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Politik 5/2011

Menschen im Mittelpunkt

Die neue VCD-Geschäftsführerin Claudia Maiwald möchte den VCD zum Weichensteller für neue Mobilitätskonzepte in Deutschland machen – und viele Menschen dafür begeistern.

Foto: VCD/Rainer Kurzeder

fairkehr: Sie haben Industriedesign studiert. Welche neue Verpackung wollen Sie dem VCD geben?
Claudia Maiwald: Design ist mehr als nur die Gestaltung eines äußeren Erscheinungsbildes. Bevor ich etwas neu gestalten kann, muss ich zuerst die Problemstellung verstehen, eine Lösung finden und diese verständlich kommunizieren. In diesem Sinne habe ich begonnen, die Herausforderungen des VCD zu analysieren. Auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse werden wir in der Bundesgeschäftsstelle Lösungen entwickeln und zügig umsetzen. Hierbei spielen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Um beispielsweise die vielen Aspekte der VCD-Arbeit einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, benötigen wir ein neues Kommunikationskonzept. Unsere Ideen und Projekte für eine lebensfreundlichere und umweltgerechtere Mobilität sind noch viel zu wenigen Menschen bekannt.

Welche Projekte sind das?
Als Nächstes ist das ganz klar der VCD-Bahntest. Bislang findet der nur in Expertenkreisen Beachtung. Die Menschen, die von den Erkenntnissen und Verbesserungsvorschlägen profitieren, wissen kaum, dass es den Bahntest gibt. Das möchte ich ändern. Ein weiteres Thema wird die neue Effizienz-Kennzeichnung, das sogenannte CO2-Label für Pkw, sein. Mit dem von der Bundesregierung fixierten System werden die Verbraucherinnen und Verbraucher in die Irre geführt. Wir werden erläutern, warum wir mit diesem Label unzufrieden sind und warum die VCD Auto-Umweltliste die verlässlichere Informationsquelle ist. Im nächsten Jahr möchte ich das Thema Radverkehr in den Vordergrund rücken.

Was sehen Sie langfristig als wichtige Themen an, mit denen der VCD in der Öffentlichkeit präsent sein kann?
Das Einzigartige am VCD ist, dass wir uns mit allen Verkehrsträgern beschäftigen, Stichwort Intermodalität. Wir zeigen den Menschen auf, wie intelligent vernetzte Mobilität funktioniert. Menschen wollen sich bewegen, ihren Lebensraum entdecken. Mit dem VCD möchte ich verdeutlichen, wie wir diesen Wunsch nach Mobilität umweltverträglich ausleben können. Wir zeigen, wie CO2-Reduktion im Verkehrsbereich gelingen kann, und leisten somit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.

Welche Kriterien machen für Sie den Erfolg des VCD aus neben dem Bekanntheitsgrad?
Der VCD ist für mich dann erfolgreich, wenn Kampagnenthemen zu gesellschaftlichen Veränderungen führen. Wenn beispielsweise als Folge einer Dieselrußkampagne der Gesetzgeber eine Fil­terpflicht einführt. Aber auch wenn das Umweltbundesamt oder eine umweltpolitische Stiftung die Entscheidung trifft, eines unserer Projekte zu fördern. Das ist ein Indiz für mich, dass unsere Arbeit gesellschaftliche Bedeutung hat. Die Mitgliederzahlen sind ein weiteres Barometer, an dem ich erkennen kann, wo der VCD steht. Wenn viele Menschen begreifen: Der VCD ist eine wichtige Organisation, er setzt sich für relevante politische Themen ein, und darum ist es von Bedeutung, ihn zu unterstützen, dann haben wir gute Arbeit geleistet.

Sie waren viele Jahre im Aufsichtsrat von Greenpeace. Der Verein ist in Sachen medienwirksame Kampagnen und Unterstützung aus der Öffentlichkeit ein erfolgreiches Beispiel. Was nehmen Sie an Erfahrungen für den VCD mit?
Freche Ideen, gepaart mit dem Mut, sie auch umzusetzen. Die Mischung aus Professionalität, Glaubwürdigkeit und Durchsetzungskraft wünsche ich mir auch für den VCD. Während der vielen Gespräche, die ich in den ersten Wochen geführt habe, ist mir deutlich geworden, wie hoch motiviert und qualifiziert die Angestellten in der Geschäftsstelle sind. Ich bin überzeugt, dass ich mit diesem Team die Ziele erreichen kann.

Mobilitätsthemen sind der Öffentlichkeit oft eher schwieriger zu vermitteln, oder?
Das Thema erscheint vielleicht auf den ersten Blick etwas sperrig. Da aber unser Leben von Bewegung geprägt ist, wir fast jeden Tag in irgendeiner Form unterwegs sind, ist es auch für jeden von Interesse. Wir alle wollen uns in angenehmer Form und sicher durch die Welt bewegen. Wenn zum Beispiel jugendliche Radfahrer von Autos angefahren werden und noch am Unfallort sterben, verstehen die Menschen, warum sich der VCD für mehr Sicherheit im Straßenverkehr einsetzt. Und wenn wieder erschütternde Bilder von Menschen, die unter den Folgen eines Hurrikans zu leiden haben, auf unseren Bildschirmen erscheinen, wird deutlich, warum es wichtig ist, dass wir den CO2-Ausstoß auch im Verkehrsbereich senken müssen.

Die originären VCD-Themen sind aktueller denn je: Fahrradboom, Widerstand gegen unsinnige Bauprojekte wie Stuttgart 21, Spritsparen. Wie kann der VCD davon profitieren?
Indem wir genau diese Stimmung aufnehmen, uns mit den Themen auseinandersetzen und sie in die Öffentlichkeit transportieren. Beispielsweise haben wir in Berlin einen sehr starken Anstieg des Radverkehrs. Diese Situation können wir nutzen und uns gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern für eine stärkere Förderung des Radverkehrs einsetzen. Wir können unsere Vorstellungen von einer staufreien, fahrradfreundlichen Stadt kommunizieren, in der die verschie­denen Verkehrsmittel effizient kombiniert werden.

Sie engagieren sich auch aus ganz persönlichen Gründen für nachhaltige Mobilität.
Der Schutz unserer Lebensgrundlagen ist mir tatsächlich ein persönliches Anliegen und Motivation für mein Engagement. Als Geschäftsführerin des VCD kann ich ökologische Mobilitätspolitik vorantreiben. Ich kann zeigen, wie Mobilität auf lokaler Ebene aussehen muss, damit sich die Lebenssituation der Menschen vor Ort verbessert und wir gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Insofern ist diese Aufgabe eine große Chance, über die ich mich freue und die ich nutzen werde.

Bei Greenpeace haben Sie die Rolle als Ehrenamtliche, nun sind Sie hauptamtliche Geschäftsführerin. Wie lassen sich Ehrenamt und Hauptamt in einem Umweltverein mit dem besten Ergebnis zusammenbringen?
Ehrenamt und Hauptamt sind in einer gemeinnützigen Organisation wie dem VCD zwei Seiten einer Medaille. Wichtig ist ein respektvolles Miteinander, das Verständnis für die Kapazitäten der jeweils anderen Seite und das Engagement für gemeinsame Ziele. Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich, wie wertvoll ehrenamtliche Arbeit ist und wozu Menschen bereit sind, wenn sie wirklich hinter der Sache stehen. Ich freue mich auch schon darauf, zu erfahren, was die Aktiven des VCD vor Ort alles auf die Beine stellen, und sehe der ersten Bundesdelegiertenversammlung im November mit Spannung entgegen.

Der Kontakt zu den Aktiven und zu den Mitgliedern ist Ihnen also sehr wichtig?
Absolut. Die Mitglieder des VCD sind eine Stärke der Organisation, die ich weiter ausbauen möchte. Damit unsere Vision einer ökologischen Verkehrswende Wirklichkeit wird, benötigen wir Hunderte von Aktiven, die sich für dieses Zukunftsbild einsetzen. Mich fasziniert, wie sehr der gesellschaftliche Wandel im Bereich Mobilität vorangeschritten ist. Und es ist nötig und möglich, in diesem Bereich noch deutlich mehr zu bewegen. Gelingen kann das aber nur mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Da­rum hoffe ich, die gleiche Leidenschaft, die mich antreibt, auch bei anderen zu wecken.

Interview: Kirsten Lange

Zur Person

Claudia Maiwald, geboren 1962 in Dortmund, studierte in Kiel Industrie-Design und ging nach ihrem Abschluss für zwei Jahre nach Japan, damals Boomland und Vorreiter im Bereich Industrie-Design.
1990 zog sie nach Berlin, um die Wiedervereinigung hautnah mitzuerleben. Dort leitete sie zunächst eine Kommunikationsgesellschaft und arbeitete nach der Geburt ihrer Tochter als selbständige ­Designerin.
Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland engagiert sich Claudia Maiwald umweltpolitisch, unter anderem bei Greenpeace. Dort begann sie als Designerin für Ausstellungen und Projekte, sie engagierte sich im Bereich Umweltbildung und wurde 2000 in den Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland gewählt. Von 2004 bis 2008 war sie Aufsichtsratssprecherin von Greenpeace Deutschland.
Mit ihrem Lebensgefährten, ihrer 18-jährigen Tochter und ihrem16-jährigen Sohn lebt sie in Berlin-Tempelhof. Seit dem 1. August 2011 arbeitet Claudia Maiwald für den VCD.

fairkehr 2/2019