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Politik 1/2011

Ich schau dir in die Augen

Duisburg hat fünf Hauptverkehrsknoten zu verkehrsberuhigten Plätzen umgebaut. Dafür wurde die Stadt vom VCD und der Vereinigung für Stadt-, Regional und Landesplanung ausgezeichnet.

Foto: duisburg.deDuisburg denkt um: Vierspurige Straßen werden zu „Aufenthaltsräumen für nichtmotorisierte Menschen“.

Der Opernplatz mitten in Duisburg war früher eine vierspurige Straße. Seit 2007 ist der Platz, den das alte Stadttheater und das neue Citypalais flankieren, ein verkehrsberuhigter Bereich. Keine Zebrastreifen, keine Ampelanlagen, nur eine Fläche, die von zwei blauen Schildern „Verkehrsberuhigter Bereich“ begrenzt wird. Von ihrem Schreibtisch im Amt für Stadtentwicklung und Projektmanagement im Stadthaus können Beatrice Kamper und Georg Puhe direkt auf diesen Platz schauen.

Sie ist Sachgebietsleiterin Stadtplanung, er zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, beide sind begeistert von der Umbaumaßnahme zugunsten des „nicht-motorisierten Menschen“. Wo früher die Autos mit Tempo 50 freie Fahrt hatten, gilt jetzt Schrittgeschwindigkeit. „Da, sogar das Auto aus Unna hält“, sagt Puhe erfreut. Forsch und selbstbewusst kreuzt ein Fußgängerpärchen den Platz. Beatrice Kamper lässt Zahlen sprechen: Vor vier Jahren fuhren hier täglich 20.000 Autos durch, heute sind es nur noch knapp 14.000.

In Duisburg bewegt sich etwas. Was mit der Umgestaltung des Opernplatzes erfolgreich begann, setzte sich im vergangenen Jahr fort. Fünf Verkehrsräume in Duisburger Stadtteilzentren wurden zu barrierefreien, verkehrsberuhigten Plätzen umgebaut. Rund fünf Millionen Euro steckte die Stadt in den Umbau, finanziert aus Mitteln des Konjunkturpakets II der Bundesregierung. Für das Projekt mit dem Titel „Platz für alle – Vom Verkehrsraum zum Lebensraum“ erhielt die Ruhrgebietsstadt eine Anerkennung im Rahmen des Verkehrsplanungswettbewerbs „Mobil im Quartier“. Die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) und der VCD hatten den Verkehrsplanungspreis 2010 ausgelobt.

„Für uns war an Duisburg der Ansatz interessant: eine Strategie auf Gesamtstadtebene“, erklärt Gisela Stete, Sprecherin des wissenschaftlichen Beirats des VCD, die auch der Jury vorsaß. „Duisburg will Impulse für die Quartiersentwicklung in allen Stadtteilen setzen, Kristallisationspunkte innerhalb der Quartiere in Richtung ,Platz für alle’ , konkretisiert die Darmstädter Stadt- und Verkehrsplanerin. „Das bedeutet, Verkehrsräume auch als Aufenthalts- und Aktionsräume zu begreifen.“

„Ich geh jetzt rüber“

Ortstermin mit den Duisburger Stadtplanern Beatrice Kamper und Georg Puhe am Altstadtmarkt in Hamborn im Duisburger Norden. „Vorher gab es hier eine vierspurige Straße, Tempo 50, mit Ampelkreuzung, einem schmalen Gehweg, Bushaltestellen“, sagt Puhe.

Es galt das Primat der Autos, Fußgänger waren Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse. Jetzt, nach dem kompletten Umbau, existieren neue Regeln für diese sogenannte Mischverkehrsfläche: Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer sind gleichberechtigt, sie sollen sich weder gegenseitig gefährden noch behindern. Fußgänger dürfen den Platz in der gesamten Breite queren, es gilt Schrittgeschwindigkeit, Parken ist nur auf gekennzeichneten Flächen zulässig. Blaue Schilder signalisieren Anfang und Ende des verkehrsberuhigten Bereichs. Die Verkehrsteilnehmer sollen miteinander kommunizieren, Zeichen geben, Augenkontakt aufnehmen: Ich schau dir in die Augen, Kleiner, und geh jetzt rüber!

Foto: Stadt DuisburgEinheitliches Pflaster, keine Bordsteine, Schrittgeschwindigkeit für Autos ...

Viele müssen umdenken

Doch warum parken ständig Autos widerrechtlich vor der Sparkasse, wie gerade der Audi, obwohl dort keine Parkplätze ausgewiesen sind? Ein Schönheitsfehler der Planer?

Durch den Wechsel im Belag und die Wasserrinne, sagt Beatrice Kamper, dächten die Autofahrer, dass hier ein Haltebereich sei. „Wir müssen die Leute halt erziehen“, sagt Georg Puhe. „Die Ordnungskräfte verteilen schon Knöllchen.“

Die Neugestaltung der Duisburger Stadtteilplätze ist so gut wie abgeschlossen. Von nun an sind Verkehrserzieher, Polizei und Ordnungsamt am Zug, um ihren Bürgern den Kulturwechsel, weg von autogerechten Räumen und hin zu verkehrsberuhigten, gleichberechtigt zu nutzenden Plätzen, noch schmackhafter zu machen.

Foto: Günter Ermlich... die Stadtplaner Beatrice Kamper und Georg Puhe glauben an den Erfolg von Shared Space.

Mobil im Quartier: die Gewinner

Den ersten Preis im Verkehrsplanungswettbewerb „Mobil im Quartier“ von VCD und der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung SRL erhielt die Hansestadt Bremen für ihren Carsharing-Aktionsplan. Neben Duisburg zeichnete die Jury die Wettbewerbsteilnehmer München, Rosenheim und Kassel mit einer Anerkennung aus. In allen Städten setzen engagierte Verkehrsplaner Konzepte um, die lebenswerte Plätze und Stadtteile für Menschen schaffen und die Bedingungen vor allem für Fußgänger und Radfahrer erleichtern. So werden unter anderem Hauptverkehrsstraßen umgebaut, Verkehrsknotenpunkte zu „Shared Space“-Plätzen umgestaltet und Maßnahmen erarbeitet, um den Verkehr in Stadtvierteln rad- und fußgängerfreundlich zu organisieren.

fairkehr 4/2019