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Kolumne 4/2010

Mach mir den Brüderle

Foto: BMWi/OssenbrinkUmwelt-Engel Rainer Brüderle: In Autohäusern gilt bald der „Brüderle-Standard“.

Rainer Brüderle, Bundeswirtschaftsminister, tut eigentlich, was er kann, um die Energiewende und kraftvollen Klimaschutz auszubremsen. Neulich hat er sich in Brüssel gegen ehrgeizigere Klimaziele der EU ausgesprochen. Witzig – denn sein Kollege Umweltminister Norbert Röttgen hatte diese Ziele noch ein paar Tage zuvor gefordert. Beim Basteln am neuen CO2-Label fürs Autohaus hat Brüderles Ministerium anscheinend in guter, alter Tradition wieder mit der Auto­-lobby gemauschelt, damit auch Spritschlucker gut dastehen. ­Sagt jedenfalls die Deutsche Umwelthilfe, die den Wirtschafts­minister verklagt hat, weil er keine Infos dazu rausrückte.

Doch was lese ich heute Großartiges über Brüderle in der Zeitung? In Sachen Dienstwagen ist er jetzt der Sparkönig des Kabinetts, denn sein Chauffeur fährt mit einem Mercedes E 220 CDI mit 144 Gramm CO2 pro Kilometer, das sind fünfeinhalb Liter Diesel. Super! Damit setzt ausgerechnet der Wirtschaftsminister für Neuwagendeutschland einen neuen ­Standard. Wir notieren: Er hat seine Emissionen um satte 105 Gramm pro Kilometer gesenkt, denn seine alte Steinzeit-­Limou­sine hatte einen Wert von 249 Gramm pro Kilometer. Das sind über 40 Prozent weniger Sprit, Emissionen und Benzingeld für den Steuerzahler – und es ist eine echte Klatsche für BP und Konsorten.

„Mach mir den Brüderle!“ heißt also in Zukunft meine Antwort, wenn es um Neuwagenkauf und Klimaschutz geht. Der „Brüderle-Standard“, wie es künftig im Autohaus nur noch heißen wird, ist die angemessene Reaktion des Verantwortungsethikers auf BPs letzte Ölung. Mein Vorschlag mit Blick auf die neue VCD Auto-Umweltliste: 50 Prozent weniger fossilen Sprit rausblasen muss schon drin sein. Oder glauben Sie etwa, dass wir uns weniger Aktion leisten können? Ihnen ist sicher auch aufgefallen, dass uns – also der mobilen Gesellschaft – in Sachen BP bisher recht wenig eingefallen ist. Ich habe von keinem Bekannten gehört, der empört sein Auto stehen gelassen oder verkauft hat. In Deutschland gab es nicht mal einen symbolischen Boykott von BP/Aral-Tankstellen. Und zwar zu Recht. Wäre auch verdammt scheinheilig, wenn wir zwar woanders tankten, aber weiter brezelten wie bisher.

Was aber würde denn so richtig knal­len? 50 Prozent weniger unserer Kohle ins Bohrloch investieren? 50 Prozent weniger Verantwortung für den Meeres-Supergau, der täglich stattfindet? Ich bin für Boykott – für einen innovativen „Halbboykott“ oder auch „50-Prozent-Schock“ genannt. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Praxis meiner Autokaufberatung. Nehmen wir an, jemand hat einen alten Passat. Er verbraucht in der Praxis 7,5 Liter und fährt mit dem Wagen jährlich 20.000 Kilometer. Das sind also 1500 Liter Sprit im Jahr. Jetzt gibt es zwei Szenarien. Von jetzt an nur noch die Hälfte in der Gegend rumzu­-kurven ist natürlich das Eleganteste. Auch kostenmäßig. Wer beim Pendeln vom Auto aufs Rad, Pedelec oder Elektroroller umsteigen kann, hat gute Karten.

Wer aber wie Brüderle sagt, das gehe nicht, der muss sich wohl ein anderes Auto besorgen. Und hier zeigt sich der Nutzen der VCD Auto-Umweltliste: Für den alten Passatfahrer wäre ein Neuwagen mit über 100 Gramm CO2 pro Kilometer, also einer mit mehr als vier Litern Spritverbrauch, natürlich völliger Quatsch im Jahre 2010. Wer jetzt jedoch von siebeneinhalb auf vier Liter Spritverbrauch umsteigt – und die VCD Auto-Umweltliste stellt entsprechende Modelle vor – hat leichtes Spiel. Die letzten Prozente hin zum „Halbboykott“, also die letzten 750 Liter Sprit, sind durch weniger Fahren leicht zu schaffen. Und durch das sogenannte i-Tempolimit von 117 Stundenkilometern auf der Autobahn. Das habe ich mit Apple zusammen entwickelt. i steht dabei für „ich“ und wird wie alles von Apple bald rasend populär sein.

Martin Unfried

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