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Editorial 6/2010

Lieber keine Carrera-Bahn

Foto: Marcus Gloger

Der Autoliebe alter Prägung weht der Zeitgeist ins Gesicht. Wenn es noch eines Beweises dafür bedurfte, ist er mit dem Formel-1-Weltmeistertitel für den Deutschen Sebastian Vettel erbracht. Oder haben Sie Renault-Flaggen wehen sehen?

Selbst konservative Zeitungen machten ein großes Fragezeichen hinter das sinnlose Im-Kreis-Herumfahren mit hoher Geschwindigkeit und horrendem Spritverbrauch. Manche verbrämten ihr Unbehagen mit der Frage, wem denn nun dieser Sieg nütze. Der deutschen Automobilindustrie, weil Vettel ein Deut­scher ist, den Franzosen, weil er mit einem Renault im Kreis fuhr, oder der Alpenrepublik Österreich, weil der Renn­stall „Red Bull“ – als ob es um Pferde ginge – vom österreichischen Hersteller einer Aufputschlimonade gesponsert wird? Einig waren sich die Kommentatoren jedenfalls darin, dass der Vettel-Sieg den deutschen Autoherstellern kaum etwas bringe.

Das mag daran liegen, dass außer Mer­cedes kein deutscher Autobauer mehr im Formel-1-Zirkus mitmischt. Bei Mercedes drängt sich – gerade in der Kombination mit dem Pistenpensionär Michael Schumacher – der Begriff anachronistisch auf. Wie die Rennsportabteilung bei Daimler stammt auch deren Fahrer aus einer anderen Zeit. Sie können halt nichts anderes.

BMW und Toyota sind da einen Schritt weiter. Diese Autobauer haben die millionenschwere Show auf den ­Betonkreiseln eingestellt, weil sie nicht mehr zu ihrem Image passt.

Auch auf der kommunalen Fahrradkonferenz in Karlsruhe passierte Ungewöhnliches. Die baden-württembergische CDU-Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Verkehr, Tanja Gönner, hatte das Ziel ausgegeben, den Radverkehrsanteil im bergigen Ländle von derzeit acht Prozent auf 20 Prozent im Jahr 2020 zu steigern. Bei derart ehrgeizigen Zielen stand schnell die Frage im Raum, ob das denn möglich sei, ohne dem Auto zu schaden. Der Karlsruher Bürgermeister Michael Obert erklärte daraufhin den rituellen Aufschrei der organisierten Autofahrer für albern. Schließlich sei der Autoverkehr fünf Jahrzehnte lang gehätschelt worden. „Das ist wie bei einem verwöhnten reichen Kind, das den Schrank voller Süßigkeiten hat“, sagte Bürgermeister Obert. „Wenn es dann mal einen Lutscher an ein armes Kind abgeben muss, heult es sich die Augen aus.“ Wohlgemerkt, der Mann ist Mitglied der FDP.

Der derzeitige Exportboom für deutsche Premiumautos vornehmlich nach China darf daher getrost als Panikblüte bezeichnet werden. Die Zeichen stehen auf Wandel. Wandel weg vom Auto, hin zu einer menschlichen Stadt, in der Fußgänger und Radfahrer sich selbstbewusst und ­sicher auf Straßen und Plätzen bewegen.

Schenken Sie Ihren Kindern oder ­Enkeln lieber keine Carrera-Bahn zu Weihnachten. Möglicherweise haben sie andere Wünsche.  

Michael Adler

fairkehr 4/2019