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Kolumne 3/2012

Foto: Michaela Schöllhorn/pixelio.deNichtfliegen wird bald zum Volkssport.

Nichtflieger trifft Fluggesellschaft

Beim Schreiben dieser Zeile weile ich am Frankfurter Flughafen. Nicht etwa, weil ich ein Vielflieger bin, sondern weil mein Zug kurz hält. Da gucke ich natürlich auf die Flugreisenden dieser Welt. Wie sie mit leuchtenden Augen zum Golden Gate eilen, ihre schicken Aluminiumkoffer hinter sich herziehend. Fliegen kann sehr schön sein. Ein duftes Hobby. Gestern Rio, morgen New York, dazwischen Hahn. Stewardessen, Piloten, blank polierte Marmorböden: Wie das immer noch nach ­weiter Welt duftet. Und die ist heutzutage extrem preiswert. Bekanntlich ist die Toilette am Hauptbahnhof oft teurer als der gesamte Flug nach Malle. Das bedeutet: Fliegen für alle ist Realität und eigentlich eine Art sozialistischer Traum. Proletarier aller Länder, checkt ein! Vielleicht hätten Schnäppchenflüge auch der DDR gutgetan. Ich meine jetzt nicht nur nach Kuba, sondern Las Vegas. Bei diesem Anblick hätten manche Ossis sogar einen Rückflug gebucht.

Intensiver Flugverkehr ist also gut. Gut natürlich für die ­europäische Verständigung. Wer zum Shoppen am Wochenende nach London fliegt, lässt das U-Boot zuhause. Um mit Helmut Kohl zu sprechen. Meine geliebte EU könnte ohne bezahlbares Düsen gar nicht funktionieren. Denken wir an die ganzen Krisengipfel in Brüssel und den fliegenden Beamtenapparat, der die Details des Flugverkehrs im Emissionshandel verhandelt. Ebenso unverzichtbar ist das Fliegen für die europäische Liebe. Viele binationale Paare, die Keimzelle der europäischen Vereinigung, haben sich bei Flugstornierungen in der Wartehalle kennengelernt.

Fliegen ist ein Segen. Ich persönlich würde es sicher sehr genießen, wenn ich nicht ein anderes Hobby hätte: Nichtfliegen. Ja, ich weiß, das ist ein bisschen arrogant. Früher Tennis, gestern Golf, heute Nichtfliegen. Nichtfliegen ist bourgeois und elitär. Aber genau das reizt mich daran. „Ich war noch niemals in New York“, sage ich nicht ohne Stolz beim Party-Small-Talk und ernte neidische Blicke. Ich bin nämlich aus Europa noch nicht rausgekommen. Das Nichtfliegen begeistert bei uns die ganze Familie. Meine Kinder sind im jugendlichen Alter die Einzigen in der Schule, die noch nie geflogen sind. „Das ist doch cool!“, muntere ich sie auf. Wenn die Freunde fragen warum, sagen meine Kinder wahrheitsgemäß: „Weil unser Vater ein spießiger, mieser, idiotischer Öko ist!“ Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit.

Natürlich könnten wir auch mal wo­hin fliegen. Ich musste dieses Jahr sogar mit dem Flieger beruflich nach Schottland! Kein Thema. Dreifacher Preis und monatelange Reisedauer mit der Bahn waren für meinen Arbeitgeber keine Alternative. Privat habe ich aber die Reisehosen an. Da haben sich bisher eben eher Urlaube in der näheren ­euro­päischen Umgebung angeboten. Nichtfliegen hat nämlich nix mit Gutmenschenmoral zu tun. Da geht es schlicht um Coolness. Bei uns muss sich niemand für eine Kalifornienreise entschuldigen. Begeistert lausche ich sogar den interessanten Verspätungs- und Flughafenübernachtungsgeschichten. Gut, ich rechne dann kurz nach. Frankfurt–Los Angeles und retour sind schlappe 20000 Kilometer. Vier Liter Verbrauch pro Person auf 100 Kilometer. Macht hin und zurück für unsere Familie 3200 Liter Kerosin. „Ist ja interessant!“, rufe ich den Fernreisenden zu. „Damit können wir unser Haus vier Jahre heizen!“ Solche anregenden Vergleiche lösen immer Heiterkeit aus. Vielflieger und Nichtflieger können nämlich dicke Freunde sein. Dann springt vielleicht sogar der Funke über. Mein Bruder fliegt beispielsweise nur noch jedes zweite Jahr nach Kalifornien, ist also bereits ein halber Nichtflieger. Ich rechne damit, dass in wenigen Jahren Nichtfliegen eine Art Volkssport sein wird. Vielleicht sollte ich heute den ADNFC gründen. Dann würde ich in Berlin auf der Matte stehen, wenn es um unsere Lobbyinteressen geht. Da wären zum einen längst überfällige Steuervorteile: Nichtflieger sollten wie Dienst­­wagen mit einem dicken Privileg belohnt werden. Wegen uns wurde Berlin-Brandenburg nicht zum Finanzdesaster! Auch ein Bonus bei Kranken- und Lebensversicherungen sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Nichtflieger stürzen nämlich selten ab und kriegen weniger Embolien. Gut, sie sind schrecklich arrogant. Aber das verursacht immerhin keinen Fluglärm.

Martin Unfried

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