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Editorial 1/2012

Der europäische Bahnsinn

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Stellen Sie sich vor, Sie müssten in Ihrem Auto drei bis vier Motoren vorhalten, weil in Belgien, Frankreich und Spanien jeweils ein anderer Sprit verkauft wird als in Deutschland.

Oder Flugzeuge müssten immer in Grenznähe, sagen wir zu Belgien, landen, weil dort komplett andere Flugsicherungssysteme gelten als in Deutschland. Sie müssten natürlich das Flugzeug wechseln, weil die Sicherungs-
software immer nur für ein Land eingebaut ist. Das Flugpersonal würde ebenfalls wechseln, weil es lediglich in der nationalen Technik ausgebildet ist. Eine völlig abwegige Vorstellung, nicht wahr? Wir leben doch in Europa!

Beim internationalen Bahnverkehr hat der Wahnsinn Methode. 2010 verkündete die DB AG, dass demnächst deutsche ICE nach London durchfahren werden. „Ja und?“, fragten sich die geneigten Bahnkunden. „Was ist das Besondere daran?“ Dass der Zug für das deutsche, belgische, französische und britische Netz sowie die Kanaltunneldurchfahrt je ein eigenes Zugsicherungssystem an Bord haben muss. Eine Aufgabe, vor der der Weltkonzern Siemens vorerst kapituliert und die Lösung auf unbestimmte Zeit verschoben hat.

Vorstöße der Europäischen Union zur Harmonisierung des Zugverkehrs werden bisher erfolgreich von den nationalen Bahngesellschaften verzögert. Auch die nationalen Verkehrspolitiker setzen auf Abschottung der Bahnmärkte statt auf Kooperation. Europapolitiker von konservativ bis grün sind sich daher einig: Der Bahnverkehr ist ein letzter Hort nationaler Egoismen, der sich ­vehement der Harmonisierung verschließt.

Aus Kundensicht ist dieses Einmauern im nationalen Netz ärgerlich und kaum verständlich. Was ist schließlich im Bewusstsein der Menschen positiver besetzt als Urlaub? Die Sehnsucht nach der Ferne mit einem Produkt zu verbinden, kann für dessen Image doch nur ein Segen sein.

Auf unserer Titelseite finden Sie eine Ikone dieser Sehnsucht, den im Art-Deco-Design stilisierten TEE-Rheingold-­Express, der ab 1928 von Amsterdam durch das Rheintal in die Schweiz fuhr. Ich erinnere mich, dass in meiner Kindheit immer noch ein Raunen durch die Menge ging, wenn wir diesen Zug sahen: „Schau mal da, der Rheingold!“ Ein Wort, das alles verhieß – Luxus, Technik und ferne Länder.

Heute ist europäischer Bahnverkehr offenbar zuerst ein Bürokratie-Moloch und dann ein Tarifdschungel. Die wenigen Kämpfer für den internationalen Bahnverkehr bei der Railteam-Allianz und den binationalen Bahnkooperationen verdienen Respekt dafür, dass sie gegen alle Widerstände das scheinbar Unmögliche weiter möglich machen.

Dass dies immer noch eine ganze Menge ist und dass es dabei auch immer um die Verteidigung der Reisekultur gegen die „Mittelmeer-zum-Taxipreis“-Verramschung durch die Billigflieger geht, zeigt das neue VCD-Portal ViaDeutschland. Hier finden Sie nicht die schnellste Verbindung von A nach B, sondern das schönste Reiseerlebnis, die langsame Annäherung an das Ziel, kurz: Reisen mit der Bahn durch Europa.  

Michael Adler

fairkehr 3/2019