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Editorial 2/2011

Billige Lügen

Foto: Marcus Gloger

"Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“ Goethes Zauberlehrling fällt einem unweigerlich ein, wenn man die hilflosen Versuche in Endloswiederholung im Fernsehen verfolgt, mit denen die Japaner das atomare Feuer löschen wollen. Allein, der alte Meister, der in Goethes Ballade den außer Kontrolle geratenen Besen wieder in die Ecke befiehlt, will im wahren Leben nicht auftauchen.

Die apokalyptischen Bilder aus Japan machen uns auch Wochen nach der eigentlichen Katastrophe fassungslos. Tausende Tote noch vermisst, unzählige Menschen bei Minusgraden frierend, ohne Wärme, ohne Wasser und Strom. Die Decke der Zivilisation ist dünn, auch im Industrieland Japan. ­Gerade die vermeintliche Hochtechnik Atomenergie fügt der Naturkatastrophe den menschengemachten GAU hinzu – in seiner Konsequenz womöglich noch tödlicher als Erdbeben und Tsunami. Die Bilder der explodierenden Reaktoren und der heuchlerisch reumütigen Chefs des Atomkonzerns Tepco markieren das Ende der technisierten Industriegesellschaft, wie wir sie kannten.

Dieses Gesellschaftsmodell gründet bisher auf individuell billiger Energie mit ausgeblendeten Folgekosten. Schon vor einem Jahr bei der monatelangen Ölpest im Golf von Mexiko war die Lüge von der billigen Energie offenkundig.

In beiden Fällen blamierten sich jedoch die beteiligten Firmen und Staaten bis auf die Knochen. Mit beängstigend archaischen Mitteln versuchte BP mit der Weltmacht USA, das Bohrloch in 1500 Metern Tiefe zu stopfen. Trotzdem musste Obama von seinem Bohrstopp wieder abrücken. Seit kurzem wird wieder gebohrt.

Ähnlich hilflos wirkten die Wasserbomben aus Helikoptern auf die schmelzenden Atomkerne. Die Tokioter Feuerwehr, die zum Kühlen nach Fukushima ausrückte, umwehte der Hauch des letzten Aufgebots.

Die Schäden werden in Japan bereits jetzt auf mehr als 200 Milliarden Euro ­taxiert. Doch wie viel sind mehrere Tausend Quadratkilometer Land wert, das nach menschlichen Kategorien auf ewig unbewohnbar sein wird?

In Deutschland ist jedes Kernkraftwerk seit dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss mit 2,5 Milliarden Euro gegen einen schweren Unfall versichert. Davor lag die Summe bei einem Zehntel. Die Schätzungen für die Schäden durch einen GAU im dichtbesiedelten Deutschland reichen von 300 bis 5000 Milliarden Euro. Allein eine halbwegs adäquate Versicherung des GAU-Risikos, von dem wir spätestens seit dem 11. März wissen, dass es ein reales ist, würde die Mär von der billigen Atomenergie als das entlarven, was sie ist: eine Verhöhnung unser aller Intelligenz und Vernunft.

Das Restrisiko des „Weiter so“ in der Energieproduktion und in der Mobilität lastet als gewaltige Hypothek auf unserem verschwenderischen Lebensstil. Rechnung folgt. Man kann es drehen und wenden, wie man will, 25 Cent pro Kilowattstunde Strom und 1,60 Euro für den Liter Sprit sind kein Marktpreis.

Was Sie jetzt machen sollen? Freiwillig mehr zahlen? Nein, das nicht. Aber vielleicht einfach mal den Verbrauch halbieren. Vom Elend rund um Fukushima sind Sie dann immer noch Lichtjahre entfernt.

Michael Adler

fairkehr 3/2019