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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Politik 1/2012

Das Experiment muss gelingen

Die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ist so hoch wie nie und die CO2-Emissionen steigen weiter. Die Welt schaut unter anderem auf Deutschland und seine Energiewende.

Foto: iStockphoto.comDas Eis schmilzt: Wenn der CO2-Ausstoß weiter wie bisher steigt, wird es bis 2100 auf der Erde mindestens sechs Grad wärmer.

Ein „Weiter wie bisher“ darf es nicht geben. Wenn die sieben Milliarden Menschen auf der Welt, Tendenz steigend, ihren CO2-Ausstoß ungebremst steigern, wird es Ende des Jahrhunderts um bis zu 6,5 Grad wärmer sein.

Bislang ist keine Trendwende erkennbar. Vielmehr wurden nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur IEA 2010 mit mehr als 30 Milliarden Tonnen CO2 so viele Klimagase in die Atmosphäre entlassen wie nie zuvor. Und das allein durch die Verbrennung von Öl, Erdgas und Kohle, Emissionen aus der Landwirtschaft sind dabei nicht  einmal berücksichtigt. Im Vergleich zu 1990 ist das ein Anstieg um fast 50 Prozent. In der Atmosphäre schwirren mittlerweile knapp 390 Teilchen CO2 pro einer Million sonstiger Luftmoleküle (parts per million, ppm). Damit die weltweite Durchschnittstemperatur um nicht mehr als zwei Grad ansteigt – ein Wert, den Wissenschaftler als gerade noch vertretbar einstufen – dürfte die Konzentration nicht höher liegen als 350 ppm.

Es wäre also Zeit zur Umkehr beziehungsweise Abkehr von einer energieintensiven Lebensweise. Auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 erkannten die Teilnehmerstaaten den Klimawandel als „ernstes Problem“ an. Im Kyoto-Protokoll verpflichteten sich die Industrieländer – bis auf die USA – fünf Jahre später, ihren CO2-Ausstoß zu verringern. Auf der jüngs­ten Weltklimakonferenz im vergangenen Dezember im südafrikanischen Durban einigten sich die mehr als 190 Teilnehmerstaaten erstmals darauf , dass es ein Abkommen geben solle, das auch Schwellenländer wie Indien oder China verpflichtet, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren.

China holt auf

Zwar liegen die Pro-Kopf-Emis­sionen dieser Länder weiterhin unter denen der Industrienationen. Doch China holt mäch­tig auf und führt seit 2007 die Rangliste der Länder mit dem höchsten CO2-Gesamtausstoß an. „Indien und China sind zusammen für mehr als 80 Prozent des CO2-Wachstums der vergangenen zwei Jahre verantwortlich“, sagt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Entwicklungsorganisation Germanwatch.

2015 wollen die Konferenzstaaten das globale Abkommen vereinbaren, das ab 2020 in Kraft treten könnte. Schon in den kommenden Jahren sollten sich die Länder allerdings ehrgeizigere Einsparziele als bislang stecken, fordert Christoph Bals. Im Rahmen der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 hatten sich viele Staaten in Selbstverpflichtungen bereit erklärt, weniger Treibhausgase zu produzieren. In Cancún wurden die Ziele in einem formalen Beschluss akzeptiert. Doch sie reichen nicht. „Die Selbstverpflichtungen würden zu 3,5 Grad Temperaturanstieg führen, wenn sie denn eingehalten würden“, stellt Bals fest.  
Er appelliert an die Europäische Union, mit gutem Beispiel voranzugehen. Bislang liegt das Einsparziel der EU bis zum Jahr 2020 bei 20 Prozent – was sie auf 30 Prozent erhöhen will, wenn andere Staaten ihre Anstrengungen ebenfalls steigern. Bals findet, die 30 Prozent Einsparung müsse die EU auf jeden Fall anstreben.

CO2-freie Kraftwerke ab 2017

Denn die Zeit drängt: Um die Zwei-Grad-Grenze nicht zu überschreiten, müssten die weltweiten Treibhausgas-Emissionen bis 2050 im Vergleich zu 2005 um 80 bis 95 Prozent reduziert werden. Die Internationale Energieagentur warnte im Vorfeld der Weltklimakonferenz in Durban, dass ab 2017 nur noch Null-Emissions-Kraftwerke ans Netz gehen dürften, damit die globale Durchschnittstemperatur um nicht mehr als zwei Grad ansteigt. Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP lässt sich das Zwei-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent einhalten, wenn der CO2-Ausstoß zwischen 2015 und 2021 zu sinken beginnt.

Am Vulkan Mauna Loa auf Hawaii wird seit 1958 die CO2-Konzentration in der Atmosphäre gemessen. Sie steigt kontinuierlich und immer stärker an. Die Konzentration schwankt jahreszeitlich. Auf der Nordhalbkugel mit ihrer größeren Landfläche wachsen mehr Pflanzen als auf der Südhalbkugel. Während des nördlichen Frühlings wird daher mehr CO2 gebunden als während des nördlichen Herbstes, wenn südlich des Äquators das stärkste Wachstum auftritt.

Christoph Bals hält die Signalwirkung, die von einem 30-Prozent-Ein­spar­ziel der EU ausginge, für sehr wichtig im weltweiten Klimaschutzprozess. „Die Verhandlungen in Durban wurden am Ende von einer Allianz der EU mit den Staaten gerettet, die der Klimawandel am meisten bedroht“, sagt er. „Dieses Ad-hoc-Bündnis kann weiter Bewegung in die Verhandlungen bringen. Voraussetzung ist, dass die EU spätestens im Dezember 2012 bei den Vereinten Nationen ein Reduktionsziel einreicht, das mit dem Zwei-Grad-Limit vereinbar ist.“

Schon das Erreichen des Oberziels zwei Grad bringe unserem Planeten massivste Veränderungen, betont auch der VCD-Bundesvorsitzende Michael Ziesak. „Das bedeutet insbesondere für die Industriestaaten Anstrengungen, die weit darüber hinausgehen, was bisher angedacht wurde.“

Bals nennt zwei weitere Faktoren als Voraussetzung dafür, dass der globale Klimaschutzprozess mehr Fahrt aufnimmt: Die Welt schaue auf zwei Experimentierfelder – die Energiewende in Deutschland und die sogenannten Low Carbon Development Zones in China. In seinem aktuellen Fünf-Jahres-Plan hat das Land Regionen zu „Niedrig-Emissions-Zonen“ bestimmt. Dort leben mehr als 300 Millionen Menschen. In den Zonen sollen unter anderem energieeffiziente Häuser gebaut, ökologische Produkte auf energiesparende Weise produziert und umweltfreundlicher Transport flächendeckend eingeführt werden.

„Gelingen die Modellprojekte in Deutschland und in China, werden sich auch andere Länder auf den Weg machen“, sagt Bals. Sie zeigen: Mehr Wohlstand muss nicht mit mehr Treibhausgasen einhergehen. Für Schwellenländer ist das ein Signal, auf ihrem Entwicklungsweg nicht die gleichen Umweltsünden zu begehen wie die alten Industrieländer, sondern vielmehr Schritte zu überspringen. „Leap-frogging“ heißt dieser Ansatz treffenderweise – Bockspringen. Eben kein „Weiter wie bisher“ , sondern ein „Wir sind da schon weiter“.

Kirsten Lange

Die größten CO2-Sünder

2007 hat China die USA als Nation mit den meisten Treibhausgasemissionen abgelöst. 2010 produzierten die Chinesen beim Verbrennen fossiler Energien mehr als 8,3 Milliarden Tonnen CO2. Beim jährlichen Pro-Kopf-Ausstoß liegt der 1,3-Milliarden-Einwohner-Staat allerdings mit sechs Tonnen knapp über dem weltweiten Durchschnitt von etwa 4,5 Tonnen – anders als die USA oder Deutschland, Platz 2 und Platz 6 beim absoluten CO2-Ausstoß. Ein US-Amerikaner belastet die Atmosphäre mit etwa 20, ein Deutscher mit zehn Tonnen Treibhausgasen im Jahr.

Hinzu kommt, dass China viel für den ­Export produziert. Außerdem werden energieintensive Industrien wie die Stahlerzeugung nach Fernost verlagert. Die Industrienationen tragen also mit ihrem Wunsch nach Niedriglohn-Arbeitskräften und billigen Waren zu Chinas CO2-Emissionen bei.

fairkehr 3/2022

Cover der fairkehr 3/2022 zum Thema Klima: Alarmstufe Rot!