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Kolumne 2/2011

Beheizte Haltestellen mit Gratis-Espresso

Foto: iStockphoto.comDemnächst bitte mit Kaffeebar, WLAN und digitalen Verspätungsmeldungen.

Die Welt scheint sich im Moment etwas schneller als sonst zu drehen. Stimmt natürlich nicht, sondern wir sind es, die einfach zu langsam denken, um da mitzukommen. Was morgens noch unmöglich erschien, wird abends von Tagesthemen-Mann Tom Buhrow freundlich berichtet. Sarkozy wirft Bomben auf seinen Freund Gaddafi, dem er vor Wochen noch ein AKW verkaufen wollte. Wegen eines anderen AKWs werden Regionen in Japan unbewohnbar. Wegen 17 weiterer AKWs wird ein Grüner Ministerpräsident.

Wahnsinn, sagen wir. Dabei passiert, was passiert. Das Erstaunen erzählt uns mehr über unsere Erwartungen und Vorstellungen. Die sind doch sehr beschränkt. Kanzlerin Angela Merkel hatte sich nicht vorstellen können, dass in Japan mehrere Atomkraftwerke in die Luft fliegen. Beteuert sie jedenfalls. Interessanterweise konnten sich die meisten Regierten einen solchen Unfall durchaus vorstellen und waren keineswegs überrascht. Eher waren wir überascht, wie überrascht sich auch Außenminister Guido Westerwelle zeigte.

Doch mir ging es ähnlich wie Guido in einer anderen Fra­ge. Ich habe vor wenigen Wochen nicht erwartet, dass in Stuttgart ein grüner Ministerpräsident aus Sigmaringen regieren könnte. Ich habe innerlich sogar Denkverbote ausgesprochen: Das klappt eh nicht. No way. Keine Chance. Niemals! Das ist die altbekannte Strategie der Enttäuschungsvermeidung. Die hat ihre Vorteile, beispielsweise mit Blick auf Bluthochdruck und schlechte Laune. Der Nachteil: Denkverbote kosten Phantasie und fördern die geistige Unbeweglichkeit.

Nun haben wir den Salat mit Herrn Kretschmann – und ich habe mir die neue Situation noch gar nicht richtig vorgestellt. Was würde ich fairkehrstechnisch machen, wenn ich der erste „nicht autobekloppte“ Minischterpräsident wäre? Erst mal symbolische Politik natürlich, obwohl die immer so kritisiert wird. Statussymbole waren ja auch für meine Vorgänger entscheidend. Doch jetzt heißt Macht eben nicht Mercedes-Limousine, sondern angepasste Mobilität: Dienstfahrrad, Dienstkleinwagen, Diensttaxi, Dienststraßenbahn und Dienstregionalexpress. Und immer schön mit dem Kleinwagen in Stuttgart und Berlin ins Fernsehbild reinfahren. Die Botschaft: Sollen sich doch die Pfeifen mit ihren schwarzen Wichtigtuer-Limos lächerlich machen.

Priorität 2: Opium fürs Volk. Das heißt: Bushaltestellen zu Urlaubsparadiesen. Wer schon mal eine Bushaltestelle mit einer Flughafenlounge verglichen hat, der weiß, wie unfair Busreisende behandelt werden. Schicke beheizte Glaskästen mit Espressobar wären das Mindeste, Internetanschluss und Verspätungsmeldungen digital und oral ein Plus.

Priorität 3: Meinen Plan für flächendeckende Radwegeüberdachung mit Photovoltaikmodulen möchte ich nicht gesondert ansprechen, sondern sofort auf Punkt 4 eingehen. Jetzt ist es Zeit für das CO2-abhängige Tempolimit unter dem Motto: „über 120 Gramm CO2 unter 120 km/h“. Porsches und Daimlers mit hohem Spritverbrauch dürften demnach auf der Autobahn nur noch 109 km/h fahren, wogegen ich als Ministerpräsident mit meinem Kleinwagen (unter 100 Gramm CO2 pro Kilometer) bretzeln darf, bis die Reifen quietschen. Freie Fahrt für freie Gutbürger. Wichtig ist eben, dass man der befreundeten Industrie zu erkennen gibt, wer Koch und wer Kellner ist.

Priorität 5 wäre die Fahrradeinspeisevergütung, also für jeden gefahrenen Kilometer 20 Cent Cash. Und Priorität Nummer 6: eine öffentlich im Internet übertragene Schlichtung zur Schuld- und Schuldenfrage in Sachen Stuttgart 21: diesmal Heiner Geißler exklusiv mit den bekannten Koryphäen der CDU. Praktische Trauerarbeit. 

Martin Unfried

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