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Kolumne: Auf Schritt und Tritt

Gehen für Anfänger

Einen Schritt für den Papa, einen für die Mama, einen für die Oma …

Laut einer Studie von 2009 werden die Deutschen nicht nur größer, sondern auch immer breiter. Aha! Die Deutschen werden quadratisch. Und so ein Quadrat hat es schwer, vorwärts zu kommen. Da wundert es nicht, dass die deutschen Quadrate im Schnitt nur 400 Meter am Tag auf ihren Ecken gehen. Und dann ist aber auch gut.

Während in anderen Teilen der Welt Kampagnen für sauberes Trinkwasser und Schulbildung für Mädchen laufen, gibt es in Deutschland Kampagnen, die Menschen zum Gehen auf Kurzstrecken bewegen sollen. Einen Moment mal. Zum Gehen? Gibt es auch Kampagnen, die einen zum Essen oder zum Schlafen bewegen sollen? Was ist eigentlich mit uns los, dass wir einen „I walk to school day“ für unsere quadratischen Kinder brauchen? Etwas südlicher auf dem Globus hätte dieser Tag wohl eine vollkommen andere Auslegung.

Aber zurück zu der magischen 400-Meter-Kurzstrecke. Der Weltrekordler braucht dafür im groben Schnitt 44 Sekunden, die Weltrekordlerin um die 48 Sekunden. Zugegeben, nicht jedem ist eine Geparden-Pfote in die Wiege gelegt, aber es ist doch irgendwie ernüchternd, die Relationen zu betrachten. Man will ja für die viel zitierte Kurzstrecke nicht immer den alten Zigarettenautomaten bemühen. Der kann einem fast leid tun - zusammen mit den Sonntagsbrötchen, die auch häufig die Kruste herhalten müssen.

Ja, die Kurzstrecke ist banal. Im Englischen bezeichnet das Wort „pedestrian“ nicht nur den Fußgänger, sondern auch den Begriff langweilig und nüchtern. Wer hatte denn schon mal eine Erleuchtung am Zigarettenautomaten?

Dann doch lieber Langstrecken-Pilgern und einen Bestseller darüber schreiben. Die quadratischen Deutschen lesen nämlich gern übers Gehen. Dann hält das Deo garantiert, was es verspricht. Und wieder öffnet ein Buch das Tor zur Welt. Jetzt ist nur noch die Frage, ob man da noch durchpasst.

Dounia Choukri

fairkehr 2/2019