fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

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Editorial 3/2011

Haben oder Sein

Foto: Marcus Gloger

Mein Großvater hatte drei Reihen Weinreben im Garten gepflanzt. Ich erinnere mich noch sehr ­­le­bendig an ein Hin- und Hertragen allerlei seltsamer Gerätschaften im Herbst. Traubenpressen, Kelter und was man sonst noch so brauchte, um aus den Trau­­ben einen ordentlichen Wein zu machen, besaß man in der Nachbarschaft reihum. Keiner hatte alles. Die ­Lese­zeit­punkte wurden abgestimmt, und man lieh sich gegenseitig, was man brauchte.

Nach Jahren der Ich-Bezogenheit – „mein Haus, mein Pferd, meine Yacht“ lässt grüßen – scheint der gemeinschaftliche Besitz wieder auf dem Vormarsch. Dass das ausgerechnet beim Auto, dem größten Ich-Verstärker der vergangenen Jahrzehnte, passiert, mag manche erstaunen. Es ist allerdings die konsequente Kombination aus pragmatischer Kopfentscheidung und modischem Trend.

Viele Großstadtbewohner, ob in Tokio, Paris oder Berlin, wissen einfach nicht, wozu sie in ihrer Lebenswelt ein Auto brauchen. Ein Parkplatz ist ein Glückstreffer, und Autos sind in den letzten Jahren objektiv teurer geworden. Eine Mischung aus pragmatischer Parkplatzsuchvermeidung und trendiger Großstadtmobilität sind Fahrradverleihsysteme wie Vélib in Paris oder Barclays Cycle Hire in London.

Als Ausdruck eines völlig veränderten Lebensstils kann gelten, dass das Auto seine Funktion als Freiheits- und Männlichkeitsikone eingebüßt hat. ­Alphamännchen, die ihren Status mittels Hubraumgröße und PS-Zahl defi­nieren, machen sich bei jungen Leuten eher lächerlich.

Vielleicht rührt daher die Tatsache, dass im Jahr 2000 von 1000 jungen Männern zwischen 18 und 25 Jahren mehr als 500 ein Auto besaßen – heute sind es nur noch knapp 350. Cool sind iPhones und iPads und die Zahl der „Freunde“ bei Facebook.

Die smarten Geräte werden auch immer mehr eingesetzt, um Mobilität zu leihen statt zu besitzen. Firmen wie flinc, tamyca oder Nachbarschaftsauto ermöglichen es, via Smartphone oder Internet Mitfahrgelegenheiten auf Kurzstrecken zu organisieren oder den ansonsten sinnlos herumstehenden Privat-Pkw lukrativ zu verleihen. car2go von Daimler und demnächst auch BMW und VW setzen auf spontane und digital buchbare Autoleihsysteme in der Sadt. Auch das etablierte Carsharing erlebt einen neuen Aufschwung in Städten wie London oder Bremen, wo es intelligent mit Bus und Bahn vernetzt wird. Man muss kein eigenes Auto mehr haben, um mobil zu sein.

Dass das keine Verzichtsdebatte ist, zeigt das Beispiel des Bremer ­Pavillons auf der Weltausstellung in Shanghai 2010. Die Bremer präsentierten dort ihr ambitioniertes Carsharing-Modell. Die chinesischen Schriftzeichen für Carsharing haben eine doppelte ­Bedeutung: „Wir teilen uns ein Auto und haben Spaß dabei.“
Spaß hatte übrigens auch mein Opa, wenn die Weine der Nachbarschaft durchprobiert wurden. Teilen verdoppelt eben den Wert.

Michael Adler

fairkehr 4/2019