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Kolumne: Auf Schritt und Tritt

Ein Königreich für ein Handy

Die fairkehr-Online-Kolumnistin ist unterwegs im Smog der missverstandenen Redefreiheit.

Die Zeiten, in denen Ekel Alfred Tetzlaff zum Telefonieren noch zur gelben Telefonzelle gewatschelt ist, sind längst vorbei. Heutzutage hat jeder Enkel ein Handy und jedes Ekel die Möglichkeit, im gepolsterten Straßenbahnsitz rudimentäre Telekommunikation zu betreiben. Das vom Funkmast abhängige Ekel tritt somit immer in der königlichen „Wir“-Form auf.

Und so wie wir es schon mit Märchenohren vernommen haben, ist das Wort des Königs oder der Königin von lebenserhaltender Bedeutung für Magd und Knecht. Wenn also Uschi und Hannes mal wieder an der königlichen Tafel dinierten, („Übrigens, wir haben den Fisch gemacht, nach dem Rezept von diesem neuen jungen Fernsehkoch, nein, der ist nicht schwu…“) interessiert dieses natürlich den Rest des Pöbels, der in der königlich-kaiserlichen ÖPNV-Karosse mitfahren darf. Das ist wahre Demokratisierung. Wenn jeder plötzlich Durchlaucht ist und die durchgegebene Einkaufsliste zum Edikt erhoben wird.

Telekommunikation ist für alle da! Wir sind es alle wert! So, glaube ich, steht es irgendwo im Grundgesetz der Werbeindustrie. Man muss also kein schnieker Börsianer oder Diplomat mit handgearbeiteten Lederschuhen sein, um den öffentlichen Raum zu vereinnahmen. Versteht doch in Zeiten des Privatfernsehens jeder, dass öffentliche Selbstdarstellung eine Talkshow-Hyperrealität geschaffen hat. Die Lebensqualität maximiert sich durch die Zahl der Zuschauer oder Zuhörer. Eine einfache Rechnung.

Nur will das der Spielverderber-Rentner mit der prominenten Brille - wahrscheinlich ein beinharter Kommunist der alten Garde mit dem angestaubten Motto „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern!“ - nicht verstehen! „Junge Dame, Sie gehen mir mit Ihrem Geplapper auf den Keks!“ sagt er da doch einfach. Ein paar erschrockene Blicke des mitreisenden Gefolges, vereinzeltes schüchternes Nicken und gerunzelte Stirnen anderer königlicher Gestirne, die durch den Ausbruch ihre telekommunizierte Audienz gestört sehen. Die persönlich Angesprochene errötet und das Gespräch findet ein Ende.

Mein ganz persönlicher Vorschlag: Bücher im Feierabend-Verkehr laut vorlesen. Hörbücher sind doch angesagt. Tickets gibt’s an Ihrem Fahrkartenautomaten!

Dounia Choukri

fairkehr 4/2019