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Kolumne: Auf Schritt und Tritt

Sturmfrisuren

Wenn James Dean Fahrrad gefahren wäre, wäre seine ­Frisur vor ihm gestorben.

Dean hatte sie trotz Cabrio. Viele Autofahrer haben sie immer noch: die perfekt sitzende Frisur. Besonders in SUVs, den Geländewagen für Städter mit sozialer Kontaktallergie, sitzen amerikanische Fönfrisuren. Da wird das Auto zum gehobenen Schaufenster. Der Fußgänger hingegen muss seine Frisur auf dem Altar des ungnädigen Wettergottes opfern. Freie Hände hin oder her, da hilft kein Fuchteln. Da helfen nur noch Drüberstehen – und verständnisvolle Kollegen.

Kümmert es uns sehr, wie wir aussehen, wenn wir unterwegs sind? Der ICE-Kunde lächelt nur milde und schlägt die Zeitung auf. Er hält sich da raus. Ebenso die Flugpassagierin, die in Mailand mit wellendem Haar der Maschine entsteigt.

Um Frontalfrost zu vermeiden, ziehen bestimmte Fahrradfahrer im Winter ein Stirnband über. Unbewusst mutig katapultieren sie sich fern der Tenniswelt in ein Fashion-Aus, das so groß ist wie Omis faltbarer Beutel an der Supermarktkasse.

Bliebe noch der Post-Deansche-Cabriofahrer. Der hat halblange Haare und hätte gern Locken. Alles weht. Und wenn Alexa, die neue Freundin, Jonathan, das Kind aus erster Ehe, mal in die Schule fährt, gucken alle Klassenkameraden auf den Schlitten und die Frau in dem Audrey-Hepburn-Kopftuch. Nur wer oder was ist Audrey Hepburn? Ist das der kleine, weiße, langhalsige Pudel, der den Kopf während der Fahrt aus dem Cabrio hält und trotz Sturmfrisur glücklich aussieht?

Ich hatte einen Traum

Der Autofahrer sitzt in einem Sicherheits-Spiegelkabinett. Er kann seiner Eitelkeit jederzeit frönen. Manchmal fühlt er sich ertappt. Doch dann wird’s grün und er prescht durch eine tiefe Pfütze. Dann hat auch der letzte Neider an der zugigen Bushaltestelle nasse Füße und strähnige Haare.

Ich hatte einen Traum. Ein SUV-Fahrer hält an einer Bushaltestelle und fragt, ob er ein paar Leute mitnehmen kann. Dann wachte ich auf und merkte, dass in Wirklichkeit das Auto nur einen Knirps im Fußballdress und Stollenschuhen vorm Sportverein aussteigen ließ, während Knirps Nummer zwei im Auto mit Schwimmbrille und nassen Haaren auf die Leute an der Haltestelle herabschaute. Schade.

Auch schade, dass Sturmfrisuren schon wieder out sind. Sie sind das nationale Erkennungszeichen aller Fußgänger und Radfahrer. Niemand sollte sich der herunterlaufenden Wimperntusche oder der roten Nase schämen. Auch ein Clown hat Würde. Manchmal sogar mehr als sein Publikum.

Dounia Choukri

Das hier ist die erste Ausgabe der neuen exklusiven Online-Kolumne "Auf Schritt und Tritt" von Dounia Choukri.

fairkehr 4/2019