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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

Service 3/2011

Die Lust an der Last

Das Fahrrad als Transporter ist nicht neu, in Europa aber vielfach in Vergessenheit geraten. Ein Überblick, was heute schon möglich und morgen vielleicht wieder selbstverständlich ist.

Foto: HerstellerImmer mehr – und auch immer mehr junge – Menschen transportieren Kinder, Kontrabass oder Kisten mit Wasser auf dem Lastenrad.

Weniger Auto fahren für ein besseres Klima? Sonntags gern – wenn die Sonne scheint. Doch was heißt das für den Alltag? Wie kommen Getränke und Einkauf nach Hause oder die Kinder in den Kindergarten?

Mit der Klimadiskussion werden alte Konzepte wiederentdeckt und technisch modernisiert. Immer mehr Menschen nutzen das Fahrrad im Alltag – auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und manche sogar zum Transport sperriger Gegenstände. In Metropolen wie Berlin oder München tauchen Lastenräder im­mer öfter im Straßenbild auf. Kopen­hagen könnte man als die europäische Hauptstadt des Lastendreirades bezeichnen. Ob mit Kindern oder mit Kontrabass im Lastenkorb, beides wirkt hier gleichermaßen normal. Das Lastenrad gehört so selbstverständlich zum täglichen Leben wie S-Bahn und Taxi.

Vor der Massenverbreitung des Autos war das Lastenrad in Handwerk und Handel weit verbreitet, Beispiel Bäckerrad. In der Industrie ist es als Industriefahrrad oder als Lastenrad immer noch vielfach im Einsatz. Denn kein anderes Fahrzeug ist so effizient, flexibel und preiswert für die Logistik weitläufiger Firmengelände.

Auch die Briefzusteller sind dem Lastenrad treu geblieben. Unterstützung durch einen Elektromotor macht den Einsatz auch in bergigen Gegenden möglich. Der tägliche Einsatz durch Briefträger zeigt das Potenzial des Lastentransportes mit dem Fahrrad – denn Papier wiegt schwer, wie Bücherkisten bei jedem Umzug anschaulich machen.

Leichter als gedacht

Bis zu 100 Kilogramm mit dem Fahrrad transportieren? Mehr als das eigene Körpergewicht? Wer den Transport von Lasten noch nie ausprobiert hat, stellt sich das weitaus schwieriger vor, als es tatsächlich ist. Einmal in Fahrt spürt man auf ebener Strecke das größere Gewicht fast gar nicht. Mit 50 bis 100 Kilogramm Zuladung aus eigener Kraft locker dahinzurollen, das ist schon ein majestätisches Gefühl, das Lust auf mehr alltägliche Last macht. Und das von Tür zu Tür ohne nervige Parkplatzsuche.

Fotos: HerstellerEinspurige Lastenanhänger wie der Bob Ibex sind vor allem für leichtere Lasten geeignet – also eher auf Reisen denn im Alltag.
Fotos: HerstellerDer Anhänger Roland Carrie wird mit einer Hochdeichsel angeboten – praktisch für Ziehen per Hand.

Dabei ist das Beladen so einfach, wie wir es heute vom Auto gewöhnt sind: Der Lastenkorb ist der Kofferraum. Einzig beim Anfahren und natürlich bergauf wird die Bürde des Majestätischen spürbar – das Gesetz der Schwerkraft ist naturgegeben. Doch dafür gibt es Gangschaltungen und inzwischen auch die gut funktionierende Elektrooption.

Natürlich braucht man ein Fahrrad, das diesen Belastungen gewachsen ist und zugleich das nötige Ladevolumen bietet. Dabei lohnt sich die Investition in gute Technik. Nicht nur wegen der Sicherheit, sondern auch, weil sie das Fahren mit Lasten spürbar erleichtert. Ein stabiler Rahmen ist genauso wichtig für die Sicherheit wie ausreichend dimensionierte Bremsen und eine gute Schwerpunktlage, damit man das Lastenrad immer sicher beherrscht, egal ob es leer ist oder voll beladen.

Pfiffige Lösungen fürs Beladen erweitern die Einsatzmöglichkeiten – langes und mühsames Verstauen kostet unnötig Nerven. Eine große Ladefläche bietet die meiste Flexibilität, benötigt aber Gurte zum Befestigen. In eine Kiste oder einen Lastenkorb kann man einfach alles reinwerfen. Allerdings kann das Ladegut in einer Holz- oder Kunststoffkiste auf holpriger Strecke ganz schön rappeln. Ein Weidenkorb dämpft das Gerüttele. Andererseits lassen sich in eine Holzkiste Kindersitze besser einbauen.

Lange, sperrige Gegenstände lassen sich am besten horizontal längs des Rades befestigen, beispielsweise an großen Gepäckträgern seitlich vom Hinterrad.

Alternative: Lastenanhänger

An den größeren Radstand eines Lastenrades hat man sich beim Fahren schnell gewöhnt. Er ist übrigens auch ein Sicherheitsmoment, weil man sich deshalb mit einem Lastenrad nicht überschlagen kann. Allerdings erfordern Länge und Gewicht zuhause einen ebenerdigen Abstellplatz. Wer den nicht hat oder nicht in ein Lastenrad investieren will, dem bietet sich ein Lastenanhänger an: vom Einkaufsshopper mit Anhängerkupplung bis hin zum großen Kofferanhänger.

Oft kann man die Räder des Anhängers mit einem Handgriff abnehmen, manchmal auch die Deichsel, und ihn platzsparend unterbringen. So lässt er sich gut in den Keller oder die Etagenwohnung tragen.

Der einfachste Lastenanhänger ist der Einkaufsshopper, auch Hackenporsche genannt, der mit einer Spezialkupplung an den Gepäckträger gehängt wird. Je nach Größe passen auch ein oder zwei Getränkekästen darauf.

Klassische zweispurige Fahrradanhänger gibt es in zwei Grundformen: als Plattform-Anhänger mit angesteckten Laufrädern, die man schnell abnehmen kann, und in der Rahmenform mit klassischen Fahrrad-Laufrädern. Die Aufbauten reichen vom einfachen Brett auf Rädern über korbähnliche Rahmenformen bis hin zu modularen Kästen nach Lkw-Vorbild.

Einspurige Anhänger sind nur für leichtere Lasten und damit weniger für den Alltag geeignet, weil sie mit dem Zugfahrrad zusammen im Gleichgewicht gehalten werden müssen. Mit einer Tiefdeichsel lässt sich das Gespann mit Anhänger deutlich besser bremsen, auch wenn eine hohe Deichsel für den Handbetrieb bequemer ist. Bei manchen Modellen lässt sich die Deichsel für den Handbetrieb umstecken.

Fotos: Peter BarzelModerne Tieflader-Modelle wie das Bullitt Cargo bike (links) oder das Filibus plus von Kemper sind für viel Volumen und hohes Gewicht geeignet. Je nach Modell lassen sich auch Kühlschränke oder Waschmaschinen transportieren.
Fotos: Peter Barzel

Lastenzwei- oder Lastendreirad?

Beide Typen haben Vor- und Nachteile. Mit Lastendreirädern kann man schwerere und voluminösere Lasten bewegen, weil sie nicht im Gleichgewicht gehalten werden müssen und mehr Ladefläche bieten. Man kann damit besser langsam fahren und stehenbleiben, ohne dass das Rad kippt, zum Beispiel an der Ampel oder beim Beladen.

Lastenzweiräder bieten das gewohnte Fahrradgefühl. Man kommt besser und schneller um die Kurve, und sie sind vor allem deutlich leichter. Zudem sind sie meist schmaler, trotz der oft größeren Länge wendiger und beim Parken platzsparender als Lastendreiräder.

Bäckerfahrrad: viel Packraum

Beim klassischen Bäckerfahrrad entsteht durch das kleinere Vorderrad mehr Gepäckraum – bis zu 100 Liter –, und der Schwerpunkt liegt niedriger. Das beladene Rad ist dadurch leichter in Balance zu halten. Der Lenker begrenzt die Packhöhe allerdings. Die maximale Last für den Gepäckträger liegt bei etwa 50 Kilogramm.

Bei klassischen Modellen ist unbedingt der Herrenrahmen zu wählen, damit das beladene Rad nicht zu leicht schlingert. Bei modernen Varianten ist auch ein tieferer Durchstieg kein Problem mehr, beispielsweise beim Kemper Lorri plus oder beim Speedbike.

Tieflader und Backpacker

Für mehr Volumen und höhere Gewichte ist der Tieflader geeignet. Das Vorderrad liegt weiter vorn, die Lastebene tiefer zwischen Steuerrohr und Vorderrad. Der Schwerpunkt liegt dadurch komplett zwischen den Radachsen.

Tieflader fahren sich deshalb mit größeren und schwe­reren Lasten bedeutend besser als das Bäckerrad. Allerdings haben sie wegen des längeren Radstandes von 1,80 Metern statt 1,15 Meter einen größeren Wendekreis. Mit Tiefladern lässt sich je nach Modell auch ein Kühlschrank oder eine Waschmaschine transportieren bei einer Tragkraft von bis zu 100 Kilogramm zusätzlich zum Fahrer.

Fotos: Peter BarzelMit einem Bäckerfahrrad wie dem Kemper Lorri plus (links) lassen sich bis zu 50 Kilogramm transportieren.
Fotos: Peter BarzelLastenräder mit der Ladefläche hinter dem Fahrer, wie das Mundo von Yuba, lassen sich zügig fahren und fast wie ein normales Fahrrad steuern.

Moderne Modelle wie Kemper Filibus plus und das Packbernds sind besser zu steuern als der dänische Klassiker Long John, der seit 80 Jahren kaum verändert gebaut wird und immer noch Liebhaber findet. Das Bullitt Cargo bike ist die modernste Variante des Long John, mit 22 Kilogramm verhältnismäßig leicht und mit der geneigteren Sitzposition wie beim Trekkingrad auch flotter zu fahren. Dafür ist die Ladefläche etwas schmaler.

Backpacker, Lastenräder mit der Ladefläche hinter dem Fahrer, sind zwar noch selten, aber für schnellere Fahrten besser geeignet und dem Fahrverhalten eines normalen Rades am nächsten. Die Sitzposition ist meist leicht sportlich geneigt, ohne dass Ladefläche verlorengeht, und die Belademöglichkeiten sind vielseitiger, vor al­lem in Länge und Höhe, weil weder Lenkbewegungen noch die Sicht nach vorn eingeschränkt werden können. So lassen sich auch sperrige Gegenstände wie Surfbretter oder Türen gut transportieren, beispielsweise mit dem Prana von Velonom oder dem Mundo von Yuba. Zwei Kindersitze passen hintereinander und es gibt verschiedenes Zubehör wie Taschen oder Träger.

Mundo und Prana sind beide nach dem Vorbild des Xtracycle entstanden, eines Umrüstsatzes, mit dem Mountainbikes zum Lastenrad umgebaut werden können, allerdings mit niedrigerer Zuladung.

Peter Barzel

fairkehr 2/2022

Cover der fairkehr 2/2022 zum Thema "Parkraum"