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Reise 2/2012

Alles Asphalt oder was?

Über die optimale Beschaffenheit von Radfernwegen lässt
sich trefflich streiten. Ein Beitrag zur Klärung.

Foto: Marcus GlogerOb Radfahren über asphaltierte Wege oder auf Waldwegen mehr Spaß macht, ist ­Geschmackssache.

"Homogene Teerdecken“, „glattgebügelte Komfortpisten“, „Zweirad-Autobahnen“, „hochgeschraubte Hardware-Standards“. Mit diesen Etikettierungen schmückte Gerhard Fitzthum seinen Artikel über Radfernwege, der unter dem Titel „Zu viel des Guten“ in der fairkehr 3/2011 erschien.

Darin beklagte der Autor, dass bei der Zertifizierung von touristischen Radwegen der Asphalt als Oberfläche das Nonplusultra sei, um viele Sterne zu bekommen, müsste man „die Asphaltmaschine auffahren lassen“. Er plädierte stattdessen für „bescheidenere Wege“ mit sogenannter „wassergebundener Decke“. Regionen, die die Reize ihrer Landschaft in einem umfassenden Sinne erlebbar machen wollen, sollten sich fragen, ob es nicht gute Gründe gebe, es hier und da bei einer  naturnäheren Ausbauform zu belassen. Der Beitrag hat in der Radfahrszene viel Wirbel verursacht und zahlreiche Leserbriefe provoziert.

Kein grundsätzliches Für und Wider

Doris Neuschäfer, im VCD-Bundesvorstand für den Fahrradverkehr zuständig, spricht sich für eine differenzierte Betrachtung aus: „Mit welchem Belag ein Radweg ausgestattet werden sollte, muss jeweils im Einzelfall entschieden werden. Hier gibt es kein grundsätzliches Für oder Wider zum Asphalt oder zur wassergebundenen Decke.“ Grundsätzlich teilt sie aber die Bewertung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), dass eine Schwarzdecke in der Regel einen besseren Fahrkomfort gewährleiste.

Alles Asphalt oder was? Der ADFC ein Asphaltfetischist? Wolfgang Richter, Tourismusreferent beim ADFC, findet die Alternative zwischen Asphaltdecke oder wassergebundener Decke in die Irre führend: „Nicht das Material ist vorrangig. Wir fordern nur eine glatte, ebene Oberfläche. Es kommt auf deren Zustand an.“ Eine gepflegte wassergebundene Decke könne von der Oberflächenqualität sogar besser sein und bewertet werden als eine Asphaltdecke.

Aber: Laut Handbuch der Zertifizierung für ADFC-Qualitätsradrouten, Kriterium 4.4. Oberfläche, „bilden glatte, allwettertaugliche Oberflächen das Optimum“, also gut angelegte As­phaltdecken oder glatte Betonwege. Sie können mit zwei Punkten den Höchstwert erhalten. Dagegen haben wassergebundene Decken „auch bei bester Ausführung und Pflege den Nachteil, dass sie nicht allwettertauglich sind.“ Sie erhalten demnach maximal 1,5 Punkte.

Alles nur Kleinkrämerei? „Es geht doch um die Gewichtung“, erklärt Wolfgang Richter vom ADFC. Er verweist darauf, dass die Oberfläche bei der Gesamtbewertung einer Route nur 15 Prozent ausmacht. Entscheidend sei das Gesamtpaket, zu dem weitere Kriterien wie Sicher­heit (20 Prozent), Befahrbarkeit, Wegweisung, touristische Infrastruktur (je 15 Prozent) gehörten.

Es ist nicht alles öko, was öko aussieht

Deutschlandweit gibt es etwa 230 Radfernwege, die mehr als 100 Kilometer lang sind. 55 hat der ADFC erfasst und mit einem Testverfahren – aus Sicht der Radtouristen – bewertet. 23 Routen wurden mit dem Sterne-Gütesiegel zertifiziert, zusätzlich sechs in Österreich. Spitzenreiter mit jeweils fünf Sternen sind der Maintalradweg und der Radweg Liebliches Taubertal sowie der Neusiedler-See-Radweg in Österreich.

Bernd Sievers, Referent für Radverkehr im Ministerium für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern, wollte es genau wissen und ließ eine Forschungsstudie „Versiegelungswirkung von Radwegen“ anfertigen. Verschiedene Belagsarten wurden auf verschiedenen Bodenarten untersucht. „Wir kamen zu dem Er­gebnis, dass die wassergebundene ­
De­cke, die immer von den Umweltbehörden und Umweltverbänden gefordert wird, nicht unbedingt ökologisch ist“, resümiert Sievers. Sie sei teilweise sogar schädlicher, weil sie „in hohem Maß verdichtet“ werden muss, während die As­phaltdecke eine gewisse Porösität habe und deswegen „in der Verdichtung, was die Durchnässung betrifft, sogar günstiger“ sei.

Sievers wurmt das plakative Plädoyer der „Umweltseite“ für wassergebundene Decken, ohne dass es dafür einen fachlichen Grund gebe: „Es ist diese Laiensicht: Ich sehe Erde, und Erde ist gut. Asphalt nicht.“ Bei Radwegen, die ja eigentlich ökologisch seien, gibt es laut Sievers eine hohe Quote an Umweltausgleichsabgaben, die die unteren Naturschutzbehörden für die Versiegelung in Rechnung stellen.

Fahren muss leichtfallen

Viele touristische Radfernwege verlaufen entlang von Flüssen – an Elbe, Main, oder Ruhr. Was passiert, wenn Hochwasser die Uferwege überflutet? Bei Asphaltdecken wenig, „da muss die Kehrmaschine drüber, um die Äste wegzufahren, das wars“, sagt Wolfgang Richter vom ADFC. Wassergebundene Decken trifft es härter.

Zum Beispiel beim Sommerhochwasser 2010 an Oder und Neiße. Besonders beschädigt wurde der zehn Kilometer lange Abschnitt zwischen Ostritz und Zittau im Neißetal. „Die Asphaltdecke des Radwegs blieb stehen, wenn auch mit Ausbrüchen, während die sandgeschlämmte Decke weggespült wurde“, sagt Rica Wittig von der Stabsstelle Flut beim Landratsamt Görlitz. Die Radsaison 2010 war hinüber.

Inzwischen ist der Radweg notdürftig instand gesetzt, bald soll er mit Fördermitteln schrittweise qualitativ verbessert werden. Wie? Nach Vorschlag des Planungsbüros mit einer durchgängigen Asphaltdecke. Zur Erhöhung des Fahrkomforts. Und weil auch Bundespolizei, Forstwirtschaft und die Talsperrenverwaltung den Weg nutzen – mit Autos. „Wir brauchen keine Autobahn“, schimpfen die Asphalt-Gegner.

Gerhard Fitzthum monierte am ADFC-Testverfahren auch die fehlende „psychische Dimension des Radreiseerlebnisses“, „das Kriterium des Abwechslungsreichtums“ eines Radwegs. Die Land­schaftsbewertung ist für Wolfgang Richter vom ADFC ein ganz heikles Thema. „Ich möchte keinem Touristiker sagen: Ihr in Niedersachsen könnt euch touristisch nicht vermarkten, weil eure Landschaft und euer Radweg zu monoton sind“. Es gebe Leute, die liebten die Weite von Ostfriesland und führen gerne 30 Kilometer auf einem Deich an der Nordsee.

Doris Neuschäfer vom VCD dreht das Rad zurück auf das Eigentliche: „Wir wollen ja, dass die Leute im Urlaub mehr mit dem Fahrrad als mit dem Auto unterwegs sind.“ Dabei spiele der Komfort – „Das Fahren muss leichtfallen“ – eine wichtige Rolle. Außerdem sollten touristische Radwege möglichst abseits vom Autoverkehr verlaufen. Und schließlich sollte die Landschaft, durch die der Weg führt, als schön empfunden werden. Wobei das schon wieder Geschmacks­sache ist.

Günter Ermlich

fairkehr 3/2021