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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Titel 1/2011

Radlust am Main

Mit dem Fahrrad durch Frankfurt? Für manche unvorstellbar, doch für immer mehr Frankfurter ganz normal. Radfahrer stellen bereits 14 Prozent des Innenstadtverkehrs, Tendenz steigend.

Foto: Pat MeiseRadlerherzen fühlen sich allmählich verstanden: Frankfurt baut Radständer, gibt Einbahnstraßen frei und markiert Fahrradspuren ab.

Es ist eine bunte Gesellschaft, vom Allwetterfahrer in Hightech-Klamotten über Eltern mit Kindern im Anhänger bis hin zu Bänkern, die sommers in Anzug respektive Kostüm durchs innerstädtische Grün in Frankfurt am Main flitzen. Zwar kennt das erfahrene Radlerherz Ecken, an denen Verbesserungen drin wären, doch prinzipiell fühlt es sich endlich verstanden.

Seit ein paar Jahren nämlich weht eine fahrradfreundliche Brise durch die Straßen der Bankenmetropole. Wie aus dem Nichts tauchten überall moderne Metallbügel zum Anschließen der Räder auf, wurden Einbahnstraßen in Tempo-30-Zonen zum Radfahren in beiden Richtungen freigegeben und büßte manche Straße gar – früher undenkbar – Autospuren zu Gunsten der Pedaleure ein.

Jüngste Errungenschaft ist das Radfahrbüro, besetzt mit vier Radlerseelen. Sie eichen seit einem Jahr alle Ämter auf fahrradfreundlich und schwärmen schon mal früh morgens aus, um der wackeren Zielgruppe auf dem Weg zur Arbeit eine Tasse Kaffee oder ein Frühstücksbeutelchen zu reichen. Vier Leute. Voll bezahlt und vollauf beschäftigt, während andernorts oft nicht mal ein Ehrenamtlicher durchkommt. Was treibt in Frankfurt am Main die Räder voran?

Vor allem der erstaunliche Konsens der Stadtpolitiker aller Fraktionen, die seit den 90ern nicht nur schwafeln, sondern handeln. Frankfurt hat schon früh eine Radverkehrskonzeption als Leitplanung erstellt. Zwar fetzte man sich auch mal – der erste Fahrradbeauftragte warf 1995 das Handtuch –, doch das Feld schwächelte nur kurz.

Fritz Biel machte die vakante Aufgabe so engagiert zu seinem Anliegen, dass die Stadt den verkehrspolitischen Sprecher des ADFC als Radverkehrsberater engagierte, der seit 18 Jahren auch im VCD ist. Seit 15 Jahren nimmt er kritisch-konstruktiv an allen Verkehrsausschusssitzungen teil. Wenn der 63-Jährige dieses Jahr aufhört, wird er schwer zu ersetzen sein. Sein Erfolgsrezept? „Ich hab immer mit allen geredet – und ausschließlich das Thema Fahrrad vertreten.“ Andere brandheiße Verkehrseisen, etwa den Flughafenausbau, kommentierte er nie. „Da habe ich natürlich einen Standpunkt, doch ich musste mich nie mit jemandem streiten, mit dem ich später gern was für den Radverkehr ausgehandelt hätte.“

20 Prozent Radanteil als Ziel

Den Grundstein für eine „Fahrradstadt Frankfurt“, die sich sogar der konservative Stadtplaner Albert Speer für die Zukunft wünscht, legte das Stadtparlament 2003, als es formulierte: „Die Stadt Frankfurt am Main setzt sich zum Ziel, im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans bis zum Jahr 2012 den Radverkehrsanteil an allen zurückgelegten Wegen auf 15 Prozent anzuheben.“ Damals waren es noch sechs Prozent.

Heute ist das Ziel fast erreicht, sogar 20 Prozent Anteil hält Joachim Hochstein, der regionale Radverkehrsbeauftragte des Planungsverbands Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main, für realistisch. Hochstein arbeitet an vier Themen: am regionalen Radroutennetz Frankfurt/Rhein-Main, das erweitert und besser beschildert werden soll, am „Radforum Rhein-Main“, wo sich die Akteure regelmäßig austauschen, am Projekt „bike+business“ als regionale Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans und daran, die 75 Kommunen des Ballungsraums mit zarter Hand zu vernetzen. Schließlich sind sie alle für den Verkehr und den Feinstaub im Großraum mit verantwortlich, denn Frankfurt ist die Pendlerhauptstadt Deutschlands. Jeden Tag kommen 500.000 Menschen zum Arbeiten in die Stadt, 300.000 davon mit dem Auto.

Hochsteins Traum: Er will zehn Prozent der automobilen Pendler aufs Fahrrad bringen. Wenn er mit seinem Dienst-Pedelec die umliegenden Kommunen besucht, bietet er ihnen gleich ein wenig Anschauungsunterricht. Hochstein und sein Kollege Fritz Biel saßen bereits gemeinsam am „Runden Tisch Radverkehr“, der 2004 gegründet wurde und der jetzt in das Radfahrbüro mündete.

Foto: Pat MeiseEike Schulz und Thomas Friede leiten das Frankfurter Radfahrbüro, eine Anlaufstelle für alle Ämter, die in der Bankenstadt mit Fahrradverkehr zu tun haben.

Ist Frankfurt also auf dem Weg zu einer Fahrradstadt? „Man sollte weder auf der Fahrrad- noch auf der Autoseite vom Pferd fallen“, sagt Thomas Friede vom Radfahrbüro und spießt damit das Interessengerangel auf. Vor allem solle nichts zu Lasten der Fußgänger geschehen. Friede deutet dennoch an, dass Frankfurt den Vergleich mit der deutschen „Fahrradhauptstadt“ Münster nicht zu scheuen brauche: „Wir haben hier ein dichteres Nahverkehrsnetz und zehn Prozent weniger Autoverkehr als Münster.“ Er zählt selbst zu den Umsteigern vom Auto aufs Rad, seitdem sein Arbeitsplatz näher am Wohnort liegt. Er fährt, ob’s stürmt oder schneit. „Ich habe einen kleinen Sohn, für den will ich Zeit haben, und da ist das Rad jetzt die erste Wahl“, sagt Thomas Friede.

Dass das Radfahrbüro zum Verkehrsdezernat gehört, ist eine sehr sinnvolle Frankfurter Besonderheit. Es fungiert als Schnitt- und Anlaufstelle für alle Ämter, die Neues bauen oder Altes sanieren. „Zum Teil kommen sie schon von selbst auf uns zu und fragen: Wie machen wir das am besten?“, sagt Planer Eike Schulz erfreut. Mit seinen Kollegen will er den Frankfurtern noch mehr Lust aufs Radfahren machen. Was man dazu braucht: „Einen Radlerblick. Und Fingerspitzengefühl.“ Schulz zeigt auf einige Stellen der Stadtkarte, wo er gern manches anders hätte, dann stellt er augenzwinkernd fest: „Man kann nicht alles haben – und man darf sich die Leute nicht alle auf einmal vergraulen.“

Radler melden „Bremsklötze“

Unverzichtbar für die vier Mitarbeiter im Radfahrbüro ist das Feedback über die sogenannte Meldeplattform. Seit April 2010 ist die Meckerseite im Netz. Radler können absurde Wegweisung bei Baustellen melden, auf fehlende Bordsteinabsenkungen und marode Wege hinweisen oder die falsche Wegführung und nicht abfließende Pfützen bemängeln. In einer GPS-Karte geben sie den genauen Standort ein und laden am besten noch ein Foto hoch.

„Gegenüber den zuständigen Ämtern sind Bilder unschlagbare Argumente“, erklärt Thomas Friede. 900 „Bremsklötze“ haben die Frankfurter schon markiert, das Radfahrbüro ist dabei, die Problemstellen abzuarbeiten. Für die pfiffige Idee, Bürgern einen direkten Draht zu geben, hat das Radfahrbüro im vergangenen Jahr den Deutschen Fahrradpreis „best for bike“ bekommen.

Manche Frankfurter rufen auch an und beschweren sich über Radfahrer. Das Miteinander auf der Straße ist ein wunder Punkt. Günter Murr vom hessischen VCD-Landesvorstand stellt bedauernd ein latentes Prinzip des Egoismus fest. Er wünscht sich Kampagnen, die eine positive Botschaft vermitteln, „um dem Etikett des Radfahrers als Restgröße und Störer zu begegnen“. Auch als Teilnehmer des Fahrgastbeirats, der die Wünsche von Bus- und Bahnkunden gegenüber dem Frankfurter Nahverkehrsunternehmen traffiq vertritt, hebt er die VCD-Stimme. „Wir haben erreicht, dass alle neu angeschafften S- und U-Bahn-Wagen mit großen Mehrzweckabteilen ausgerüstet sind“, betont Murr. „Denn das nützt allen: Familien mit Kinderwagen, Behinderten und Radfahrern.“

Die Verknüpfung von Bus, Bahn und Fahrrad auszubauen steht ebenfalls auf Günter Murrs Arbeitsliste. „Die Stadt hat bereits 2004 ein ‘Bike and Ride’-Konzept erstellt, es aber erst in Ansätzen umgesetzt.“ Für die Förderung der idealen Kombination ÖPNV-Fahrrad braucht es noch viel Überzeugungsarbeit bei Deutscher Bahn und Kommunen. Abstellanlagen fehlen und manche Stationen sind wenig fahrradfreundlich gestaltet.

Wie wollen die Radverkehrsbeauftragten also die gewünschten sechs oder mehr Prozent dazu bringen, im Alltag und im Berufsverkehr Rad zu fahren? „Hindernisse wegräumen und geeignete Infrastrukturen schaffen“, sagt der regionale Radverkehrsplaner Joachim Hochstein.

Die Bundesbank fährt Fahrrad

Die „bike+business“-Unternehmen machen’s vor. Seit dem Projektstart 2002 haben bereits 18 Unternehmen nach Analyse und Ortsbegehung einiges verändert, um den Umstieg vom Auto aufs Fahrrad zu erleichtern. Sie ließen vor allem neue Abstellanlagen sowie Duschen und Umkleideräume einrichten. Hintergedanke: Radelnde Mitarbeiter bleiben fit und gesund und die überfüll­ten Firmenparkplätze leeren sich. In Frankfurt beteiligt sich unter anderem die Bundesbank. Deren innerbetriebliche Koordinatorin Silke Graf betont: „Wir wollen vor allem die erreichen, die nur fünf Kilometer entfernt wohnen und dennoch mit dem Auto kommen.“

Zu den Radfahrern unter den Bundesbänkern gehört auch Marleen Seefloth. Sie wohnt in Bad Vilbel, einem Vorort, der elf Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt liegt. Zwar fährt sie nicht täglich, aber mindestens einmal die Woche, seit fünf Jahren bereits. „Ich bin rund 45 Minuten unterwegs und hab dann das Thema Sport für die Woche abgehakt. Ich bin nämlich kein Fan von Fitnessstudios, aber ich fahre gerne Fahrrad“, sagt die 29-Jährige lachend.

Auch Stefanie Emmert gehört zu den Umsteigern. Die 33-Jährige arbeitet bei der Softwarefirma Ericsson Telekommunikation, die ebenfalls an bike+business teilnimmt. Letztes Jahr beschloss sie, sich mehr zu bewegen, und nahm statt der U-Bahn ihr Fahrrad. „Am Anfang war das hart, weil das doch mehr Sport ist, als ich dachte. Ich bin sonst eher die gemütliche Wochenendfahrerin“, erzählt Emmert. Sie tritt zehn Kilometer quer durch Frankfurt – aber auch quer durchs Grüne. Man kann in Frankfurt meist durch Parks fahren, da es nicht nur einen Auto-, sondern auch einen Anlagenring gibt. „Ein herrlicher Weg! Ich fahre gern am Main entlang, und wenn ich ankomme, fühle ich mich richtig energiegeladen“, sagt Stefanie Emmert. „Ich möchte das gar nicht mehr missen.“

Sylvia Meise

fairkehr 3/2022

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