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Kolumne: Auf Schritt und Tritt

Autos sind wohl auch nur Menschen

Und warum geht es in der Straßenbahn eigentlich nicht ein bisschen persönlicher zu?

Hier ein paar Scheinwerferaugen, da ein breiter Stoßstangenmund und fein mittig die Markennase. Der Mensch vermenschlicht gerne. Unangefochtener Höhepunkt ist wohl die menschliche Reinkarnation in Form eines Autos. So geschehen in der US-amerikanischen TV-Serie der 1960er Jahre My Mother the Car, in der Mutti als Oldtimer reinkarniert zurückkehrt. Tut, tut! So ein Unsinn. Wo doch jedem klar ist, dass man mit nur 20 mickrigen integrierten PS als Mutter nicht weit kommt.

Wo ein Gesicht ist, folgt schnell ein Name. So endete beispielsweise die kleine Rosi einer Freundin nach einem Diebstahl ausgebrannt im Straßengraben.

Meiner Straßenbahn habe ich noch nie einen Namen gegeben. Höchstens wenn sie spät dran war. Gern stelle ich mir vor, Bahnführer stellten wie Schwerlasterfahrer ihr gepimptes Namensschild in der Frontscheibe zur Schau. Wenn die Bahn einfährt, könnte ich den Bernd anlächeln und in Bernds Bahn einsteigen. Dienstleister Bernd öffnet dann mit einem Gnä-Frau-Lächeln per Knopfdruck die Türen, und ich setze mich zwischen die Coolen, die Kauenden, die Geschichtenerzähler, die Lesenden, die Ungepflegten, die Deprimierten, die Motivierten. Das würde die gemeinsame Fortbewegung doch etwas persönlicher machen.

So wie die rollenden PR-Maschinen, in die ich aus der Bahn hineinschaue: Da verraten Kennzeichen Initialen und Geburtsdatum, die Heckscheibe klärt über Abschlusszeugnisse oder etwaige Klubmitgliedschaften auf. Links und rechts der Heckscheibe ist der Nachwuchs in Form von Lucas und Isabella eingetragen. Als Fußnoten dienen Freizeitpark-Aufkleber oder beliebte Urlaubsziele. Hinter einer gepanzerten Karosse zeigt sich der Mitmensch gern gläsern. Die innige Symbiose ist vollzogen. Warum sonst beendete Rosis hinterbliebene Besitzerin eine Diskussion mit der Aussage „Ich liebe mein Auto!“.

Liebe ich meine Straßenbahn? Nee, höchstens den Wunsch-Bernd, den der Fünfjährige  im Sitz gegenüber solange Führer nennt, bis die Eltern einen roten Kopf kriegen und sagen, dass man doch lieber Fahrer sagen sollte. Der Junge ist ratlos. „Warum denn?“ Die Eltern schlucken. Zum Glück bekommt der Wunsch-Bernd nichts davon mit. Der sitzt nämlich in einem Glaskasten und ist für Fahrgäste nur in Notfällen ansprechbar.

Dounia Choukri

fairkehr 2/2019