fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

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Am blauen Himmel fliegt ein Flugzeug, dass Kondensstreifen hinterlässt.
Foto: 2ndLookGraphics/istockphoto.com
Das Atoll, dass zum Inselstaat Palau gehört, liegt mitten im Pazifik.
Foto: Norimoto/istockphoto.com
Eine gelbe Lieferdrohne trägt ein Päckchen.
Foto: iLexx/istockphoto.com

Reise 1/2011

16 Uhr 50 ab Paddington

Köln–London–Dartmoor–Cornwall–Bristol/Bath–London–Köln: Tagebuch einer Rundreise durch Englands Südwesten mit Zug und Bus.

Foto: Markus CousinWanderpause im Nationalpark Dartmoor: Wind und Wetter haben in der hügeligen Landschaft Granitfelsen freigelegt.

In London: Start im Pub

London, Samstagabend.

Im Pub werden gerade zwei Plätze frei. Viele junge Leute, Paare mittleren Alters und Kleinfamilien sitzen an den großen Holztischen und tunken frisch gebackenes Weißbrot in Olivenöl. Hinterm Tresen zapft ein junger Mann Gebrautes aus den typisch britischen Bierpumpen in PintGläser. Die Sorten heißen „Eco Warrier“ und „St. Peter’s organic“ – Biobier. Schmeckt gut.

Und vor allem tut es gut nach der Zugreise von Köln über Brüssel durch den Eurotunnel nach London, der U-Bahn-Fahrt quer durch die Stadt bis zur Unterkunft und schließlich hierher ins „Duke of Cambridge“. Er ist der einzige ökologisch zertifizierte Pub Londons. Mein Freund Markus und ich trinken auf zwei Wochen Urlaub, eine Etappenreise mit dem Zug durch Südengland.

Auf den deckenhohen Kreidetafeln neben dem Tresen steht neben der Abendkarte auch etwas über die ökologische Philosophie der Gaststätte: „Alles, was wir verkaufen, ist bio.“ Und: „Wir ändern unser Angebot täglich. Was gerade keine Saison hat, setzen wir nicht auf die Karte.“ Hinter der konsequent ökologischen Gastronomie steht Pub-Chefin Geetie Singh. „Essen und Kochen sind mein Leben“, erzählt uns die 40-Jährige, „aber nicht zu jedem Preis.“ Schockiert vom verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln und empört über die Abfallberge in der Gastronomie, versuchte sie sich an einem alternativen Konzept.

Herausgekommen ist ein gemütliches Lokal, das preislich absolut mit den anderen Londoner Pubs mithalten kann. Aber das Essen im „Duke“ schlägt das übliche Kneipenessen um Längen. Die Räuchermakrelen-Pastete schmeckt fantastisch. Und von Geetie erfahren wir, dass die Makrelen von englischen Fischern vor der Südküste gefangen wurden.

Foto: Valeska Zepp

Go West

London/Exeter, Sonntag.

Nach Sightseeing und ausgiebigem Großstadtbummel freuen wir uns aufs Meer. Der Zug nach Exeter, knapp 300 Kilometer südwestlich der britischen Hauptstadt, fährt ab Paddington. Als wir aus der U-Bahn steigen, zeigt die Uhr tatsächlich 16.50 Uhr, wie im gleichnamigen Miss-Marple-Krimi.

Mörderisch geht es im Zug, der pünktlich startet, zum Glück nicht zu. Markus und ich haben einen Britrail-Pass für Touristen in der Tasche. Damit können wir einfach überall in jeden Zug steigen, ohne uns um Reservierungen oder Tarife der vielen Zugunternehmen auf der Insel kümmern zu müssen. Den freundlichen Schaffner interessieren unsere Reisepläne. Er empfiehlt unbedingt eine Wanderung durchs Dartmoor, das sich südwestlich von Exeter bis nach Plymouth erstreckt.

Nach zweieinhalb Stunden erreicht der Zug die alte, von den Römern gegründete Stadt in der Grafschaft Devon. Vor der Kathedrale im Zentrum der heutigen Universitätsstadt lassen Studenten, Touristen und Einheimische auf einer großen Wiese den Tag ausklingen. Wir kaufen Sandwiches, Ingwerlimo und Salt & Vinegar Crisps im Supermarkt und setzen uns dazu. „Hey, was soll das?“ – Die Möwen in Exeter sind frech und eine ganz besonders vorwitzige klaut mir das Essen im Flug aus der Hand.

Foto: Valeska ZeppVor der Kathedrale im Zentrum von Exeter lassen Einheimische und Touristen den Tag ausklingen.

Im Moor: Der Hund der Baskervilles

Okehampton, Dienstagvormittag.

Ein ausgiebiges englisches Frühstück ist die ideale Voraussetzung für eine Wanderung im Nationalpark Dartmoor. Unser Gastgeber Mister Bickley vom B&B Upcott House brät Eier mit Speck, Tomaten und Champignons. Die Zutaten stammen von Bauern der Umgebung. Mrs. Bickley leiht uns eine Wanderkarte und versichert, dass heute im Moor keine militärischen Schießübungen stattfinden. Wir machen uns auf den Weg in jenes Moor, in dem Sir Arthur Conan Doyle in einem seiner Krimis den Hund der Baskervilles spuken ließ. Das mittelalterliche Städtchen Okehampton liegt an der Nordseite des Dartmoors. Es besitzt keinen Bahnanschluss, aber es fahren regelmäßig Busse.

Saftige Wiesen wechseln sich mit trockenen Farnflächen ab. Soweit das Auge reicht, reihen sich Hügel an Hügel. Deren Gipfel krönen zerklüftete Granitfelsen, die sogenannten Tors. Ein heftiger Wind schickt mal Regenwolken, mal Sonnenstrahlen übers Land. Leider sind selbst mit detaillierter Karte die Wege nicht leicht auszumachen.

Als wir nach gut drei Stunden die höchsten Punkte des Moores, High Willhays und Yes Tor, erreichen, bekommen wir erst mal einen gewaltigen Schrecken: Nicht der Höllenhund, sondern ein Trupp vermummter Männer mit geschwärzten Gesichtern und Maschinengewehren erwartet uns 620 Meter über dem Meer. Zum Glück erfahren wir schnell, dass die Soldaten auf einer Erkundungsübung sind und gerade weitermarschieren wollen. Auf dem Rückweg kreuzen Dartmoor-Ponys unseren Weg. Einige Herden dieser kleinen, uralten Pferderasse leben hier noch wild. Sie kommen neugierig näher und lassen sich streicheln.

Nach sieben Stunden Wanderung fallen wir hungrig in das kleine Church Court Café in Okehampton ein und bestellen Cream Tea – eine Spezialität in Südengland. Den schwarzen Tee serviert man mit süßen Brötchen, den sogenannten Scones, mit Marmelade und Clotted Cream, einem dicken Rahm. Statt abends einen Film anzuschauen – in England scheint es in jedem kleinen Ort ein Kino zu geben – plaudern wir lieber mit Familie Bickley und genießen die Atmosphäre des herrschaftlichen Hauses aus dem 19. Jahrhundert mit hohen Decken, Blumentapeten und goldverzierten Sesseln.

Foto: Markus CousinDen Dartmoor-Ponys bei einer Wanderung zu begegnen, ist etwas wahrscheinlicher, als dem Höllenhund der Baskervilles in die Quere zu kommen.

Cornwall: Piratennester und Schmugglerpfade

Penzance, Mittwochnachmittag.

Endlich am Meer. Auch wenn die Temperatur des Wassers jetzt im September nicht mehr über 17 °C geht: Einmal muss ich ein paar Schwimmzüge wagen! Laut Reiseführer ist der Jubilee-Pool noch geöffnet. Das Freibad aus den 20er Jahren haben die Konstrukteure in Form eines Dreiecks ins Meer hinaus gebaut, damit es sich bei jeder Flut mit frischem Wasser füllen kann.

Nach einer kurvigen Busfahrt ums Dartmoor herum bis Plymouth und weiter mit dem Zug entlang der cornischen Südküste sind wir an der westlichen Endstation der Britischen Bahnen angekommen, im Hafenstädtchen Penzance. Mö­wen kreischen über den bei Ebbe trocken gefallenen Fischerbooten. Verwinkelte Gassen führen durch die Stadt. Sogar einen Schmuggler-Geheimgang, vom Pub „Turk’s Head“ zum Hafen, kann man erkunden.

Wir finden eine nette Ferienwohnung, Spazierwege zum Strand, das Fairtrade-Café Green-Bean, ein Kino – und einen Fahrradverleih. Genug zu tun für ein paar Tage. Morgen wollen wir erst mit dem Rad nach Mousehole fahren, uns das malerische ehemalige Piratennest ansehen und dann nordwärts zum Künstler- und Hafenstädchen St. Ives weiterfahren.

Foto: Valeska ZeppBald am Meer: Radfahrer in Cornwall werden mit tollen Aussichten nach schweißtreibenden Anstiegen belohnt.

Zwei Nächte im Öko-Luxushotel

Magwan Porth, Montagabend.

Wenn der Aufenthalt im Hotel Scarlet auch nur annähernd so gut ist wie das Dinner im hauseigenen Restaurant, dann will ich hier nicht mehr weg. Nach Wandern, Radfahren und Schwimmen an der Südküste Cornwalls wollen wir den Luxus des neuen Öko- und Designhotels The Scarlet an der Nordküste genießen.

Das Hotel liegt nicht direkt an der Bahnstrecke. Ab Penzance dauert die Zugfahrt knapp zwei Stunden bis zur nordwestlich gelegenen Küstenstadt Newquay. Von dort braucht ein Taxi nur ein paar Minuten für die letzten acht Kilometer zum Hotel. In der Eingangshalle fühlen wir uns gleich wohl. Keine Rezeption, sondern die grandiose Aussicht aufs Meer empfängt die Gäste. Wie aus dem Nichts taucht ein junges Mädchen in Yoga-Kluft auf, begrüßt uns und führt uns durch das Hotel. Treppauf, treppab zeigt sie uns gemütliche Leseecken, die Bar und den Wellnessbereich mit Innenpool. Draußen auf der Terrasse neben dem Schwimmteich serviert uns der Barkeeper einen Begrüßungskaffee.

Nach dem Abendessen auf der kleinen Terrasse vor unserem Zimmer lauschen wir den Wellen und blättern in einem kleinen Büchlein, in dem die drei Schwestern und Besitzerinnen Emma, Debbie und Rebecca ihr ökologisches Hotelkonzept beschreiben: Ein buntes Polster aus Grasnelken isoliert das Dach, Solarenergie wärmt den Pool und das Regenwasser fließt in die Toilettenspülung. Die Hotelmitarbeiter sind angehalten, Car­sharing zu nutzen, ihren Gästen empfehlen die Besitzerinnen Ausflüge mit Bus und Bahn oder Rad- und Wandertouren in die Umgebung. Wer ohne eigenes Auto anreist, bekommt zehn Prozent Nachlass auf die erste Nacht.

Dass lokale Produkte im Scarlet eine große Rolle spielen, haben wir schon erlebt: Die Zutaten für die saisonalen Gerichte auf der Speisekarte kauft der Chefkoch in der Region ein. Sogar die Kunstwerke sind regional: Alle Bilder und Skulpturen im Hotel stammen von Künstlern aus Cornwall. Sie thematisieren alles, nur nicht das Meer – darauf blicken die Gäste schließlich aus jedem Winkel des Hotels.

Foto: Valeska ZeppFreie Aussicht aufs Meer: Den Begrüßungsdrink nehmen die Gäste des Scarlet-Hotels auf einer der Hotelterrassen ein.

Auf ein Hasen-Bier nach Bath

Bristol/Bath, Mittwochabend, letzte Etappe.

Eigentlich wollten wir den Abend in der Altstadt von Bristol verbringen und uns erst morgen Bath anschauen. Diesen Ort, nur 15 Zugminuten von Bristol enfernt, an dem angeblich die Zeit im 18. Jahrhundert stehen geblieben ist. Aber wir haben kurzerhand umgeplant.

Markus hat im Reiseführer gelesen, dass es dort ein tolles Ale, einheimisches Bier, gibt. In den 1970ern startete in England eine Kampagne für echtes Ale. Sie setzt sich für den Erhalt und die Wiederbelebung von kleinen Brauereien und der britischen Brautradition ein. Früher hatte beinahe jedes Pub sein eigenes, unverwechselbares Bier.

The Salamander“ in Bath braut „Wild hare“. Markenzeichen ist, wie es der Name sagt, ein springender Hase. Es schmeckt würzig-herb – und ist gebraut mit Hopfen und Malz aus ökologischem Anbau. Auch das Essen im Salamander kann sich sehen lassen. Und so vergeht die Zeit sehr schnell in dem Ort, von dem man sagt, dass dort die Zeit stehen geblieben sei.

Foto: Valeska ZeppDie Pulteney Bridge über den Fluss Avon in Bath beherbergt Cafés und Geschäfte.

Letzte Übernachtung – bei echten Londonern

Foto: Valeska ZeppIm Londoner Westen kümmern sich die Farquhars um ihre B&B-Gäste.

London, Samstagmorgen.

Frühstück bei den Farquhars. Karolyn bringt Früchte, Toast und Rühreier. Ihr Mann Peter sitzt Zeitung lesend in der Küche und Kater Paul schleicht durch den Flur. Die Farquhars haben ein Zimmer in ihrem Haus im westlichen Stadtviertel Chiswick für Gäste hergerichtet und sich der Agentur „At Home in London“ angeschlossen. Wir fühlen uns ein bisschen wie echte Londoner und freuen uns über die familiäre Atmosphäre.

Gründerin von „At Home in London“, Maggie Dobson, will London-Besuchern eine Alternative zum anonymen Hotel bieten. Sie vermittelt Wohnraum auf Zeit an „Bed&Breakfast“-Gäste, aber auch an Menschen, die sich beruflich länger in London aufhalten. Auf mehr als 60 Gastgeber in Wohnvierteln wie Chiswick, Chelsea, South Kensington, Notting Hill und Westminster kann sie zurückgreifen.

Unsere Gastgeber sind zudem auch Mitglied in Maggies „Grüner Gruppe“. Sie verpflichteten sich, ihre eigenen Haushalte umweltfreundlicher zu führen, beispielsweise Energie zu sparen, Abfall zu vermeiden oder zu recyceln und damit Besuchern eine möglichst ökologische Unterkunft zu bieten. Das britische „Green Tourism’s Business Scheme“ hat „At Home in London“ als erste und bislang einzige „Bed&Breakfast“-Agentur dafür ausgezeichnet.

Peter und Karolyn ­erklären uns beim Frühstück, wie wir am besten mit der U-Bahn ins Zentrum zum Bahnhof St Pancras kommen. Und dort heißt es Abschied nehmen von den Farquhars, von London und von der Insel.

Valeska Zepp

Mit Zug, Bus und Fahrrad durch Englands Südwesten: Diese Strecke legte die fairkehr-Autorin zurück.

fairkehr 5/2021

Auf dem Cover der fairkehr 5/2021 zum Thema Citylogistik fährt ein Mann im roten Overall ein Lastenfahrrad voller Weihnachtsgeschenke.