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Kolumne 6/2011

Besser doch keinen Neuwagen 2012

Foto: iStockphoto.comFür 10.000 Euro gibt es bereits einen schönen gebrauchten Konzertflügel. Wer will, gibt sein Geld trotzdem für Autos aus.

Freundliches Zureden mit einer Prise Steuervorteil lohnt sich also doch. Ich habe letzte Woche meinen Nachbarn in Maastricht nochmals gefragt, wo denn sein Benzinschlucker abgelieben sei. Freudig hat er mir erklärt, dass das Riesenschiff bereits beim Autohändler stehe und er bald sein neues geliefert bekomme. Und dann nannte er stolz eine Zahl, die noch vor Jahren niemandem was gesagt hätte. Er sagte freudig erregt: „90 Gramm CO2 pro Kilometer.“

Ja, er sagte 90. Und fügte cool hinzu, das seien so 3,5 Liter Diesel, und da passten, wenn’s mal klemmt, sogar drei Kinder mit rein. „Wow“, sagte ich „jij bent geweldig, Peter!“ Das heißt großartig und trifft wirklich zu. Er hat nämlich seinen Verbrauch auf einen Schlag um mehr als die Hälfte gesenkt. Und anders als in Deutschland wird er in den Niederlanden sogar dafür belohnt! Der Staat verzichtet nämlich auf die normalerweise fällige Autokaufsteuer. Das zündet bei den leicht schwäbisch rechnenden Niederländern, weshalb immer mehr sparsame Kisten im Straßenbild auftauchen. Bei mir im Viertel stehen sogar einige Priusse rum. Wahrscheinlich Dienstwagen, die prima von der Steuer abgeschrieben werden könnnen.

Natürlich glaube ich, mein Nachbar hat auch ein bisschen wegen meiner ewigen Nerverei seinen Verbrauch gesenkt. „Wenn schon Auto, dann nur ein cooles“, hatte ich geflötet. Und schwups erfüllt dieser Held sogar meine offizielle ­„Neuwagenempfehlung für Nachbarn und enge Verwandte“ (NeNV), die ich in diesem Jahr knallhart kommunziere: „Kein Auto über 90 Gramm“.

Vielleicht erinnert sich jemand an die von mir entwickelte Methode. Jedes Jahr senke ich diesen anspruchsvollen Klimaschutzwert um zehn Prozent. Das heißt, im Jahr 2012 wird meine Neuwagenempfehlung bei 81 Gramm pro Kilomter ­liegen. Da stöhnen meine Verwandten und die Gutinformierten unter ihnen sowieso.

81 Gramm? Im Moment gibt es doch gar keinen Neuwagen mit 81 Gramm CO2 pro Kilometer? Eben. Das macht die Sache so charmant. Das heißt, es wird richtig spannend, ob ein halbwegs anspruchvoller Freund des Klimaschutzes 2012 überhaupt einen Neuwagen kaufen kann. Die Betonung liegt auf anspruchsvoll und Freund des Klimaschutzes. Was irgendwelche Kofferraumfetischisten, PS-Weicheier und Treibhausgasignoranten kaufen, ist mir egal. Die gute Nachricht für mein Umfeld: bei Gebrauchten gebe ich zehn Prozent Rabatt, womit wir also wieder bei 90 Gramm CO2 wären. Ich bin ja kein fundamentalistischer Ökodiktator. Für 10.000 Euro gibt es übrigens schon einen schönen gebrauchten Konzertflügel.

Vor mir aus kann im nächsten Jahr auch, wer will, sein Geld für die noch sehr teuren Elektroschlitten aus dem Fenster werfen. Nicht dass das Geld nicht besser in einer Photovoltaikanlage angelegt wäre. Gestern habe ich übrigens auf einer Messe ein Gasbrennwertgerät mit Stirlingmotor gesehen, mit dem man sein Haus heizt und nebenbei Eigenstrom produziert. Kostet nur 8000 Euro und braucht keine Winterreifen. Okay, damit kann man nicht in Urlaub fahren.

Wer also im Jahr 2012 unbedingt Brummbrumm finanzieren möchte, sollte wenigstens die deutschen Hersteller ärgern und die Franzosen für ihre Elektro-Neulinge belohnen oder die Japaner und die Amerikaner. Ich rechne hier mal den elektrischen Opel Ampera zu General Motors. Aber für 40.000 Euro? Dann lieber ein Jahrzehnt mit der Bahncard 100 in der ersten Klasse den großen Max markieren. Und natürlich mit dem Taxi zum Bioladen.

Martin Unfried

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