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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Titel 1/2012

Unterwegs für Europa

Die neun Mitarbeiter von Railteam sind der „diplomatische Dienst“ von sieben europäischen Bahngesellschaften.

Foto: iStockphoto.comDas Railteam sitzt in einem kleinen Büro im Amsterdamer Hautpbahnhof. Der Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert wurde gerade neu renoviert.

Ein Auto würde hier nicht reinpassen. Das Büro, von dem aus der europäische Bahnverkehr revolutioniert werden soll, ist deutlich kleiner als ein Parkplatz. Fünf, maximal sechs Quadratmeter misst der Büroraum, den die neun ständigen Railteam-Mitarbeiter ihr Eigen nennen. Hausherrin hier im Ostflügel des Amsterdamer Hauptbahnhofs sind die Niederländischen Bahnen. Sie bieten dem neunköpfigen Team, das sieben europäische Bahngesellschaften vernetzen soll, ein Zuhause.

Neun Menschen, sieben Länder, zahllose Abstimmungsgremien: Die Railteam-Mitarbeiter sind die Vermittler im europäischen Schienenverkehr. „Wir sind nicht die, die die großen Forderungen aufstellen“, sagt Geschäftsführer Stephan Köster, der gemeinsam mit der SNCF-Kollegin Sylvette Natiez die Railteam-Allianz leitet. „Wir sind die, die die europäische Zusammenarbeit für die Partnerbahnen so einfach wie möglich machen,“ Das heißt: zuhören, erklären, Lösungen erarbeiten, vermitteln, verhandeln und in den zahlreichen Gremien unermüdlich die Wünsche internationaler Reisender vertreten.

Offene Atmosphäre

Da kann man sich vorstellen, dass die Railteam-Kollegen mehr auf der Bahn unterwegs sind, als in ihrem Amsterdamer Büro zu sitzen. Heute allerdings herrscht reges Kommen und Gehen in dem kleinen Glaskasten. Die internationale Arbeitsgruppe „Vertrieb und Information“ trifft sich zur Koordinationssitzung. Die Arbeitsgruppenmitglieder kommen unter anderem aus London, Paris oder Frankfurt und sind Mitarbeiter der an Railteam beteiligten Bahngesellschaften.

Marketingleiterin Claudia Stein sitzt am Vierertisch, der den Raum schon fast ausfüllt, und beantwortet E-Mails. Sie organisiert zurzeit eine Roadshow, die von Bahnzentrale zu Bahnzentrale zieht und Railteam intern bei den Mitarbeitern der Partnerbahnen richtig bekannt machen soll. Während sie in ihren Laptop tippt, schneien immer wieder Kollegen herein, die gerade in Amsterdam ­angekommen sind. Sie stellen kurz Kaffeetasse und Laptop ab, checken Mails, te­lefonieren oder wechseln ein paar Worte mit den anderen Kollegen. Danach verschwinden sie in Zweiergespräche oder Arbeitsgruppentreffen. Getagt wird, wo in den benachbarten Büros der Niederländischen Bahnen ein Schreib­tisch oder ein Besprechungsraum frei ist.

Die offene Atmosphäre und das gläserne Ambiente im Amsterdamer Hauptbahnhof sind schöne Symbole für die neue Ära in der Zusammenarbeit der europäischen Bahnen. Nachdem der Dialog jahrelang vor allem von Misstrauen geprägt war, hat sich die Stimmung zwischen DB, SNCF, SNCB, Eurostar, NS Hispeed, ÖBB und SBB entspannt. Aufgabe der Railteam-Mitarbeiter ist es, dass diese neue Bahnfreundschaft auch beim Kunden ankommt – und bei den eigenen Kolleginnen und Kollegen, für die Europa oft noch sehr weit weg ist von ihrem Arbeitsalltag.

Zwei Herzen in der Brust

Die meisten Railteam-Mitarbeiter sind von den an der Allianz beteiligten Bahnen abgesandt. Loyalitätskonflikte sehen sie nicht. Dennoch ist ihre Position nicht immer einfach. „Ich habe manchmal schon zwei Herzen in meiner Brust“, räumt Geschäftsführer Stephan Köster ein, „das deutsche und das europäische.“ Nicht immer ist das, was er als Railteam-Direktor möchte, auch das, was für die Deutsche Bahn die einfachste Lösung wäre. „Unsere Aufgabe bei Railteam ist es, europäische Lösungen zu definieren und unsere jeweiligen nationalen Bahnen damit herauszufordern.“

Ein Führungstreffen mit den vierzehn Vertretern der sieben nationalen Mitgliedsbahnen vergleicht Köster mit einem Gipfeltreffen der europäischen Staatschefs. „Wenn sich Frau Merkel mit Herrn Sarkozy trifft, kommen beide mit nationalen Einzelinteressen. Es kann aber keiner ohne den anderen erfolgreich handeln. Daher müssen tragfähige Kompromisslösungen herausgearbeitet und verhandelt werden. Unsere Rolle ist es, europäische Ziele zu formulieren, dafür Mehrheiten bei unseren nationalen Bahngesellschaften einzuwerben und sie dann in den internationalen Gremien durchzusetzen.“

Das Problem: In der Bahn-Hierarchie stehen die Europa-Lobbyisten nicht weit oben. Über ihre realen Einflussmöglichkeiten machen sie sich keine Illusionen. „Wenn ein Bahnvorstand entscheidet, das Projekt Einheitliche Tarifstrukturen wird gekippt, können wir dagegen nichts machen“, bedauert Köster.

Mehr Wissen für Zugbegleiter

Giancarlo Saccomani ist als Brite mit italienischen Wurzeln, Wohnsitz in London und Arbeitsplatz in Amsterdam ein echter Europäer. Bevor er zu Railteam kam, war er sechs Jahre lang Zugchef bei Eurostar. Einer, den man an seiner Seite haben möchte, wenn der Zug die entscheidenden 20 Minuten Verspätung hat und alle internationalen Anschlüsse in Brüssel weg sind. Saccomani ist ruhig, freundlich und vielsprachig. Es ist ihm ein persönliches Anliegen, eine Bahnreise so hindernisfrei wie möglich zu machen.

„Aus meiner Zeit als Zugchef weiß ich, wie schwer Zugbegleiter es haben, an die entscheidenden Auskünfte für die Reisenden zu kommen“, sagt Saccomani. Der begrenzende Faktor aus seiner Sicht vor allem im internationalen Verkehr: die Koordination der Informationssysteme.

„Real Time Information“ ist das Thema, für das Saccomani als Projektmanager bei Railteam zuständig ist und das er mit viel Herzblut und Verständnis für die Bedürfnisse der Kollegen in den Zügen vorantreibt. „Real Time Information“, das heißt, dass der Zugchef nicht nur weiß, wann der Anschlusszug nach Plan fahren soll, sondern auch, wann er tatsächlich fährt. Ansagen wie: „Beachten Sie auch die Durchsagen am Bahnsteig!“ sollen, wenn es nach Saccomani geht, bald der Vergangenheit angehören.

Klingt einfach, ist es aber nicht, denn immerhin gilt es, die Informationen von sieben Partnerunternehmen zu erfassen, zu synchronisieren und so kundenfreundlich darzustellen, dass Reisende und Zugbegleiter damit problemlos umgehen können. Vom Zugchef zum IT-Spezialisten – kein leichter Weg für den Briten, der bürointern inzwischen als Experte für Apps und Gadgets gilt.

Lobbyarbeit für Europa

Überzeugte Europäer wie Giancarlo Saccomani und seine Railteam-Kollegen – mit einem großen Herzen für die Kunden und intimer Kenntnis des Bahnalltags – sollte es in allen Abteilungen der nationalen Bahnen geben. Dort wird immer noch zu oft vergessen, dass alle kurz- und längerfristigen Entscheidungen auch eine europäische Dimension haben. „Wir wollen mit unserer Roadshow möglichst viele Multiplikatoren in unseren eigenen Unternehmen erreichen“, sagt Marketingleiterin Claudia Stein. So könnte der europäische Gedanke von neun auf 900.000 Bahnmitarbeiter in ganz Europa überspringen.

Regine Gwinner

Einheitliche Qualitätsstandards

Wer per Bahn durch Europa reist, soll sich auch im Ausland auf ein paar Rahmenbedingungen verlassen können. Dazu gehört beispielsweise, dass alle Durchsagen auch in englischer Sprache gemacht werden, mehrsprachige Zugbegleiter an Bord der Züge sind und auch an den Bahnhöfen englischsprachiges Personal zu finden ist.

Wird ein Anschluss verpasst, garantiert Railteam einen Platz im nächsten Zug – auch wenn der eigentlich reservierungspflichtig ist. Allerdings nur, wenn der Zug nicht ausgebucht ist. „Hop on the next train“, heißt das Prinzip, das auch schon mal durch einen Tippfehler zu „Hope on the next train“ wurde.
Besonders angenehm auf einer Auslandsreise sind die Railteam-Lounges für die Vorzugskunden der Bahnpartner. Bahncard-Comfort-Kunden mit internationalem Ticket können dort die Wartezeit überbrücken, kostenlos im Internet surfen, das Getränkebuffet nutzen oder einfach im Warmen sitzen.

Ein weiterer Service: Was über die Railteam-Handy-App schon möglich ist: Alle Zugbegleiter sollen in Echtzeit über die Anschlüsse im In- und Ausland infomieren können.

fairkehr 3/2022

Cover der fairkehr 3/2022 zum Thema Klima: Alarmstufe Rot!