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Service 1/2012

Falträder machen mobil

Moderne Faltfahrräder wiegen meist deutlich unter 20 Kilogramm, dürfen im ICE mitreisen und bieten Fahreigenschaften, die Tourenrädern in nichts nachstehen.

Foto: HerstellerTern P7i: Das faltbare Rundum-sorglos-Paket: Komplett ausgestattet mit Beleuchtung, Schutzblechen, Gepäckträger, Ständer und hosenbeinfreundlichem Kettenschutz ist das Faltrad von Tern ein angesagtes Fortbewegungsmittel für moderne Großstadtmenschen.

Das Fahrrad hat in seiner gewöhnlichen Konstruktion nur einen großen Fehler, welcher darin besteht, dass es eine für den Transport schwerfällige Maschine ist. Bei einem zusammenlegbaren Fahrrade ist so etwas nicht zu befürchten“, stellte der Journalist Anton Daul schon im Jahr 1906 fest.

Ein Faltrad also. So mancher hat da noch die schweren, instabilen Klappräder aus den 70ern im Kopf, die für etwa 100 Mark in Supermärkten und von Versandhäusern verkauft wurden. Unter dem Image dieser Modelle leiden selbst hochwertige Falträder bis heute. 18-Zoll-Laufräder und ein kompakter Rahmen lösen oft genug die Meinung aus: Darauf kann man doch nicht fahren. Kann man sehr wohl, und wie!

Moderne Falträder sind leichter, stabiler und sportlicher als ihre klapprigen Vorfahren und warten dabei mit Fahr-­eigenschaften auf, die mit dem Großrad vergleichbar sind. Nur sind die Falter wendiger und agiler, was besonders im Stadtverkehr von Vorteil ist.

Dort nutzt die immer größer werdende Fangemeinde die Falträder mit viel Spaß, weil sie so flexibel machen. Je nach Situation fährt das Falt­rad mit der Bahn, mit dem Bus Richtung Innenstadt oder mit dem Auto an den Stadtrand. Selbst im Berufsverkehr darf es in den Öffentlichen mit an Bord genommen werden, sogar im ICE. Denn gefaltet und möglichst mit einer Schutzhülle überzogen – aus Rücksicht auf die Mitreisenden und die eigenen Klamotten – gilt es nicht als Fahrrad, sondern als Gepäckstück. Als solches kann so manches Faltrad wie ein Trolley über den Bahnsteig gezogen werden.

Einige Hersteller spendieren ihren Bikes zusätzlich zu den Laufrädern kleine Rollen am Gepäckträger, die aus der unten offenen Schutzhülle herausschauen und ein entspanntes Umsteigen ermöglichen. Wobei allerdings im Regelfall zwischen 12 und 15 Kilogramm in den Waggon und wieder heraus gewuchtet werden müssen. Das entspricht in etwa einem gut gepackten Urlaubskoffer – oder einem ordentlich ausgestatteten, modernen Tourenrad.

Foto: Martin HäußermannBrompton L3: Kinderleichte Technik – in nur 20 Sekunden ist dieses Rad auseinandergeklappt und fahrbereit. Es eignet sich besonders für Zubringerfahrten in der Stadt.

Als Einstandspreis für ein vernünftiges Faltrad sollten min­destens 600 Euro veranschlagt werden, richtig Spaß machts ab 900 Euro. Und wer technisch wie optisch Ambitionen hat, kann auch mehr als 3000 Euro ausgeben: Dann wird der Rückenwind in Form eines unterstützenden Elektromotors gleich mitgeliefert. Nabendynamo, Scheibenbremse oder dicke Rohloff-Getriebenabe – das alles ist nur eine Frage des Geldbeutels.

Familientaugliche Räder

Meine Familie und ich haben uns für den goldenen Mittelweg entschieden und rund 1500 Euro investiert. Wir haben kein Sportgerät gekauft, sondern ein komplett alltagstaugliches Faltrad mit Schutzblechen, Gepäckträger, Beleuchtung und einer Übersetzung, mit der wir auch im hügeligen Umland Stuttgarts keine Strecke scheuen. Zum Einkaufen oder für Radtouren schnallen wir auch mal Taschen auf den Gepäckträger, im Regelfall reicht uns allerdings ein Rucksack. Es gibt sogar Menschen – zu denen wir allerdings nicht gehören –, die ein Faltrad als Reiserad nutzen.

Dafür ist unser Faltrad längst zum Familiengefährt geworden: Der zehnjährige Sohn nutzt es ebenso gern wie sein großer Bruder, der den Papa inzwischen überragt. Und er darf ruhig noch weiter wachsen, vielleicht bis einsfünfundneunzig? Der höhenverstellbare Lenker und das weit ausziehbare Sattelrohr böten zumindest die Möglichkeit.

Zwar lässt sich das Faltrad vielerorts am Ziel – also im Hotel, im Büro oder zuhause – einfach zusammenfalten, in die mitgeführte Hülle packen und im Keller, auf dem Balkon oder in einem Lagerraum sicher deponieren. Doch wer wie unser Sohn in die Schule radelt, hat ein ordentliches Schloss dabei.

Mit der Erfahrung, die wir interfamiliär mit dem Faltrad gesammelt haben, sind wir einige sehr beliebte Modelle Probe gefahren. Allerdings nur solche, die es bei Fahrradhändlern in und um Stuttgart zu kaufen gibt. Die Auswahl ist deshalb nicht repräsentativ.

Flott gefaltet: Brompton L3

Wer sich ein Faltrad kauft, will es schnell aufs kleinste Packmaß bringen und am Zielort fix wieder fahrbereit machen. Dies ist bei allen Testkandidaten im wahrsten Sinn des Wortes ein Kinderspiel: Unser kleiner Sohn erledigt den Falt- und Entfaltvorgang nach einmaliger Demonstration ohne Probleme – und ohne Bedienungsanleitung. Am einfachsten ist das beim Brompton L3, das in rund 20 Sekunden vom einen in den anderen Zustand gebracht werden kann. Eine maßgebliche Rolle spielt dabei die Hinterbau-Federung, die Teil des Faltkonzeptes ist. Der eingefaltete Hinterbau mit integrierten Rollen dient auch als Parkständer. Werden zusätzlich die Sattelstütze eingeschoben sowie das vordere Rahmendrittel, der Lenker und das linke Pedal eingeklappt, erreicht das Brompton ein Packmaß von 59 x 57 x 29 Zentimeter. Das ist der Bestwert unter unseren Kandidaten.

Foto: Martin HäußermannDahon Mµ P7: Praktisch ohne Schwächen: Konventionell verarbeitet, fahrstabil und komfortabel ist das Faltrad vom Weltmarktführer Dahon für fast alle Lebenslagen geeignet.

Dieses günstige Packmaß lässt sich nur mit kleinen Laufrädern realisieren. Die 16-Zoll-Räder machen das Fahrrad sehr kompakt und wendig. Der Nachteil: Schnelle Bergabfahrten sollte man sich mit dem Brompton verkneifen. Da kommt das Rad bei der Fahrstabilität an seine Grenzen.

Für den Sport ist es auch nicht gebaut, eher für den Stadtbummel. Davon zeugen die aufrechte Sitzposition und die Ausstattung mit einer Drei-Gang-Nabenschaltung. Die kann für rund 100 Euro Aufpreis zum Sechs-Gang-Getriebe aufgerüstet werden. Auch die Beleuchtung ist im Grundpreis von 839 Euro nicht enthalten. Für etwa 80 Euro gibts den von einem Nabendynamo befeuerten Scheinwerfer sowie ein Batterie­rücklicht extra dazu.

Weltmarktführer: Dahon Mµ P7

Marktführer im Segment Falträder ist das kalifornische Unternehmen Dahon, das seit mehr als 20 Jahren Falträder in Taiwan, Macao und China produziert. Bisher wurden nach Werksangaben mehr als 3,5 Millionen Räder gebaut. Für unseren Test haben wir das Dahon Mµ P7 gewählt. Das Rad für knapp 900 Euro zeigte praktisch keine Schwächen im Test. Der konventionelle Faltmechanismus mit einem Scharnier nahe der Rahmenmitte ist gut konstruiert und perfekt verarbeitet. Eine Sicherung blockiert beim Fahren den Verriegelungshebel und garantiert so, dass sich das Faltscharnier nicht unbeabsichtigt öffnen lässt. Die stramme Verriegelung und der formschlüssige Sitz der beiden Scharnierhälften sorgen für eine gute Steifigkeit des Alu-Rahmens und mithin für sehr gute Fahrstabilität.

Auf einer 40 Kilometer langen Radtour – nicht nur auf Asphalt – erweist sich das Dahon als ausgewogenes Fahrrad. Die Kombination aus gefederter Sattelstütze und „Biologic“-Sattel macht das Sitzen komfortabel,  und die Acht-Gang-Nabenschaltung von Shimano liefert die passende Übersetzung in fast allen Lebenslagen. Verarbeitung und Ausstattung des Dahon bewegen sich auf hohem Niveau. Einzige Ausnahme: der Halogen-Scheinwerfer, der im Wortsinne keine besondere Leuchte ist.

Verwandtschaft: Tern P7i

Das Testrad Tern P7i sieht aus wie ein Dahon, fährt sich wie ein Dahon, ist aber kein Dahon. Tern heißt die neue Marke auf dem Faltradmarkt. Die Verwandtschaft der beiden Marken ist der Verwandtschaft der Firmenchefs geschuldet. Joshua Hon, der Tern im Sommer 2011 vorstellte, ist der Sohn von David Hon, Gründer und Namensgeber von Dahon. Die zwei haben sich im Unfrieden getrennt und gehen nun eigene Wege. Nach der ersten Probefahrt mit dem Tern trauen wir dem Newcomer zu, sich neben den Platzhirschen zu behaupten.

Das Modell P7i für ab 899 Euro ist ausgestattet mit Beleuchtung, Schutzblechen, Gepäckträger und Ständer – und einen Hauch pfiffiger als das Dahon. Das bezieht sich nicht in erster Linie auf die hosenbeinfreundliche Kettenummantelung, sondern vor allem auf Details wie den sehr funktionellen, einfach verstellbaren Vorbau oder die in die „Biologic“-Bremsgriffe integrierte Klingel. Das Tern P7i ist ein faltbares Rundum-sorglos-Paket – und trotz seiner grauen Lackierung alles andere als eine graue Maus.

Foto: HerstellerRiese und Müller Birdy: Ein Alleskönner unter den Falträdern: Mit 24 Gängen, Ballonreifen, hydraulischen Felgenbremsen und guter Federung ist das Birdy fast schon ein vollwertiges Fahrrad.

Deutsches Kultbike: Birdy von Riese und Müller

„Mit einem Birdy kann man eigentlich alles machen, was man mit einem anderen Fahrrad auch machen kann“, sagt Heiko Müller, der zusammen mit seinem Freund Markus Riese 1993 das Faltrad namens Birdy auf die Räder stellte. „Gefedert Rad fahren“ heißt der Grundsatz ihrer Fahrradschmiede. Beim Birdy sieht das so aus: Vorn und hinten sorgen Elastomer-gefederte Schwingen für Fahrkomfort. Konstruktiver Kniff: Die Schwingenlager übernehmen gleichzeitig die Funktion des Faltgelenks, sodass auf Gelenke im Rahmen verzichtet werden kann. So macht sich das Birdy im Bus, im Auto und auch im ICE sehr klein. Allerdings fordert der Faltvorgang auf 79 x 61 x 35 Zentimeter etwas mehr Übung als beispielsweise beim Brompton.

Diese Vielseitigkeit hat ihren Preis: Der Einstieg beginnt bei rund 1500 Euro. Dank üppiger Ausstattung summiert sich der Kaufpreis unseres Testrades auf rund 2000 Euro. Basismodell ist ein Birdy touring, ausgestattet mit einer Kombination aus Drei-Gang-Nabenschaltung und Achtfach-Kettenschaltung, also mit 24 Gängen. Mit dieser Möglichkeit an Übersetzungen ist auf unseren Testfahrten kaum ein Berg zu steil. Und auch vor der Bergabfahrt muss den Radlerinnen und Radlern nicht bange werden – bietet das gefederte Fahrwerk in Verbindung mit den breiten „Big Apple“-Reifen von Schwalbe doch Fahrstabilität wie ein gutes Rennrad. Vor Kurven bremsen die hydraulisch betätigten Magura-Felgenbremsen souverän ab. Die Stopper kosten zwar fast 200 Euro zusätzlich, sind aber nach Erfahrung des Testers ihr Geld wert.

Einen deutlich günstigeren Einstieg in die Produktwelt von Riese und Müller bietet das World Birdy – eine Neuauflage des Urmodells mit runden Rahmenrohren. Da die Entwicklungskosten eingespielt sind und die kostentreibende Individualisierung ab Werk nicht möglich ist, steht das Rad mit 999 Euro in der Preisliste.

Martin Häußermann

Kauftipps

Der Fachhändler ist beim Fahrradkauf die beste Adresse. Dort gibt es auch Räder, die hier nicht vorgestellt werden, beispielsweise faltbare Liegeräder oder E-Bikes zum Zusammenklappen oder gar zerlegbare Tandems. Informieren Sie sich und machen Sie auf jeden Fall eine Probefahrt!

Die Hersteller:
www.bernds.de · www.brompton.de
www.dahon.com · www.flyer.ch
www.hpvelotechnik.com · www.pacy.net
www.r-m.de · www.ternbicycles.com

fairkehr 3/2019