fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

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Am blauen Himmel fliegt ein Flugzeug, dass Kondensstreifen hinterlässt.
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Das Atoll, dass zum Inselstaat Palau gehört, liegt mitten im Pazifik.
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Eine gelbe Lieferdrohne trägt ein Päckchen.
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Titel 1/2011

Einsatz für mehr Fahrrad: Viele gute Beispiele

In der gesamten Republik setzen sich VCD, Unternehmen, Kommunen und Institute dafür ein, noch mehr Menschen aufs Rad zu bekommen. Manchmal dient das Ausland als Vorbild.

Foto: Achim SchmidtAuf Balance-Wippe und Laola-Bodenwelle lässt sich sicheres Radfahren trainieren.

RADschlag: Neuer Trainingsparcours

Im Projekt RADschlag unterstützen der VCD, der Auto Club Europa (ACE) und die Deutsche Sporthochschule Köln seit August 2008 Lehrer, Erzieher, Übungsleiter in Vereinen und Familien, die Kinder und ­Jugendliche fit fürs Radfahren machen möchten.

Neu im Programm ist der Fahrradparcours für Schülerinnen und Schüler jeden Alters. Auf Balance-Wippe, Laola-Bodenwelle und Fahrrad-Skateboard lernen sie spielerisch, sicher und mit Spaß Rad zu fahren. Der RADschlag-Parcours macht das ganze Jahr über Station auf Schulfesten, Verkehrssicherheitstagen oder Messen. Wer ihn auf seinem Schulhof aufbauen lassen will, kann ihn auch mieten – Preise gibt es auf Anfrage beim Projektteam.

Über ein Online-Portal und über eine Hot­line beantwortet das RADschlag-Team außerdem Fragen wie „Wie bringe ich Kindern Radfahren bei?“, „Worauf muss ich beim Kauf von Kinderfahrrad, Roller & Co achten?“ oder „Wie organisiere ich als Lehrer einen Ausflug oder eine Klassenreise mit dem Rad?“ Die im Portal ­inte­grier­te Datenbank hält mehr als 500 Unterrichtsmaterialien, Videos sowie Spiel- und Aktionsideen bereit. Die Nutzer können beispielsweise Filme herunterladen und im Unterricht einsetzen ohne lange Recherchen im Netz.

VCD-Kampagne „FahrRad!“ wird fünf

Foto: Marcus Gloger

Die bundesweite VCD-Fahrradjugendkampagne „FahrRad! Fürs Klima auf Tour“ feiert dieses Jahr ihr fünfjähriges Jubiläum. Das Projekt will Kinder und Jugendliche motivieren, sich für den Weg zur Schule, zum Fußballtraining oder zum Klavierunterricht aufs Rad zu schwingen.

Seit 2006 haben knapp 13000 Teilnehmer auf ihren Schul- und Freizeitwegen weit über zwei Millionen Fahrradkilometer zurückgelegt. Sie sparten dadurch fast 300 Tonnen CO2 ein, die sonst durch Autofahrten entstanden wären.

Von 2006 bis 2008 förderte das Bundesverkehrsministerium die Kampagne im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplanes. Anschließend ­setzte der VCD, überzeugt von Kon­zept, Ziel und Erfolg der Idee, „FahrRad!“ bis 2010 mit eigenen Geldern fort.

Rechtzeitig zum fünfjährigen „FahrRad!“-­Jubiläum kann der VCD auf die finanzielle Unterstützung der beiden deutschen Fahrradzubehörunternehmen Sigma Sport und Ortlieb setzen. „Wir freuen uns sehr darüber, dass die Unternehmen eine Fortsetzung der Kampagne für die nächsten Jahre sicherstellen“, sagt „FahrRad!“-Projektleiterin Anika Meenken. „Für den VCD werden Kooperationen mit Unternehmen, die die gleichen Ziele verfolgen, immer wichtiger.“

„FahrRad!“ kann damit in die nächste Runde starten, Anmeldungen sind bis Juli online möglich. Von Anfang März bis Ende Juli treten Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren wieder für das Klima in die Pedale. Rahmen und Motivation zum Radeln bildet, wie in den letzten Jahren, eine virtuelle Radtour im Internet. Sie führt die Teilnehmer quer durch Deutschland, mit Ausflügen in europäische Nachbarländer. Jeder Kilometer, den die Jugendlichen im Alltag erradeln, bringt sie auf der virtuellen Radtour voran. Die Gewinnergruppe bekommt 500 Euro. Weitere Preise sind eine Fahrradabstellanlage, schicke Fahrräder und jede Menge Zubehör.

Neben dem Gemeinschaftserlebnis bietet „FahrRad! Fürs Klima auf Tour“ Informationen zu den Themen Fahrrad, Klima und nachhaltige Mobilität. Lehrkräfte finden Unterrichts­ideen für fast alle Fächer. Außerdem gibt es Tipps, wie ihre Schule fahrradfreundlicher werden kann.

Fahrradverleih der vierten Generation

Foto: DB AG/Ralph WinnFür „StadtRAD Hamburg“ haben sich bis jetzt mehr als 60.000 Nutzer registriert.

Mit einer Fahrkarte U-Bahn, Tram, Bus – und Leihfahrrad nutzen können: Das ist das Ziel der Befürworter der „öffentlichen Fahrradverleihsysteme vierter Generation“. Merkmale: Die Räder stehen an festen Stationen in der Nähe von Bus- und Bahnhaltestellen, die Nutzer müssen sich vorher registrieren und leihen die Räder mit einem elektronischen Schlüssel aus. Sie zahlen per Kontoeinzug oder Kredikarte – und die Tarife sind in den örtlichen ÖPNV eingebunden.

Letzteres Merkmal unterscheidet die vierte Generation der Leihradsysteme von der dritten, zu der beispielsweise das Angebot „Call a Bike“ der DB AG zählt. Die konsequente Verknüpfung von Rad und ÖPNV ist bislang allerdings eine Vision. Zwar fördert das Bundesverkehrsministerium (BMVBS) im Rahmen des Wettbewerbs „Innovative öffentliche Fahrradverleihsysteme“ bis 2012 acht Städte und Regionen, die den Radverleih der vierten Generation voranbringen wollen.

Doch davon sind bislang nur wenige Projekte wirklich gestartet, eins davon ist Metropolrad Ruhr. „Mit Fahrrad, Bus und Bahn schnell und umweltfreundlich in der Metropole Ruhr unterwegs“ werben zehn Ruhrgebietsstädte und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr für das bislang größte Radverleihsystem Deutschlands unter Federführung des Regionalverbandes Ruhr. Die 300 Mieträder in der Metropolregion stellt das Unternehmen Nextbike.

Unabhängig von der Förderung durchs Verkehrsministerium hat Hamburg Geld in die Hand genommen und die DB AG im Jahr 2009 offiziell damit beauftragt, „StadtRAD Hamburg“ zu betreiben. An bislang 73 Stationen haben die mehr als 60.000 registrierten Nutzer Zugriff auf über 1000 Räder, in diesem Jahr soll das System weiter ausgebaut werden, Ziel sind 120 Stationen bis Jahresende. Kunden des örtlichen Nahverkehrsunternehmens HVV und BahnCard-Besitzer bekommen Preisnachlass. Wer beim DB-Radverleihsystem „Call a Bike“ ­registriert ist, kann auch die Hamburger StadtRÄDER nutzen.

In der Hauptstadt treiben die DB und die Senatsverwaltung das Projekt „StadtRAD Berlin“ voran, gefördert vom BMVBS. Bislang läuft es in einer Testphase mit 1700 Rädern und 25000 Kunden. Bis zum Sommer wollen die Betreiber 80 Stationen installieren. „In den Projekten wird sich zeigen, wie sich Rad und ÖPNV zusammenbringen lassen, welche Probleme und Lösungsmöglichkeiten es gibt“, sagt Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des VCD und hat den Bundeswettbewerb „Innovative öffentliche Fahrradverleih­systeme“ koordiniert. „Der Weg dahin wird vermutlich lang sein, doch Ziel ist es, das Fahrrad voll in den ÖPNV zu integrieren und es als einen Teil des öffentlichen Verkehrs zu verstehen.“

mobil.punkt: Mit dem Rad zum Teil-Auto

Foto: Stadt BremenBremen möchte Carsharing mit Bus, Bahn und Fahrradverkehr verknüpfen.

Noch immer gibt es kein Gesetz, dass es Car­sharing-Anbietern erlaubt, im öffentlichen Raum Parkplätze für ihre Autos einzurichten. Die Stadt Bremen hat dennoch bereits 2003 die ersten „verkehrsträgerübergreifenden ­Mobilitätsstationen“, kurz mobil.punkte, mit Car­sharing im öffentlichen Straßenraum installiert. Stets in der Nähe von Bahn- und Bushaltestellen – und immer in Kombination mit Fahrradabstellplätzen.

„Wir wollen Carsharing mit dem ÖPNV, aber auch mit dem Fahrradverkehr verknüpfen“, sagt Michael Frömming, zuständig für nachhaltige Mobilität beim Bremer Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa. „Viele Carsharing-Kunden kommen mit dem Rad zu ihrem gebuchten Auto. Sie sollen an der Station anständige Fahrradbügel vorfinden.“

Zusätzlich zu den über 30 Carsharing-­Stationen des Anbieters cambio auf privaten Grundstücken hat die Stadt bislang zehn mobil.punkte mit rund 50 Stellplätzen eingerichtet, weitere werden folgen. Möglich macht das ein spezielles rechtliches Konstrukt: Die städtische Parkraummanagementgesellschaft besitzt eine Sondergenehmigung für den Betrieb der öffentlichen Carsharing-Stationen und vermietet sie an cambio weiter. cambio wiederum ist mit dem Umweltzeichen „Blauer Engel“ zertifiziert – es garantiert, dass das ­Unternehmen die mobil.punkte im Sinne des öffentlichen Interesses betreibt.

Für ihren Carsharing-Aktionsplan und das mobil.punkt-Konzept hat die Stadt Bremen im November den Verkehrsplanungspreis „Mobil im Quartier“ des VCD und der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung gewonnen.

Fahrradakademie: Fortbildung für Kommunen

Foto: www.istockphoto.com

Mit ihrem Nationalen Radverkehrsplan wollte die Bundesregierung den Radverkehrsanteil von 2002 bis 2012 auf 24 Prozent verdoppeln. Die meisten Fördermaßnahmen mussten und müssen die Kommunen umsetzen.

Um sie in Sachen Radverkehr weiterzubilden, förderte das Bundesverkehrsministerium 2007 den Aufbau der Fahrradakademie. Das Deutsche Institut für Urbanistik bietet dort Tagungen, Seminare und Fach­exkur­sio­nen unter anderem zu den Themen Stadtplanung, Verkehrssicherheit und Finanzierung. In Zusammenarbeit mit den kommunalen Spitzenverbänden Deutscher Städtetag, Deutscher Landkreistag, Deutscher ­Städte- und Gemeindebund organisiert die Fahrradakademie jedes Jahr eine große Fahrradkommunalkonferenz.

Schnellstraßen für Radfahrer

Foto: Phil DixonWo Radfahrerinnen auf eigenen Wegen kreuzungsfrei vorankommen, schaffen sie mühelos auch Distanzen von 10 oder 15 Kilometern.

Während man hierzulande noch daran arbeitet, Menschen auf kurzen Wegen dazu zu bringen, aufs Fahrrad zu steigen, statt mit dem Auto zum Bäcker oder Bioladen zu fahren, geht man in Dänemark und den Niederlanden bereits einen Schritt weiter: Die Dänen und die Niederländer setzen auf die Mitteldistanz.

Eingebettet in die nationale Verkehrsplanung und -finanzierung bauen sie Radschnellwege, die Pendlern auf Entfernungen über 5 bis etwa 15 Kilometer bequemes und schnelles Radfahren möglich machen. Auf diesen eigens für sie gebauten Verbindungen können Radfahrerinnen und Radfahrer aus den Vororten und Wohngebieten störungsfrei bis hinein in die Stadtzentren fahren. Keine Kreuzungen halten sie auf, kein läs­tiges Anhalten an Ampeln verzögert die Fahrt, keine parkenden Autos stehen im Weg.

Mit einer Breite von bis zu vier Metern je Fahrtrichtung bieten die Radschnellwege ausreichend Platz zum Überholen und freie Bahn für sicheres Fahren auch bei höheren Geschwindigkeiten. Hier können auch mal Schülerinnen oder Freunde nebeneinander her fahren, ohne gleich den Verkehrsfluss zu behindern und aus dem Weg gehupt oder geklingelt zu werden.

Wo Flüsse, Autobahnen oder Schienen den Weg kreuzen, haben die Planer die Radrouten durch Unterführungen oder über Brücken geführt. Die Wege sind in der Regel beleuchtet, führen ohne große Kurven und Umwege zum Ziel, haben einen glatten Belag und werden im Winter von Schnee und Eis geräumt.

„Die Niederländer haben in großem Stil in Radschnellwege investiert, um die Distanzen für Fahrradpendler zu erweitern“, sagt Jörg Thiemann-Linden, Radverkehrsexperte am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) und ehemaliges VCD-Vorstandsmitglied. Dabei sei das Ziel ausdrücklich, die Autobahnen von Staus zu befreien und den ÖPNV in Stoßzeiten vor der völligen Überlastung zu retten. „Es geht hier nur nebenbei um Klimaschutz und ökologische Aspekte“, sagt der Berliner Stadtplaner, „im Vordergrund steht die ökonomische Perspektive.“ In Holland und Dänemark habe man erkannt, dass es preiswerter sei, attraktive Radwege anzulegen, als noch mehr Autobahnen und Bahntrassen bauen zu müssen. Dabei liefen die Radwege in der Regel im gleichen Korridor und parallel zu den übrigen Verkehrswegen. In Kopenhagen habe man die Radwege gleich auf die Straße gelegt – auf Kosten einer Autofahrbahn. „Die Radschnellwege sind Bausteine einer umfassenenden Mobilitätsstrategie und werden ­angenommen“, sagt Thiemann-Linden.

Neuen Anschub für die mittleren Distanzen gibt auch der Trend zu den E-Bikes. Wer ein ­Pedelec fährt, ist ohnehin mit höherer Geschwindigkeit unterwegs und nimmt Anfahrten von 10 bis 15 Kilometern lächelnd und ohne großes Schwitzen in Kauf. Erste Pilotprojekte in Deutschland hat die Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen auf den Weg gebracht.

fairkehr 5/2021

Auf dem Cover der fairkehr 5/2021 zum Thema Citylogistik fährt ein Mann im roten Overall ein Lastenfahrrad voller Weihnachtsgeschenke.