Brinkmann lief für eine Jugendzeitschrift noch mal ihren eigenen Schulweg ab und stellte fest, dass mit jedem Meter eine Emotion und ein Erlebnis verknüpft ist. Sie fasst zusammen: „Auch wenn mir das nicht bewusst war: Der Schulweg war meine Straße zum Erwachsensein. Ohne Eltern war ich das erste Mal in meinem Leben auf mich allein gestellt. Aber ich war nie ganz allein. Denn da waren immer Freunde, die auf mich gewartet haben.“

Valeska Zepp

fairkehr 2/2019