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Editorial 4/2012

Neun Liter sind nicht in Ordnung

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Ich schätze die Süddeutsche Zeitung sehr. Eine differenzierte Berichterstattung mit dem Anspruch, tiefer zu schürfen als viele andere tagesaktuelle Medien, überzeugt mich seit Jahren als regelmäßiger Leser. Wer jedoch in die Rubrik „Mobiles Leben“ vordringt, verlässt das zivilisierte Gelände. Selbst gestandene Journalisten tauchen dort ab in die testosterongesteuerte Gedankenwelt des Linksspurfahrers. Motorjournalisten schreiben hier ihre kernig getexteten Liebeshymnen an Mercedes SUVs und Luxuslimousinen. Kaum zu glauben, dass dieselben Menschen, die das intelligente Streiflicht, spitze Kommentare oder die politisch fundierte Seite 3 schreiben, in einer derart ges­trigen Mobilitätswelt zu Hause sein sollen.

Ein aktuelles Beispiel: Jochen Arntz nimmt sich am 13. August den Audi A8 Hybrid vor. Eine „vernünftige Reise­limou­sine“ sei das 80000 Euro teure Auto, „dezent in seinen Ausmaßen“ mit rund 5,15 Meter Länge. Das Einzige, was den Autor stört, ist die angebotene Hybrid-Variante. Die 211 PS des Benzinmotors werden durch einen 54 PS starken Elektromotor unterstützt. Weil die Batterie den Kofferraum verkleinert, bietet Audi ein speziell angepasstes Kofferset an. Warum Audi diese Hybridbeschränkung seiner kleinen Luxuslimousine antut, erschließt sich Autor Arntz überhaupt nicht. Zumal er bei der Testfahrt im Mittel 9,2 Liter Benzin verbrauchte. Das sind satte drei Liter mehr, als Audi als Normverbrauch angibt.

Da ist mit dem Mann der Bleifuß durchgegangen. Auf der Autobahn jenseits der 130 km/h kann man den Elektromotor quasi als Turbo zuschalten. „Audi nennt das Booster“, sagt der Autor. Wer kann da schon seinen rechten Fuß beherrschen? Für eine schwere Limousine findet Arntz die gut neun Liter „in Ordnung“. Nur, dieses Hybrid-Ding ist damit erwiesenermaßen sinnlos. Arntz nennt es „enttäuschend“, weil trotz anhaltender Raserei die Technik den Schwachsinn nicht korrigiert.

Und dann kommen noch die „Eigenheiten der Hybridtechnologie“ dazu. Es sei „ein leichtes Ruckeln zu spüren, wenn die Achtstufenautomatik beim Bremsen runterschaltet“. Und zu allem Elend gibt es das Hybridmodell nicht als Allrad. All das wäre beim Diesel viel besser, so Arntz. Warum also ein Hybrid? Weil ignorante Menschen in der Welt, wie etwa die Chinesen, aus unerfindlichen Gründen keinen Diesel mögen. Deshalb müsse Audi so ein ruckelndes Ding bauen, das auch nur einen passa­-blen Verbrauch hat, wenn man es über deutsche Autobahnen prügelt.

Kein Wort von gesundheitsschäd­­­lichen Abgasen beim Diesel, vom höheren CO2-Wert pro Liter im Vergleich zum Benzin. Arntz startet nicht mal den Versuch, die Sparvorteile der Hybridtechnik zu nutzen. Er will einfach Auto fahren wie ein deutscher Motorjournalist nun mal Auto fährt. Wie gesagt, ich schätze die Süddeutsche Zeitung sehr. Nur, differenzierte, intelligente Berichterstattung mit Anspruch beschränkt sich leider auf die vorderen Rubriken des Blattes.

Wer hiervon auch für das Thema Mobilität mehr will, dem sei fairkehr empfohlen. Und wer wirklich wissen will, was einen Hybrid auszeichnet, der findet viel Erhellendes in der beigehef­­­teten VCD Auto-Umweltliste. Mit sieben Hybrid-Autos unter den Top Ten.

Michael Adler

fairkehr 2/2019