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Editorial 2/2012

Denken Sie dynamisch

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Vor wenigen Wochen hielt ich in Luxemburg einen Vortrag über die „Mobilität der Zukunft“. Wie immer war ich bemüht, deutlich zu ­machen, dass viele Veränderungen ­notwendig sein werden, um die Wende von der fossilen zur nachhaltigen Bewegung zu schaffen. Natürlich würzte ich den Vortrag mit einer angemessenen Prise Optimismus: Technisch ist alles schon möglich. Politischer Wille gepaart mit einigen Verhaltensänderungen kann eine neue Mobilität schaffen, die gesund ist und Spaß macht.

In der Diskussion meldete sich ein mittel­alter Mann und sagte: „Sie haben einen Fehler in Ihrer Vision. Wenn ich, wie Sie empfehlen, ein kleines Auto kaufe und für den Urlaub ein großes miete, klappt das nicht, weil das dann zu Urlaubszeiten ja alle tun.“

Ich will dem Mann nicht unrecht tun, aber seine individuelle Analyse ist ein Paradebeispiel für statisches Denken. Alles bleibt, wie es derzeit ist, nur eine Variable ändert sich: Alle wollen zur Ferienzeit ein großes Auto mieten. So funktioniert Veränderung nie. Mein Versuch, ihn in eine Welt dynamischer Entwicklung mitzunehmen, scheiterte. Dass Menschen anders Urlaub machen könnten, in der Nähe, mit dem Fahrrad, dass die Bahn als Urlaubsvehikel in den nächs­ten ein, zwei Jahrzehnten eine Renaissance feiern könnte, dass das Autoleihen an sich einen völlig anderen Stellenwert als heute erlangen könnte, ließ er nicht gelten. Ein Punkt geht nicht, Vision tot.

Er steht mit dieser Haltung gewiss nicht allein. „Alternativlos“ war das Unwort des Jahres 2010. Zurecht, wie ich finde, weil es das Denken in Alternativen verbietet. Unsere Kanzlerin benutzt es gern, wenn es um Milliardenpakete für Griechenland geht. Auch die vor etwas mehr als einem Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke galt als „alternativlos“.

Ähnlich statisch verhalten sich derzeit viele Politiker bei der ­Spritpreis­frage. Das ­täg­liche ­Rum­gefahre mit dem teuren Sprit wird als „alternativlos“ dargestellt, und alle fixieren sich auf die eine Zahl: 1,70 Euro pro Liter. Nicht, dass ich den Ölmultis den Reibach gönne, den sie mit kartellartigen Preisabsprachen machen. Aber das gleiche Engagement, das die Politik ­aktuell in eine sehr gestrige Preissenkungswelle investiert, wünschte ich mir beim dynamischen Denken in Alternativen zum ewigen Autofahren zum „Geiz ist geil“-Tarif.

Oder nehmen wir das fairkehr-Titelthema Pedelecs. Diese neue Fahrzeuggattung wird von überzeugten Ökos verdammt, weil das an sich saubere Fahrrad jetzt auch noch mit Technik und Ressourcenverbrauch beschmutzt wird. Und die Regierungsseite verkennt das Potenzial des Pedelecs in der ­Förder­orgie für E-Mobilität gänzlich. Richtige E-Mobilität brauche eben vier Räder.

Auch hier wieder: dynamisches Denken Fehlanzeige! Wer einmal mit elektrischem Rückenwind seinen ­Kinder­anhänger den Hügel hochtransportiert oder nach zehn Kilometern Arbeitsweg ohne verpönte Schwitzflecken seinen Bürojob angetreten hat, der erkennt, was in dieser vergleichweise bescheidenen Technik steckt: nichts weniger als ein weiterer revolutionärer Baustein für eine nachhaltige Mobilität der Zukunft.

Jede Menge Dynamik für positives Denken wünscht Ihnen 

Michael Adler

fairkehr 2/2019