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Kolumne 3/2011

Fortschritt durch Rücktritt

Foto: iStockphoto.comVehikel gewaltiger technischer Innovationen: das Fahrrad mit allen Einzelteilen

Heute wird gemütlich geschichtsphilosophiert. Die spannende Frage lautet: Wo ging es in den letzten 25 Jahren stramm voran, und warum ist der Fortschritt im Verkehr so mau ausgefallen?

Erst einmal definieren, was Fortschritt überhaupt ist: Vor 25 Jahren dachten wir an 2011 und hatten Science-Fiction im Kopf. Ein Leben mit Bildtelefonen beispielsweise. Im Raumschiff war das die normalste Sache der Welt. Kurz mal Augenkontakt aufnehmen mit den Klingonen in der Nachbargalaxie? Kein Problem.
Und heute? Sitze ich in meinem galaktischen Büro, piept mein Computer und meine Mutter glotzt mich an. Wahnsinn, mit Skype ist dieser Menschheitstraum in Erfüllung gegangen.

Sie kann mir, wann immer sie will, aus einem weit entfernten Ländle freundlich zuwinken und mit Händen und Füßen ­erzählen, was im Dorf passiert ist. Und zwar ohne Computer, nur mit einem flachen Tablett in den Händen. Das nenn’ ich wahren Fortschritt, obwohl ich ihr das mit dem Wackeln noch abgewöhnen muss.

Jetzt zum Verkehr: Vor 25 Jahren träumten wir damals jungen Alt-Ökos von effizienten, emissionsarmen Mobilen und ­innovativem, vernetztem ÖPNV bis ins letzte Dorf. Da wohnten wir nämlich und waren froh, dass der Zug noch hielt auf unserer eingleisigen Strecke, die seit 1866 bestand. Im Pickelalter fuhr ich häufig mit dem Zug von Stimpfach nach Schweighausen. Good old days.

In Schweighausen schweigen schon lange die Lämmer. Da hält kein Zug mehr und der Busverkehr außer zu Schulzeiten ist lausig. Rückschritt, dein Name sei ÖPNV im ländlichen Raum. Nochmals zum Vergleich: Mit einem Mausklick kann ich die traurige Geschichte der Oberen Jagstbahn auf Wikipedia nachlesen und per Satellit auf dem iPhone sehen, wo der Zug nicht mehr hält.

Jetzt aber nicht ungerecht werden. Zu einem IC-Bahnhof sind es ja nur zehn Kilometer. Dort steht einem die wunderbare Welt der ICs und ICEs offen und diese beamen einen in sechs Stunden und 13 Minuten zum Berliner Hauptbahnhof (tief). Und da jede Familie inzwischen drei Autos hat, könnte vernetzte Mobilität eine Option sein. Leider ist für ein Bahnticket kaum noch Geld übrig, wegen dieser verflucht hohen Spritpreise.

Jetzt zur Autohistorie der letzten 25 Jahre: Da hat es ja immense Fortschritte gegeben. Das hätten selbst die Gründer des VCD nicht zu träumen gewagt: Die Deutschen haben ­heute mehr, dickere und schnellere Autos. Sage niemand, es wurde nicht in Mobilität investiert. Die Neuwagen kosten heute im Schnitt um die 25.000 Euro, fahren Spitze 220 km/h und haben 133 Pferdestärken. Neuer Rekord! Stand letzte Woche in der Zeitung. Und der Verbrauch? Einige Bekannte von mir fahren bereits Autos, die nur noch sieben Liter fossilen Sprit verbrauchen.

Wahnsinn! Okay, wir hatten vor 25 Jahren zuhause einen Golf Diesel, der brauchte fünf Liter, aber der hatte auch keine Aircon. Doch die anhaltende Autosuggestion der Bevölkerung hat auch was Gutes: In Richtung nachhaltige ­Autogefühle kann der VCD in den nächsten 25 Jahren noch ­erhebliche gesellschaftliche Anstöße geben.

Ganz anders beim Fahrrad: Radeln ist ja bereits Volkssport und der Deutsche ein halber Holländer! Und das trotz der immer noch lausigen Radwege. Wahrscheinlich liegt es an den gewaltigen technischen Innovationen: Das batteriebetriebene Rücklicht möchte ich an erster Stelle nennen. Echt Rocket Science. Ich hatte nämlich viele Kabelprobleme im letzten Vier­teljahrhundert. Und super ist auch der Rückzug des Rücktritts. Die Rücktrittbremse hat mich nie überzeugt. Echter Fortschritt ist nur ohne Rücktritt möglich und bald werden wir sowieso mit dem iPhone unsere digitalen Hydraulikbremsen bedienen.   

Martin Unfried

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